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Video: Für die Ausbildung nach Deutschland neue Heimat in Wuppertal, neue Freunde in der Gewerkschaft

Ein weiter Weg

Text Sascha Lübbe – Fotos Moritz Küstner

Ihre Begeisterung für Chemie führte Sofia Garza Saldaña von Mexiko nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Laborantin bei Bayer in Wuppertal und ist in der IGBCE aktiv. Sie setzt sich vor allem für Azubis und Menschen mit Einwanderungsgeschichte ein.

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Ein Abschluss, der kein Uni-Abschluss ist? Die duale Ausbildung gibt es in dieser Form weder in den USA noch in Mexiko, wo Sofia Garza Saldaña aufgewachsen ist.

Im Leben gibt es bestimmte Schlüsselmomente. Momente, in denen man Entscheidungen trifft und andere revidiert. Momente, die sich als richtungsweisend für das weitere Leben herausstellen, mitunter erst im Nachhinein. Für Sofia Garza Saldaña war der Dezember 2021 so ein Moment.

Sofia, damals Anfang 20, studierte Chemie-Ingenieurwesen in Paderborn. Sie tat sich schwer, wusste nicht genau, warum. In jenem Dezember absolvierte sie ein Laborpraktikum. Mit Kittel und Schutzbrille stand sie vor den Tischen und sah aus nächster Nähe, wie Chemikalien sich verfärbten. Da verstand sie, was ihr im Studium fehlte. „Ich hatte immer nur über Chemie gelesen“, sagt sie heute. „Dort habe ich zum ersten Mal konkret gearbeitet.“ Sie beschloss, sich umzuorientieren.

Bei der Recherche stieß sie auf das Konzept der dualen Ausbildung. Ein Konzept, das es ihr erlaubte, gleichzeitig zu arbeiten und zu lernen. Und am Ende mit einem Abschluss dazustehen.

Heute ist Sofia Chemielaborantin bei Bayer in Wuppertal. Und gewerkschaftlich aktiv: Mitglied im Bezirksvorstand der IGBCE Düsseldorf, Vorsitzende des Bezirksjugendausschusses (BJA) im Bezirk Düsseldorf, stellvertretendes Mitglied im Landesbezirksjugendausschuss (LBJA). Außerdem ist sie Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) bei Bayer Wuppertal und stellvertretende Vorsitzende der Gesamt-JAV Bayer in Deutschland sowie im Berufsschulgremium und Teamerin für den Bezirk Düsseldorf. Eine imposante Biografie.

Von Monterrey nach Wuppertal

Sofias Geschichte beginnt in Monterrey, einer Millionenmetropole im Nordosten Mexikos nahe der Grenze zu den USA. Sofia wird 1999 geboren. Weil es ihnen in Mexiko zu gefährlich ist, zieht die Familie in die USA, nach San Antonio, Texas. Zehn ist sie da.

Sofia besucht die Grundschule, die Mittelstufe, die Highschool. Als sie fünfzehn ist, geht sie für ein Auslandsjahr in die Schweiz, nach Leysin, einer kleinen Gemeinde in den Bergen. Es ist ihr erster Europa-Aufenthalt. Sie ist beeindruckt von der zentralen Lage. Man fährt ein paar Stunden und ist in einem anderen Land. Hinzu kommen die anderen Schülerinnen und Schüler aus verschiedensten Teilen der Welt. „Das hat meinen Horizont erweitert“, sagt sie.

Zurück in den USA fremdelt sie. Sie hat das Gefühl, sich verändert zu haben, ihr Umfeld in Texas aber ist gleich. Dann wandelt sich die politische Stimmung im Land. Es ist Trumps erste Amtszeit. Sie und ihre mexikanischen Freundinnen, Freunde und Bekannten fühlen sich zunehmend unwohl in den USA. „Ich hatte das Gefühl, meine Zeit dort ist vorbei.“

Sofia beginnt, einen Studienplatz zu suchen. Schon in der Schule hat sie sich für Naturwissenschaften interessiert, vor allem für Mathe und Chemie. Fächer, in denen es konkrete Antworten auf Fragen gibt, wie sie sagt. In ihrer Familie gibt es Ingenieurinnen und Ingenieure. Also entscheidet sie sich für Chemie-Ingenieurwesen. Eine Mischung aus all den Sachen, die sie mag.

Ihre Wahl fällt auf Deutschland. Das Land hat einen guten Ruf, viele große Chemieunternehmen haben dort ihren Sitz, vor allem in Nordrhein-Westfalen. Es wird ihr Wunschziel. Doch als sie ihren Eltern davon erzählt, sind die erst mal skeptisch. Deutschland? Sind die Deutschen nicht sehr distanziert und kühl? Also schließen sie einen Kompromiss. Sofia schreibt sich an einer amerikanischen Uni ein, macht aber vorher einen Sprachkurs in Deutschland. Für den Fall, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt in das Land will.

Der Sprachkurs findet auf dem Gelände des Humboldt-Instituts in Konstanz statt. Sofias Alltag besteht daraus, acht Stunden am Tag Deutsch zu lernen. Am Anfang fällt es ihr schwer, aber irgendwann macht es Klick, unter anderem, weil die Lehrerinnen und Lehrer nur Deutsch mit ihr sprechen. Hinzu kommt die internationale Atmosphäre des Instituts. Man lernt zusammen, lebt zusammen auf dem Gelände. Ein bisschen wie damals in der Schweiz.

Sofia Garza Saldaña engagiert sich bei Bayer und in der IGBCE für die Interessen junger Beschäftigter.

