Praxis & Wissen

Ratgeber Leben

Social Media im Kinderzimmer

Text Katrin Schreiter – Illustration Tim Dinter

Die Politik fordert strengere Regeln, Fachleute warnen vor Suchtgefahr. Ein viel diskutierter Vorschlag ist eine Altersgrenze für Social Media. Profil hat sich das Thema vorgenommen.

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Immer mehr Staaten verschärfen ihre gesetzlichen Regelungen, um Kinder und Jugendliche besser vor den Risiken sozialer Netzwerke zu schützen. Den Anfang machte Australien: Seit dem 10. Dezember 2025 ist dort Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren der Zugang zu Plattformen wie Tiktok, Instagram, Snapchat und Youtube per Gesetz verboten. Zahlreiche EU-Länder planen bereits eigene Social-Media-Verbote, darunter Dänemark, Spanien, Griechenland und Frankreich. Mitte Juli haben EU-Experten ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 Jahren vorgeschlagen. Bis Herbst will die EU-Kommission nun einen entsprechenden Gesetzesvorschlag erarbeiten.

In Australien wurden seit der Einführung des Verbots knapp fünf Millionen Konten von Minderjährigen deaktiviert. Die Bilanz fällt jedoch eher ernüchternd aus: Die Mehrheit der Jugendlichen nutzt die blockierten Plattformen einfach weiter – sei es durch Fake-Accounts oder falsche Altersangaben.

Problematische Kontakte im Internet, die zu Ausgrenzung und Demütigung führen können, nehmen in den sozialen Medien zu.

Foto: Tanja M. Marotzke

Beschränken, verbieten, kontrollieren

Die Debatte läuft auch hierzulande auf Hochtouren. So gibt es etwa ein Votum der Leopoldina für eine Altersgrenze, vom Ethikrat dagegen nicht. Im Juni veröffentlichte die Bundesregierung die Empfehlungen einer von Bundesjugendministerin Karin Prien (CDU) eingesetzten Expertenkommission. Demnach soll es demnächst entweder eine gesetzliche Mindestaltersgrenze von 13 Jahren für soziale Medien geben oder spezifische Beschränkungen je nach Risiko des Angebots.

Mediencoach Iren Schulz von der Initiative „Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht“ (www.schau-hin.info) erklärt, wo die Herausforderungen liegen. „Zum einen geht es um problematische Onlineinhalte wie Gewalt oder Fake News, mit denen oftmals schon die Jüngsten konfrontiert werden.“ Auch problematische Kontakte im Internet, die zu Ausgrenzung und Demütigung (Cybermobbing) oder zu sexueller Belästigung (Cybergrooming) führen können, nehmen in den sozialen Medien zu, so die promovierte Medienpädagogin. „Und nicht zuletzt steigen die finanziellen Risiken, wenn Kinder über Apps oder Spiele digitale Zusatzprodukte, Abonnements oder Spielwährungen kaufen oder auf Influencer-Marketing reagieren.“

Zahlreiche Studien zeigen, welche gesundheitlichen Folgen der unkritische, unbegleitete und ungefilterte Konsum sozialer Medien haben kann: Kinder und Jugendliche fühlen sich eher antriebslos oder niedergeschlagen, ernähren sich schlechter und hadern stärker mit ihrem Körperbild. Zudem bewegen sie sich häufig weniger, leiden öfter unter Schlaf- und Sehproblemen oder Kopfschmerzen und entwickeln ein geringeres Selbstwertgefühl. Auch die Konzentrations- und die Aufmerksamkeitsfähigkeit können unter übermäßigem Medienkonsum leiden.

Entwicklungspsychologisch müsse man vor allem bei den Jüngsten darauf achten, dass sie die Welt mit allen Sinnen erleben und erfahren können. „Aber gleichzeitig dürfen sie natürlich mit Oma und Opa einen Videoanruf machen oder Fotos auf dem Handy anschauen. Alles andere ist in unserer heutigen Zeit kaum realistisch.“ Ein generelles Verbot digitaler Medien sieht Schulz kritisch. „Digitale Medien, Smartphones und Co. mit all ihren Anwendungen gehören zu unserer Lebenswelt, zu unserem Alltag und zu unserer Gesellschaft“, erklärt sie. „Nahezu jeder gesellschaftliche Bereich ist heute medial durchdrungen. Also müssen Kinder und Jugendliche auch lernen, gut und sicher damit umzugehen.“ Verbote und Altersgrenzen würden Kinder zwar vor vielen negativen Begleiterscheinungen der digitalen Welt schützen. „Aber sie verhindern zugleich, dass Kinder lernen, damit umzugehen: zu durchschauen, was Fake News sind, was verzerrte Körperbilder und Schönheitsvorstellungen sind, was Werbung ist und wie In-App-Käufe funktionieren.“

Die erste Begegnung von Kindern mit digitalen Medien findet nicht bei Tiktok statt, sondern zu Hause.

Eltern müssen begleiten

Nicht zuletzt sieht Schulz auch die Eltern in der Pflicht. „Denn die erste Begegnung von Kindern mit digitalen Medien findet nicht bei Tiktok statt, sondern zu Hause.“ Deshalb müssten sich Eltern zum einen ihrer Vorbildfunktion bewusst sein, zum anderen den Medienkonsum ihrer Kinder altersgerecht begrenzen und begleiten. Dabei sollten Kinder im Kindergartenalter nur ausgewählte, kindgerechte Angebote nutzen dürfen. „Je älter sie werden, desto mehr wächst ihre Neugier und ihr Wunsch nach Selbstständigkeit. Für die Eltern heißt das: genau hinschauen!“, meint die Medienpädagogin. „Klare Regeln und Routinen auf der Grundlage einer vertrauensvollen Beziehung sind hilfreiche Bausteine gelingender Medienerziehung.“

Ihr Fazit: „Altersgrenzen sind ein wichtiger Baustein, um sich zu orientieren, welche Medienangebote angemessen und sicher sind. Sie entbinden Eltern und Schule jedoch nicht davon, Kinder und Jugendliche bei ihren ersten Schritten in der Medienwelt zu begleiten, ihnen Medienkompetenz zu vermitteln und selbst Vorbild zu sein.