Arbeit & Gesellschaft

IGBCE-Jugend

Die Jugend legt los

Text André Boße – Fotos Marius Maasewerd

Über die junge Generation sind viele Klischees im Umlauf. Sie sei schwer zu begeistern und zu politisieren, vielleicht sogar faul. Die IGBCE-Jugend wehrt sich dagegen und beweist das Gegenteil. Junge Menschen engagieren sich für andere, gewinnen dabei viel für sich selbst. Klar ist aber auch: Die IGBCE braucht mehr solcher Menschen. Also geht die Jugend in die Offensive.

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Im August und im September starten in den Betrieben die neuen Azubis. Ihre Anzahl dürfte erneut sinken, auch in den Betrieben aus den IGBCE-Branchen. Noch 2024 hatte die Chemiebranche stolz einen Rekord verkündet: 10.088 Ausbildungsplätze, erstmals eine fünfstellige Zahl. 2025 folgte dann der Einbruch mit bundesweit nur noch 8.779 Stellen, 13 Prozent weniger als im Vorjahr. Damit ging es zurück auf das Niveau des Pandemiejahres 2021.

Die Azubis, die einen Platz erhalten haben, bangen wiederum darum, übernommen zu werden. Für zusätzliche Unsicherheit sorgen eine Reihe von Themen: Mietpreise und Inflation, Klimawandel und Kriege, Rente und Einschnitte ins Sozialsystem. Und dann steht mit der künstlichen Intelligenz eine Technologie vor der Tür, die potenziell immer mehr menschliche Arbeit übernehmen soll. Da fragt sich die Jugend: Wo ist mein Platz? Eine starke Antwort lautet: in der Gewerkschaft.

Die IGBCE verfügt über eine motivierte und tatkräftige Gewerkschaftsjugend mit vielen aktiven Ehrenamtlichen. Engagiert sind sie zum Beispiel in der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) oder den Jugendausschüssen auf Bezirks- und Landesebene. Kommt man mit ihnen ins Gespräch, fällt sofort auf: Die junge Generation will kein „Weiter so“, sondern fordert, gewerkschaftliche Arbeit neu zu denken. „Um das zu bekräftigen, haben wir ein neues Leitbild erarbeitet“, sagt IGBCE-Bundesjugendsekretär Alexander Nolte. Erster Schritt: „Wir müssen ehrlich sein: Die Quote an Azubis, die für die IGBCE gewonnen werden können, ist rückläufig. Deshalb müssen wir die Ansprache ändern“, sagt Nolte. Es gilt, die handfesten Vorteile einer Mitgliedschaft transparent zu machen. „Wir bauen aber auch darauf, dass die junge Generation politisch viel interessierter ist, als die Älteren glauben.“ Es geht darum, in den Betrieben Alarm zu schlagen, Ungerechtigkeiten klar zu formulieren und auf Fairness zu pochen. „Was hier hilft, sind Vorbilder“, sagt Alexander Nolte, „junge Leute, die sich engagieren und damit für die IGBCE werben.“ Einige dieser Engagierten stellen wir hier vor.

Emily Mayer, 24

Gewerkschaft braucht Bewegung

Wenn Emily Mayer daran denkt, was ihre Generation bereits alles erlebt hat, wundert sie sich manchmal selbst: Pandemie, Globalisierung, Digitalisierung, KI, immer neue Krisen. „Wir sind mit ständigen Veränderungen aufgewachsen und haben gelernt, damit umzugehen.“ Deshalb reagiere sie allergisch auf Sätze wie: Das haben wir schon immer so gemacht. „Für uns sind Veränderungen der Normalfall. Was auch bedeutet, dass wir gern Dinge hinterfragen und auf Wandel bestehen. Auch wenn wir den Eindruck haben, dass Teile der älteren Generation das eher nicht wollen.“ Emily Mayer ist bei Roche in Mannheim Chemielaborantin. Ihren Job betrachtet sie als vergleichsweise sicher. „Ich bin in der Diagnostik tätig, da ist der Bedarf weiterhin hoch.“ Umso wichtiger ist es für sie, sich für andere zu engagieren. Im Bezirksvorstand bringt sie die Perspektive der Jugend ein, „damit wir nicht vergessen werden und Gehör finden“. Ihr Wunsch an die IGBCE? „Eine Gewerkschaft muss sich heute genauso schnell bewegen, wie die Welt sich bewegt.“ Dann sei sie auch für die junge Generation attraktiv. Wobei sich auch die Ansprache verändern müsse: „Viele fühlen sich machtlos. Wir als Gewerkschaftsmitglieder müssen zeigen: Bei uns könnt ihr was bewegen!“

