Vor Ort

Bayern

Mehr als verhandeln

Text Michael Kniess

Mitentscheiden statt zuschauen: Mit den Tarifkommissionswahlen beginnt die Suche nach Menschen, die die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen aktiv mitgestalten.

Sie bringen ihre Perspektiven ein und übernehmen Verantwortung: Sibylle Geyer, Andreas Hinterstoißer, Yvonne Hähnlein und Hubert Wagner (von links) engagieren sich in der Tarifarbeit.

Fotos: privat (4)

Wenn Tarifverhandlungen beginnen, stehen meist die Ergebnisse im Mittelpunkt: mehr Geld, verbesserte Arbeitsbedingungen und Co. Was oft im Hintergrund bleibt, ist der Weg dorthin. Forderungen entstehen nicht am Reißbrett, sondern in den Tarifkommissionen – dort, wo Kolleginnen und Kollegen aus den Betrieben ehrenamtlich ihre Erfahrungen, Ideen und Erwartungen zusammenbringen. Gesucht werden dafür Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Tarifpolitik mitzugestalten. In diesem Jahr werden sie turnusmäßig wieder gewählt.

Seit 2014 gehört Sibylle Geyer, Betriebsratsvorsitzende beim Porzellan-, Glas- und Keramikhersteller Rosenthal am Standort Selb, der Tarifkommission der feinkeramischen Industrie an. „Ich möchte die Interessen unseres Betriebs einbringen und mich für die Kolleginnen und Kollegen engagieren“, sagt sie. Gleichzeitig bedeute Tarifarbeit weit mehr, als möglichst hohe Forderungen aufzustellen. „Man muss immer abwägen. Es bringt nichts, wenn Forderungen am Ende Arbeitsplätze gefährden.“ Gerade dieses Ringen um tragfähige Lösungen mache die Arbeit spannend. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Unternehmen erweitere zudem den eigenen Blick.

Je mehr mitwirken, desto schneller und einfacher wird ein Ergebnis erzielt.

Hubert Wagner,
Betriebsratsvorsitzender bei Parat in Neureichenau

Ähnlich beschreibt Yvonne Hähnlein von Heinz-Glas in Kleintettau ihre Motivation, sich in der Tarifarbeit zu engagieren. Seit neun Jahren arbeitet sie in der Tarifkommission mit. Für die Betriebsrätin ist das Gremium der Ort, an dem die Anliegen aus den Betrieben unmittelbar in die Tarifpolitik einfließen. „Hier kann ich Wünsche, Anregungen und Probleme direkt in die Gewerkschaft und an die Arbeitgeberseite tragen.“ Wer mitarbeite, übernehme Verantwortung – nicht nur für den eigenen Betrieb, sondern für die gesamte Branche.

Genau darin sieht auch Andreas Hinterstoißer, Betriebsratsvorsitzender des Standorts Saline Bad Reichenhall der Südwestdeutschen Salzwerke AG, die besondere Stärke der Tarifkommissionen. Seit zwölf Jahren engagiert er sich in der Tarifarbeit. Sein Blick richtet sich bewusst über den eigenen Standort hinaus. „Man muss das Gesamtpaket betrachten“, sagt er. Ein guter Tarifabschluss müsse allen Standorten gerecht werden und langfristig Bestand haben. Ebenso wichtig sei es, die Entscheidungen anschließend verständlich zu erklären. „Die Kolleginnen und Kollegen müssen nachvollziehen können, warum bestimmte Schritte gegangen wurden.“ Sein Fazit: „Nur mit vielen kann man viel erreichen.“

Dass Tarifarbeit auch die eigene Haltung verändert, hat Hubert Wagner, Betriebsratsvorsitzender beim Kunststoffverarbeiter Parat in Neureichenau, selbst erlebt. Seit mehr als zwanzig Jahren engagiert er sich in Tarifkommissionen. „Ich habe gelernt, dass es nicht reicht, nur zu schimpfen und zu hoffen, dass andere etwas verändern.“ Stattdessen habe er erfahren, dass die eigene Stimme Gewicht bekomme, wenn man sich einbringe. Besonders wichtig ist ihm, Tarifabschlüsse transparent zu erklären. Wer nachvollziehen könne, wie Kompromisse entstehen, entwickle auch Verständnis für das Ergebnis. „Je mehr mitwirken, desto schneller und einfacher wird ein Ergebnis erzielt“, ist er überzeugt.

Genau davon leben Tarifkommissionen: von unterschiedlichen Erfahrungen, offenen Diskussionen und dem Willen, gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden. Die anstehenden Wahlen bieten die Gelegenheit, Teil dieses Prozesses zu werden. Denn gute Tarifpolitik entsteht dort, wo Beschäftigte ihre Perspektiven einbringen und Verantwortung füreinander übernehmen.