Menschen & Gemeinschaft

Betriebsausflug

Video: Schätze über und unter Tage – unterwegs im Geopark Westerwald-Lahn-Taunus

Die Spur der Steine

Text Gerd Schild – Fotos Moritz Küstner

Um neue Mitglieder zu gewinnen, läuft bei der IGBCE die Sommerkampagne „Bist du drin, hast du’s raus“. Die Idee: Aktionen erzeugen Aufmerksamkeit, persönliche Gespräche überzeugen potenzielle Mitglieder. Gute Argumente? Gibt’s genug. Der Sommer ist noch lang. Jetzt ist Mitmachen gefragt.

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Auf dem Bergbau-Trail ging es einst zur Zwölf-Stunden-Schicht in die Grube Fortuna. Heute ist der Weg eine von vielen Attraktionen im Geopark.

Es ist nicht warm, es ist heiß. Fast vierzig Grad Celsius zeigt das Thermometer an diesem Samstag Ende Juni. Es ist der Höhepunkt der Hitzewelle, auch hier im Wald unweit von Wetzlar, Mittelhessen. Doch dann gehen Jochen Hartmann und Matthias Krzyzyk ein paar Schritte nach vorn, auf die halbrunde Öffnung im Berg zu. Hartmann zeigt auf den Schriftzug darüber und lacht: „Gott segne den Bergbau!“ Mit jedem Meter, den sich die beiden dem Eingang nähern, sinkt die Temperatur merklich, bis man denkt, vor einer geöffneten Supermarkt-Gefriertruhe zu stehen.

Der Bergbau war für die Menschen rund um die Grube Fortuna, in deren Stollen man hier blicken kann, hart erarbeitete Lebensgrundlage. Und er hat Mensch und Natur verändert.

Hartmann und Krzyzyk kennen sich aus in der hügeligen Region zwischen Lahn und Dill. Beide wohnen in Ehringshausen auf der anderen Seite des Berges. In ihrer Kindheit konnte man in den Wäldern der Region leicht in Schächte und Gruben einsteigen. „Das waren schon Abenteuer“, sagt Hartmann. Krzyzyk nickt. Heute seien die alten Zugänge gut gesichert.

Jochen Hartmann und Matthias Krzyzyk sind keine Bergleute. Beide haben beim Kunststoffspezialisten Omniplast gearbeitet, einem Tochterunternehmen von Buderus: Hartmann blieb als gelernter Industriekaufmann, bis Omniplast 2020 Insolvenz anmelden musste, und ging in den Ruhestand. Krzyzyk war zwischenzeitlich im Automotive-Bereich tätig und ist heute Customer-Quality-Manager bei einem Optikhersteller, der in Wetzlar Linsen etwa für Medizingeräte produziert.

Bedeutendes Industriedenkmal: Die historische Einrichtung im Stöffel-Park zeigt, wie der Abbau von Basalt jahrzehntelang funktionierte. Zu sehen sind auch bedeutende Fossilien wie die Stöffelmaus.

Verbunden mit dem Bergbau

Im Bergbau der Region ist längst Schicht im Schacht, 1983 schloss die Grube Fortuna als letztes Erzbergwerk in Mittelhessen. Aber natürlich hat hier praktisch jeder jemanden in der Familie, der eingefahren ist. Und so wundert es nicht, dass auch die IGBCE-Ortsgruppe, in deren Vorstand die beiden Wanderer aktiv sind, bis heute Fortuna heißt. „Wir fühlen uns dieser Tradition verbunden“, sagt Jochen Hartmann. Und außerdem sei die Grube heute als Industriedenkmal mit Restaurant und Spielplatz weiter ein wichtiger Ort für diese ländliche Region.

Die Grube Fortuna ist das Zentrum des Geoparks Westerwald-Lahn-Taunus (WLT). Geoparks sind Regionen, die über ein besonders reichhaltiges geologisches Erbe verfügen. Hier bekommt man Einblicke in die Erdgeschichte und kann dabei Zeit in der Natur verbringen. Da die Geoparks oft in eher strukturschwachen Räumen liegen, sind sie wichtig für Tourismus und Regionalentwicklung. In Deutschland gibt es zwanzig Regionen, die mit dem Prädikat Nationaler Geopark ausgezeichnet sind, darunter das Ruhrgebiet, die Vulkaneifel und die Schwäbische Alb.