Tuana Emre, 20

Die Zukunftsoptimistin

Ihre Freude am Engagement hat Tuana Emre schon früh entdeckt. In der Schule war sie Klassen- und Stufensprecherin, in ihrer Heimatstadt Recklinghausen saß sie im Kinder- und im Jugendparlament. Im August 2023 begann sie ihr duales Studium in International Management bei BP, und als die JAV ihre Arbeit vorstellte, war ihr klar: Ich bin vom ersten Tag an dabei. „Mir leuchtete sofort ein: Je mehr wir sind, desto stärker können wir sein.“ Durch ihr Studium hat Tuana Emre auch die Arbeitsverhältnisse in anderen Ländern kennengelernt. „Mir wurde klar, dass wir in Deutschland von Regelungen profitieren, die es woanders nicht gibt.“ Zum Beispiel der Anspruch auf dreißig Urlaubstage. „In den USA kennt man das nicht, bei uns nehmen viele das als selbstverständlich wahr.“ Daher ist es ihr wichtig, den Azubis in Betrieben klarzumachen, dass es die Gewerkschaft war, die diese und viele andere Leistungen erkämpfte. Dafür engagiert sie sich im BJA, im LBJA und ist Vorsitzende des Bundesjugendausschusses, hat Spaß am Austausch mit anderen. Was die jungen ICBGE-Teams auszeichnet: „Wir sind alle megamotivierte Leute“, sagt sie. Und: „Wir sind Zukunftsoptimisten!“ Klar, die junge Generation stehe vor Herausforderungen. Karrierewege seien ungewiss, Krisen drückten auf die Stimmung. Ihr Ansatz: Gerade jetzt gilt es. „Ich sehe mich als Mentorin, die anderen sagt: Auch du hast eine Stimme, nutze sie!“

Kilian Marchner, 20

Gewerkschaft wirkt!

Als Vertreter der Gewerkschaftsjugend sitzt Kilian Marchner im Landesbezirksvorstand, zudem ist er stellvertretender Vorsitzender im Bundesjugendausschuss und stellvertretender Vorsitzender der Konzern-JAV. Und aktiv im Betriebsrat von Wacker in Burghausen ist er auch. Da fragen ihn seine Freunde nach einem Wochenende schon mal: Kili, wo warst du denn die ganze Zeit? „Ich sehe mein Engagement für die IGBCE nicht als verlängerte Arbeitszeit oder Pflicht, sondern als pure Freizeit“, sagt er. Abends Beine hoch und Netflix gucken? „Ist nichts für mich.“ Was dem Chemikanten mehr gibt, sind zum Beispiel die Begegnungen mit anderen jungen Menschen im Bundesjugendausschuss. „Zu hören, was die anderen aus NRW oder Thüringen berichten, finde ich superinteressant. Das erweitert meinen Horizont.“ Ein Motiv für ihn ist auch, der IGBCE etwas zurückzugeben. „Mein Weg bei Wacker ist ein Beispiel dafür, was gute Gewerkschaftsarbeit leisten kann.“ Seine Ausbildung begann 2022, Anfang 2026 wurde er fest übernommen. „Betriebsrat und JAV haben eine feste Übernahmevereinbarung für Chemikanten erreicht, was keine Selbstverständlichkeit ist.“ Denn auch der Produktionsstandort von Wacker in Burghausen stand unter Druck, 1.300 Stellen sollten abgebaut werden. „Betriebsrat und IGBCE haben erkämpft, dass es fair geregelte Freiwilligenprogramme gibt.“ Erneut hat Kilian Marchner erfahren: Gewerkschaft wirkt!

Antonia Trapp, 27

Klare Kante gegen rechts

Laut, aktiv und wach und alle ziehen an einem Strang. So stellt sich Antonia Trapp die Gewerkschaft vor. Die Zeiten verlangen danach, da müsse man sich nur die aktuellen Beschlüsse der Kommissionen anschauen: eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt ab Tag eins, Aufweichung des Achtstundentages, Einschnitte in den Sozialstaat –da werden mit einem Fingerschnippen Dinge beschlossen, die weitreichende und langfristige Folgen haben“. Antonia Trapp ist Technologin beim Duft- und Geschmackstoffhersteller Symrise in Holzminden. Seit 2026 ist sie im Betriebsrat und Vertrauensfrau. Für die IGBCE sitzt sie im Bezirksvorstand, zudem ist sie BJA-Vorsitzende, nimmt an den Landes- und Bundesausschüssen teil. Klar, das sei zeitintensiv. „Aber ich bekomme auch sehr viel zurück. Es ist einfach ein gutes Gefühl, einen positiven Impact zu haben.“ Ein Beispiel: Mit dem Betriebsrat hat sie erreicht, dass Azubis garantiert unbefristet übernommen werden. Ein Erfolg, klar. „Aber ehrlich gesagt nur das Mindeste, was der Betrieb Azubis bieten muss.“ Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen. Was Antonia Trapp auch auf dem Herzen liegt: Als Gewerkschaft müsse man sich unbedingt politisch positionieren. Klare Kante gegen rechts, gegen die AfD: „Eine Partei, die Arbeitnehmer aufgrund ihrer Herkunft unterschiedlich behandelt, widerspricht allem, wofür wir als IGBCE stehen.“

