Arbeit & Gesellschaft

News

News

Politik & Soziales

Chemie3

Transformation braucht einen starken Industriestandort

Dialog: Michael Vassiliadis, Katja Scharpwinkel und Markus Steilemann (von links).

Foto: CWFG | Frank Nürnberger

Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung: Sie will ihre Transformation hin zur Klimaneutralität entschlossen vorantreiben gleichzeitig verschärfen wirtschaftliche Belastungen und internationale Konkurrenz die Wettbewerbslage. Anlässlich der Veranstaltung „Standort unter Druck“ der Nachhaltigkeitsinitiative Chemie3 von BAVC, IGBCE und VCI Anfang Juli haben Vertreterinnen und Vertreter aus Branchenverbänden und Gewerkschaft gemeinsam betont, dass die Transformation gelingen kann, wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen.

„Die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie stehen zum Ziel der Klimaneutralität und treiben die Transformation voran“, erklärt Markus Steilemann, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). „Damit diese Transformation in Deutschland und Europa gelingt, brauchen wir jedoch einen klaren politischen Kurs: wettbewerbsfähige Energiepreise, schnellere Genehmigungen und ein innovationsfreundliches Umfeld.“ Die Branche bleibe ein zentraler Pfeiler der industriellen Wertschöpfung: „Die Chemie ist Grundlage für zahlreiche Zukunftstechnologien – etwa bei der Energieerzeugung, der Mobilität oder der Kreislaufwirtschaft. Es liegt im gemeinsamen Interesse, diese industrielle Basis zu stabilisieren und auch wieder zu stärken“, so Steilemann weiter.

Katja Scharpwinkel, Präsidentin des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC), betonte: „Die Transformation ist ein harter Stresstest für unsere Branche, gerade angesichts der geopolitischen Krisen und der großen Herausforderungen am Standort Deutschland. Aber unser Land hat mit seinem Know-how und seinen Fachkräften große Potenziale, die uns im internationalen Wettbewerb Vorteile verschaffen. Wir müssen mit strukturellen Reformen dafür sorgen, dass uns hohe Kosten für Energie, Arbeit und Bürokratie nicht länger ausbremsen. Nur wenn wir Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen, können wir Arbeitsplätze in der Branche halten und unseren Beitrag zu ökologischen Zielen wie CO2-Reduktion oder Kreislaufwirtschaft leisten.“

Der Vorsitzende der IGBCE, Michael Vassiliadis, hob die Perspektive der Beschäftigten hervor: „Deutschland verliert aktuell mehr als 10.000 Industriearbeitsplätze pro Monat – und ein Teil davon ist aus der Chemie. Das sind gut bezahlte, tariflich abgesicherte Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung für den Standort Deutschland. Wir müssen diesen Aderlass endlich stoppen und die Industrie wieder auf Wachstumskurs bringen. Dazu braucht es jetzt dringend eine Agenda für ein zukunftsfähiges Deutschland. Da ist nicht die Politik allein gefragt, sondern auch die Unternehmen und Gewerkschaften. Wir laden alle ein, gemeinsam in ein Jahrzehnt des Aufbruchs zu starten“, so Vassiliadis.

Europäischer Emissionshandel

„Anpassungen sind zu zaghaft

Energieintensive Unternehmen leiden unter den bestehenden Regularien.

Foto: Thomas Victor

Mitte Juli hat die EU-Kommission Vorschläge zur Reform des Europäischen Emissionshandelssystems (ETS) vorgelegt. „Die Anpassungen sind zu zaghaft, der Zeitgewinn für die Transformation der Industrie zu gering, die Zielvorgaben nur etwas weniger utopisch“, kommentierte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis die Pläne. Der europäische Emissionshandel könne als zentrales Instrument klimagerechter Transformation nur funktionieren, wenn er zu Modernisierung, Wachstum und neuen Arbeitsplätzen führe – und nicht zu Abbruch und Abwanderung. Letzteres war in der jüngeren Vergangenheit immer häufiger der Fall.

Nach den Plänen der Kommission soll die Zahl der Zertifikate nun zwar langsamer sinken, und der Emissionsminderungspfad dürfte damit bis Mitte der 2040er-Jahre gestreckt werden. Auch diese Ziele blieben angesichts der Megaherausforderungen rund um den zur Transformation notwendigen Umbau von Energieversorgung und -infrastruktur jedoch unrealistisch. Als „im Grundsatz richtig“ bewertete Vassiliadis das Vorhaben der Kommission, die Vergabe von kostenlosen Zertifikaten abhängig zu machen von konkreten Investitionen der Industrie in ihre Transformation. „Wir haben als IGBCE stets gefordert, dass es Anreize für Investitions-, Standort- und Jobzusagen der Betriebe in Europa geben muss“, so Vassiliadis.

Für konkrete Reformoptionen hatte die IGBCE ein Positionspapier erarbeitet, das den akuten industriepolitischen Handlungsbedarf aufzeigt. Das Papier legt dar, wie der Emissionshandel weiterentwickelt werden kann, um die industrielle Transformation zu ermöglichen und gleichzeitig Gute Arbeit sowie industrielle Standorte in Europa zu sichern.

Das Positionspapier findest du hier.

KAAT-Dialog

Neue Perspektiven

Der KAAT-Dialog bot fachliche Impulse, Diskussionen und Austausch.

Foto: Nadine Cardenäo

Erfahrungen teilen, voneinander lernen und gemeinsam Lösungen entwickeln: Genau darum ging es beim sechsten KAAT-Dialog der IGBCE. Rund neunzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen Anfang Juli zusammen, um aktuelle Herausforderungen für kaufmännische, akademische und außertarifliche Beschäftigte (KAAT) zu diskutieren. Themen wie die EU-Entgelttransparenzrichtlinie, Aufhebungsvereinbarungen oder die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt standen dabei im Mittelpunkt. In fünf Workshops diskutierten die Teilnehmenden über Entwicklungen in ihren Betrieben, teilten Erfahrungen und entwickelten gemeinsam Lösungsansätze.

Mindestens genauso wichtig waren jedoch die Gespräche zwischen den Programmpunkten. Viele nutzten die Gelegenheit, um Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und neue Perspektiven kennenzulernen. „Ich nehme viele neue Ideen und Denkanstöße mit, die ich in meine Betriebsratsarbeit einbringen kann. Gleichzeitig hat der Austausch gezeigt, dass viele Betriebe vor ähnlichen Herausforderungen stehen – und wir voneinander profitieren können“, resümierte Martina Neumann, Betriebsrätin bei Bayer in Leverkusen.