„Geoparks vermitteln sowohl den Menschen vor Ort als auch Besucherinnen und Besuchern die Bedeutung der Geologie für die Gestalt der jeweiligen Region“, sagt Jan Bosch, Betriebsleiter des Geoparks, und ergänzt: „Sie öffnen Fenster in die Erdgeschichte.“ Der Geograf interessiert sich dafür, wie Natur und Mensch Räume verändern. Er kann erzählen, dass vor etwa 380 Millionen Jahren, im Erdzeitalter Devon, ein Ozean weite Teile der Region bedeckte. Das Klima war tropisch, an den Rändern von Vulkaninseln wuchsen Korallenriffe wie heute in der Südsee. Daraus entstand Kalkstein, der heute in vielen Dingen des Alltags steckt, etwa in Zement oder Zahnpasta. Basalt und Ton sind zwei weitere Rohstoffe mit Bedeutung vor allem für den Westerwald. Und in vielen Kirchen der Region kann man den Lahnmarmor bewundern, einen polierfähigen Kalkstein.

Abkühlung beim Wandern: Matthias Krzyzyk und Jochen Hartmann (rechtes Foto, von links) nutzen die Grube Fortuna. Bei Yanica Vitt (Herbstlabyrinth) und Jan Bosch (Geopark) sind es nur neun Grad.

Abkühlung beim Wandern: Matthias Krzyzyk und Jochen Hartmann (unteres Foto, von links) nutzen die Grube Fortuna. Bei Yanica Vitt (Herbstlabyrinth) und Jan Bosch (Geopark) sind es nur neun Grad.

Im Gebiet des Geoparks Westerwald-Lahn-Taunus erlebt man auf fast 3.600 Quadratkilometern 400 Millionen Jahre Erdgeschichte und mehr als 2.500 Jahre Bergbaugeschichte. Jan Bosch hat viele Lieblingsorte. Drei davon zeigt er heute.

Los geht’s im Stöffel-Park, einem der bedeutendsten Industriedenkmäler im Westerwald. Mehr als hundert Jahre wurde hier Basalt abgebaut, heute kann man historische Brecheranlagen, Werkstätten und Verladeeinrichtungen erkunden. Bekannt ist der Stöffel-Park auch wegen seiner Fossilien, die in den Ablagerungen eines einstigen Kratersees zu Tausenden entdeckt wurden – darunter neben Pflanzen, Insekten, Vögeln und Krokodilen auch die berühmte Stöffelmaus, ein früher gleitfliegender Kleinsäuger. Die Funde werden im Museumsgebäude Tertiärum präsentiert.

Vom Stöffel-Park ist es nicht weit bis zur Holzbachschlucht. Zwischen Gemünden und Seck im Westerwald hat sich der Holzbach über Jahrtausende bis zu dreißig Meter tief in Basaltgestein eingeschnitten und eine rund 1,5 Kilometer lange Schlucht geschaffen. Beim Besuch Ende Juni weht dort angenehm kühler Wind.

„Die nächste Attraktion ist ein cooler Tipp für heiße Tage“, sagt Jan Bosch und muss lachen. Denn im Herbstlabyrinth bei Breitscheid sind es durchgehend neun Grad. Kohlensäurehaltiges Wasser hat in Millionen von Jahren das fast 14 Kilometer lange Höhlensystem aus den Kalksteinen gelöst. Erst 1993 wurden die Höhlen entdeckt, ein kleiner Teil ist seit 2009 für Besucherinnen und Besucher zugänglich und gehört mit schneeweißen bis durchsichtigen Tropfsteinen zu den spektakulärsten Schauhöhlen in Deutschland. „Höhlenschutz hat hier absolute Priorität“, sagt Jan Bosch. Vor allem die speziell für dieses sensible Ökosystem entwickelte LED-Beleuchtung habe weltweit Maßstäbe gesetzt.

Vierzig Kilometer von der Grube Fortuna entfernt erfrischt der Holzbach.