Michelle Pater, 24

Solidarität neu entdecken

Michelle Pater bekommt ein flaues Gefühl im Magen, wenn sie in den Nachrichten über das Rentensystem oder den Angriff auf den Sozialstaat hört. Ihr Gedanke: Das ist erst der Anfang. Wenn dann noch aus der Politik Signale kommen, die Jugend sei nicht leistungsbereit? „Da fallen mir Ausdrücke ein, die nicht druckreif sind.“ Michelle Pater sagt, sie habe schon immer einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehabt. Für die IGBCE hat sie ein Gastmandat im Bezirksvorstand, sie ist BJA-Vorsitzende und arbeitet in der Tarifkommission mit. Den Achtstundentag einfach so über den Haufen werfen? Ist für sie ein No-Go. „Das ist eine große Errungenschaft der Gewerkschaften, die muss bleiben.“ Am Netzwerk mit den anderen aus der IGBCE gefällt ihr, dass man die gleichen Probleme teilt, sich gegenseitig unterstützt. „Viele haben Angst um ihren Job, auch ich; bei uns wurden zuletzt 150 Stellen abgebaut.“ Die Chemikantin entwickelt bei Stockhausen Superabsorberstoffe, die dafür sorgen, dass Babywindeln dicht sind. Sollte es eines Tages auch sie treffen, würden die Unsicherheiten noch wachsen. „Ich wohne in Duisburg sehr günstig, aber bei diesem Wohnungsmarkt für einen Job umziehen? Kann man heute vergessen.“ Weitere bedrohliche Szenarien kommen dazu: der Klimawandel (sie hatte im Sommer 38 Grad Celsius in ihrer Wohnung) oder Kürzungen im Bereich psychologischer Krankheiten. Das Gegenmittel? „Solidarität. Wir müssen den Begriff mit neuem Leben füllen.

Lilli Neswadba, 23

Ab in die Suppenküche!

Was Lilli Neswadba auf die Palme bringt? Wenn der Eindruck erweckt wird, die junge Generation sei faul. „Dass wir bestimmte Dinge hinterfragen, heißt ja nicht, dass wir nicht bereit wären, zu arbeiten. Wir haben aber Lust auf Gute Arbeit unter fairen Bedingungen. Und dafür kämpfe ich.“ Lilli Neswadba ist Mikrotechnologin beim Halbleiterproduzenten Globalfoundries in Dresden. Vier Jahre lang war sie Vorsitzende der JAV, daneben ist sie ordentliches Mitglied im Bundesjugendausschuss. „Ich habe ein großes Bedürfnis, Dinge mit anzupacken. Weil ich weiß: Nur so kann ich sie auch mitgestalten“, sagt sie. Sie findet dafür ein Bild aus der Suppenküche: „Es bringt ja nichts, sich hinzusetzen und sich zu wünschen, eine Tomatensuppe zu bekommen, wenn der Koch längst eine Gemüsebrühe gekocht hat.“ Ihr Motto: Selbst rein in die Küche, mitmachen, mitbestimmen. „Dann passt das, was auf dem Teller ist, auch zu dem, was ich mir vorstelle.“ Von den älteren Generationen wünscht sie sich, gehört zu werden. „Mir macht der demografische Wandel auch deshalb Sorgen, weil mit den Leuten, die in den Ruhestand gehen, auch Wissen verloren geht.“ Auch beim Kampf gegen den Klimawandel gebe es viel Luft nach oben, „das Thema muss unbedingt zurück auf die Agenda“. Und die künstliche Intelligenz? „Nimmt nichts weg, sorgt aber für einen Wandel der Arbeit“, sagt sie. Auch hier gelte: „Nur wer aktiv ist, hat die Chance, den Wandel mitzugestalten.“

Wichtiges zum Ausbildungsstart

Die Ausbildung beginnt mit der Unterzeichnung des Ausbildungsvertrags. Hier werden alle Vereinbarungen festgehalten, Pflichten, aber auch Rechte. Eines davon: Bei allen Tätigkeiten muss das Ausbildungsziel im Fokus stehen. Für den Chef eine private Besorgung machen? Ist nicht Teil davon. Geregelt sind auch Vergütung, Urlaubsanspruch und Arbeitsmittel, die der Betrieb zur Verfügung stellen muss. Wichtig zu wissen: Schon als Azubi kann man mitbestimmen. Die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) ist im Betrieb das Sprachrohr für die junge Generation. Ab dem 1. Oktober 2026 finden in den Betrieben die JAV-Wahlen statt. Ein Pflichttermin für alle, die eine starke Jugendvertretung wollen.