Katrin Edinger (rechts) im Gespräch mit Andreea Schade, die Mitglied in der IGBCE ist und sich im Betriebsrat engagiert.
Foto: Blitzfang Medien
Lohnt sich – auch für AT
Außertariflich beschäftigt und Mitglied in der Gewerkschaft? In dieser Folge von „Praxis & Wissen“ erklären wir, warum das besser zusammenpasst, als viele denken.
Die Zahl der außertariflich (AT) Beschäftigten nimmt stetig zu. Vor allem in IGBCE-Branchen wie Pharma, Biotech und Halbleiter, aber auch im Bereich Forschung und Entwicklung oder in Hauptsitzen von Unternehmen sind AT-Beschäftigte besonders häufig vertreten. Das liegt zum einen an der Akademisierung dieser innovativen Branchen, zum anderen daran, dass Arbeitgeber immer mehr Beschäftigten einen individuellen AT-Vertrag außerhalb des tarifvertraglichen Rahmens anbieten.
Das ist zunächst einmal schmeichelhaft und ein scheinbarer Schritt auf der Karriereleiter nach oben. Allerdings hat ein solches Angebot für Arbeitnehmer auch Nachteile: Zwar liegt die Bezahlung von AT-Beschäftigten meist über der höchsten tariflichen Vergütungsgruppe – allerdings kann die Arbeitszeit höher sein und viele tarifvertragliche Regelungen und Ansprüche können umgangen werden. Beschäftigte sollten also genau schauen, ob sich der AT-Status wirklich lohnt – oder ob sie sich vor allem selbst ausbeuten.
Aber was haben Gewerkschaft und Betriebsrat grundsätzlich mit AT zu tun? Zum einen ist der Betriebsrat auch für AT-Beschäftigte zuständig; Betriebsvereinbarungen etwa zu Weiterbildung, Urlaubsplanung oder Ähnlichem gelten in der Regel auch für sie. Zum anderen können auch Rahmenregeln für AT-Entgelte in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben werden. Und: Ein Tarifvertrag definiert die Bedingungen für AT-Arbeitsverhältnisse. In der chemischen Industrie ist das eine monetäre Untergrenze für AT-Beschäftigte. Das AT-Gehalt muss oberhalb der tariflichen Entgelte liegen. Somit ziehen Tariferhöhungen auch den Anspruch auf eine Anpassung des Entgelts für AT-Kräfte nach sich. Die Geltendmachung dieses Anspruchs liegt allerdings bei den AT-Beschäftigten selbst, die IGBCE unterstützt mit rechtlicher Beratung und Rechtsschutz.
Zudem können Tarifverträge indirekt auch die Arbeitsbedingungen von AT-Beschäftigten beeinflussen und verbessern. So gewähren einige Unternehmen in der Chemie beispielsweise auch ihren AT-Beschäftigten Zugang zur tariflich vereinbarten Zusatzpflegeversicherung Careflex Chemie.
Man kann darauf warten, dass andere die Probleme lösen, oder man gestaltet selbst mit, und das ist mein Antrieb als Betriebsrätin.
Andreea Schade,
Diplom-Ökonomin bei B. Braun in Melsungen
Netzwerk für AT-Beschäftigte
Seit mehreren Jahren bemüht sich die IGBCE verstärkt um die AT-Klientel, hat deswegen eine eigene, regional verteilt arbeitende Abteilung geschaffen und das KAAT-Netzwerk gegründet (KAAT steht für kaufmännisch, akademisch und außertariflich): Mit dem jährlich stattfindenden KAAT-Dialog wurde ein Netzwerktreffen etabliert, bei dem sich IGBCE-Mitglieder, Betriebsratsmitglieder, Vertrauensleute und weitere Aktive treffen und zu KAAT-Themen austauschen können. Erst vor wenigen Wochen fand der sechste KAAT-Dialog mit rund hundert Aktiven statt, der nächste ist für kommenden Sommer geplant.