Schwere Steine, schwere Arbeit

Die Natur hat die Karsthöhle Herbstlabyrinth geformt, doch viele andere Attraktionen im Geopark gäbe es nicht ohne den Abbau von Rohstoffen im damaligen Lahn-Dill-Revier und im Westerwald. Das sieht man auch, wenn man um die Grube Fortuna wandert. Jochen Hartmann von der IGBCE-Ortsgruppe bleibt auf einem eher steilen Teil des Weges stehen, hebt einen Stein auf, wiegt ihn in der Hand. „Schwere Dinger sind das, voll mit Eisen“, sagt er. Roteisenstein nennt man die Steine, die hier den Wanderweg bilden, mit einem Eisenanteil von etwa 45 Prozent. Das Eisenerz war lange der Rohstoff der Region, der die Wirtschaft antrieb. 15.000 Bergleute schufteten Ende des 19. Jahrhunderts hier. Der Abbau ging weiter, bis er sich nicht mehr lohnte.

Mich fasziniert dieser Antrieb, Neues zu schaffen.

Jochen Hartmann,
IGBCE-Ortsgruppe Fortuna

Entlang des vier Kilometer langen Bergbau-Trails rund um die Grube Fortuna wandern Hartmann und Krzyzyk auf den Spuren der Bergbaugeschichte, gehen am ehemaligen Tagebau genauso vorbei wie am alten und am neuen Maschinenhaus. In letzterem läuft die Fördermaschine von 1958, die heute Besucherinnen und Besucher bis in 150 Meter Tiefe bringt. „Mich fasziniert dieser Entdeckungsdrang des Menschen, dieser Antrieb, Neues zu schaffen, neue Techniken zu erarbeiten“, sagt Hartmann.

Heute dienen die Wege der Naherholung: viel Grün, frische Luft, ein schattiger Wanderweg. An einer massiven Sitzbank mit dem Namen Karls Ruhe machen die Wanderer Rast. Matthias Krzyzyk wird nachdenklich: „Wenn man sich mal überlegt: Wir gehen das heute zum Spaß, früher war das der Weg der Bergleute zur Schicht und zurück“, sagt er. Und die dauerte zwölf Stunden, an sechs Tagen in der Woche. Hartmann: „Da sieht man auch, warum wir in der Gewerkschaft sind.

Guide: Geopark Westerwald-Lahn-Taunus

Grube Fortuna mit Bergbau-Trail
Weitere Information unter der Karte.

Hotelempfehlung
Hotel Gutshof Herborn
Im Gutshof 1, 35745 Herborn
DZ ab: 106 Euro mit Frühstück
www.gutshof-herborn.de

Hotelempfehlung
Parkhotel Hachenburg
Burggarten 1, 57627 Hachenburg
DZ ab 149 Euro mit Frühstück
www.parkhotel-hachenburg.de

Gastronomie
Landgasthaus und Hotel Ströhmann
Genuss in rustikalem Ambiente,
Wurst aus eigener Herstellung
Gusternhainer Straße 11
35767 Breitscheid
hotel-stroehmann.de

Gastronomie
Zweierlei – Westerwälder Genusshandwerk
Snacks von einer Metzgerei
und einer Handwerksbäckerei
Potsdamer Platz 2
35759 Driedorf
zweierlei-driedorf.de

Stöffel-Park
Wo einst Basalt abgebaut wurde, verbindet der Stöffel-Park heute Industriekultur und Erdgeschichte. Riesige Anlagen lassen sich genauso bestaunen wie bedeutende Fossilien.
www.stoeffelpark.de

Holzbachschlucht
Die Schlucht zählt zu den ältesten Naturschutzgebieten des Westerwalds. Der Holzbach hat sich über Jahrtausende in das Vulkangestein gegraben – ein Wanderparadies.
www.waellerland.com

Herbstlabyrinth
Das Herbstlabyrinth bei Breitscheid ist das größte Höhlensystem Hessens. Besuchende können einen Teil der mehr als 13 Kilometer langen Tropfsteinhöhle erleben.
www.schauhoehle-breitscheid.de

Grube Fortuna mit Bergbau-Trail
Am Zechenhaus der Grube Fortuna beginnt der Bergbau-Trail. Die neunzigminütige Wanderung macht die Spuren des Bergbaus sichtbar, inklusive Blick über weitläufige Abbauflächen.
www.grube-fortuna.de