Dieser Austausch von aktiven Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern aus dem KAAT-Bereich ist wichtig: Denn auch sie sind wahlberechtigt und wählbar, wenn es um Gremien der Mitbestimmung wie etwa den Betriebsrat geht. Sie sind also Teil der direkten Interessenvertretung im Betrieb.
Markus Bock, Diplom-Betriebswirt und freigestellter Betriebsrat bei der K+S-Aktiengesellschaft, weiß die Vorteile des KAAT-Netzwerks zu schätzen. KAAT biete unter anderem „eine exklusive Rechtsberatung mit einer Hotline. Mit einer vollständigen Kostenübernahme ohne eine Selbstbeteiligung habe ich hier eine wirklich gute Rechtsberatung im Hintergrund“, weiß Bock, der vor seiner Freistellung für das Ideenmanagement bei K+S zuständig war. „Die Qualifizierung und die persönliche Entwicklung stehen auch an vorderster Stelle. Hier bietet das KAAT-Netzwerk Seminare und Webinare an, beispielsweise zum Thema Arbeitszeiterfassung, AT-Vergütung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz.“
Auch Andreea Schade, Diplom-Ökonomin bei B. Braun in Melsungen, ist freigestellte Betriebsrätin und kommt aus dem KAAT-Bereich. „Ich engagiere mich als Betriebsrätin, weil ich meinen Kolleginnen und Kollegen eine starke Stimme geben möchte – und zwar allen, im kaufmännischen Bereich und auch darüber hinaus“, erklärt Schade. Ihr Antrieb sei klar: „Man kann darauf warten, dass andere die Probleme lösen, oder man gestaltet selbst mit, und das ist mein Antrieb als Betriebsrätin.“ Für sie ist klar: „Mitbestimmung nützt allen Beschäftigten, auch den AT-Angestellten. Und es ist übrigens ein Mythos, zu glauben, dass Mitbestimmung nichts für AT-Angestellte ist“, erklärt sie.
Wir sind alle in einem Unternehmen und wir müssen zusammenhalten, um unsere Ziele zu erreichen und die Beschäftigten zu schützen.
Sascha Vinzenz,
Einkäufer im Team Binnenschifffahrt bei BASF
Starke Gewerkschaft für alle
„Viele AT-Beschäftigte arbeiten im Einzelkämpfermodus. Genau deshalb brauchen sie die Gemeinschaft – und Solidarität gibt Rückhalt, schafft Sicherheit und stärkt unsere gemeinsame Durchsetzungskraft.“ Alle Beschäftigten bräuchten Mitbestimmung, Respekt, Wertschätzung, Transparenz und vor allem gute Arbeitsbedingungen. „Ich möchte deshalb allen ans Herz legen, sich einzubringen, aktiv oder passiv in der Gewerkschaft und sogar im Betriebsrat. So stärken wir unsere Mitbestimmung und unsere demokratische Kultur.“
Für Sascha Vinzenz, Einkäufer im Team Binnenschifffahrt bei BASF und überzeugtes Gewerkschaftsmitglied, ist zudem die Solidarität zwischen Tarif- und AT-Beschäftigten ein wichtiger Punkt: In seinem Unternehmen sei der Anteil der AT-Beschäftigten mittlerweile auf rund 25 Prozent gestiegen. „Das heißt, der Tarifbereich nimmt ab, und dadurch ist auch der Tarif gefährdet. Die Verhandlungsmasse wird immer kleiner, und dann muss die AT-Belegschaft mit in die Gewerkschaft, um halt wieder für alle zu kämpfen“, findet er. Zudem bedeute AT teilweise auch „Freiwild“. Er komme selbst aus dem Tarifbereich und habe sich in den AT-Bereich entwickelt, kenne jetzt also beide Seiten. Auch für AT-Beschäftigte sei „Schutz und Gestaltung nötig“. Es gehe dabei um Solidarität. „Wir sind alle in einem Unternehmen und wir müssen zusammenhalten, um unsere Ziele zu erreichen und die Beschäftigten zu schützen.“