Sofia will und darf bleiben

Als Sofia mit ihrem Vater telefoniert, erzählt sie begeistert von der Schule, den Mitschülerinnen und Mitschülern, den Ausflügen in die Umgebung, die sie in ihrer Freizeit unternimmt. Der Vater hört aufmerksam zu, fragt irgendwann: Willst du bleiben? Sofia, überglücklich, sagt: Ja.

Das Ziel ist nun, in Deutschland zu studieren. Doch das ist komplizierter als gedacht. Mit ihrem Higschool-Abschluss kann sie nicht einfach ein Studium aufnehmen. Also absolviert sie erst noch ein Studienkolleg in Paderborn, wo sie im Anschluss auch studiert.

Dann wird sie erneut ausgebremst. Es ist 2020, Corona breitet sich aus. Es ist Sofias erstes Semester, die Vorlesungen finden ausschließlich online statt. Für sie ist das Lernen in dieser Form ein Problem. Hinzu kommen die Sorgen um die Familie in Mexiko. „Das war eine harte Zeit“, sagt sie heute. „Ich habe mich oft gefragt: Was mache ich eigentlich hier?“ Dann kommt, zum Glück, das Laborpraktikum. Der Wendepunkt.

Ein Traum wird wahr

Als sie ihren Eltern am Telefon das erste Mal vom Konzept der dualen Ausbildung erzählt, sind die skeptisch. Ein Abschluss, der kein Uni-Abschluss ist? So etwas gibt es in dieser Form weder in den USA noch in Mexiko. Hinzu kommt: Ihre Eltern haben nicht studiert und sehen es gar nicht gern, dass Sofia jetzt abbrechen will. Sie sind beruhigt, als Sofia einen festen Ausbildungsplatz vorweisen kann – bei Bayer, einem renommierten Unternehmen.

Ausbildungsort ist Wuppertal. Sofia hat noch nie von der Stadt gehört. Als sie sie googelt, sieht sie, dass die Stadt in Nordrhein-Westfalen liegt. In einer Industrieregion, genau wie es ihr Wunsch war.

Sie hat inzwischen einen festen Freund, den sie in Paderborn kennengelernt hat. Als sie ihm von ihrem Plan erzählt, sagt er: „Super Idee, ich komme mit.“ Auch er ist unzufrieden mit seinem Studium, bricht ab und beginnt eine Ausbildung als Bankkaufmann.

Wie richtig ihre Entscheidung war, merkt Sofia gleich am Anfang der Ausbildung. Schon kurz nach der Einarbeitung steht sie im Labor, synthetisiert Aspirin. „Ich hatte das Gefühl, ich kann hier etwas bewirken“, sagt sie.Dieses Gefühl hat mich die ganze Ausbildung über begleitet.“

Junge Menschen verdienen es, gehört zu werden.

Sofia Garza Saldaña

Aktiv im Betrieb und in der Gewerkschaft

Sofia entdeckt in Deutschland aber noch etwas anderes für sich: die gewerkschaftliche Arbeit. Noch vor Beginn der Ausbildung nimmt sie an einer sogenannten Neuanfängerfahrt teil – einem Wochenendausflug, bei dem sich die neuen Azubis kennenlernen sollen. Organisiert wird er von der IGBCE und der Jugend- und Auszubildendenvertretung von Bayer Wuppertal.

Auf der Fahrt spricht sie der JAV-Vorsitzende an. Die JAV werde demnächst neu gewählt. Ob sie sich vorstellen könne, zu kandidieren? Sofia kennt, abgesehen von ihrem Freund, noch niemanden in Wuppertal. Es wäre vor allem eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Also sagt sie Ja und wird in dem Zuge auch Mitglied der IGBCE.

Für ihre JAV-Kandidatur erstellt sie einen persönlichen Steckbrief. Er wird an alle Azubis des Unternehmens geschickt. Der nächste Schritt ist die offizielle Vorstellung der Kandidierenden im Hörsaal des Bayer-Forschungszentrums. Sofia bereitet sich akribisch darauf vor. Mit Erfolg. Sie wird zur stellvertretenden Vorsitzenden der JAV gewählt.

Dabei bleibt es nicht, weitere Ämter folgen. Sofia wird erst Mitglied und später Vorsitzende des Bezirksjugendausschusses (BJA) im Bezirk Düsseldorf, stellvertretendes Mitglied im Landesbezirksjugendausschuss (LBJA). Als der amtierende JAV-Vorsitzende zu alt für seinen Posten wird, übernimmt sie auch seine Funktion.

Fragt man Sofia, warum sie sich so für junge Menschen einsetzt, sagt sie: „Junge Menschen verdienen es, gehört zu werden, genau wie alle anderen auch.“ Besonders wichtig ist ihr das Engagement für andere Azubis mit Migrationshintergrund. „Mit meiner Geschichte kann ich für sie ein Vorbild und eine gute Ansprechpartnerin sein“, sagt sie. „Vielen fällt es leichter, mit ihren Problemen zu mir zu kommen.“

Auf der Bundesjugenddelegiertenkonferenz im Juni 2025 bringt sie einen Antrag zum Thema Einbürgerung ein. Ausländische Azubis sollen schon während ihrer Ausbildung einen Einbürgerungsantrag stellen dürfen. Aktuell geht das erst nach Abschluss der Ausbildung und mit einem festen Job. Der Antrag wurde an die DGB-Bundesjugendkonferenz weitergeleitet und auf dem Bundeskongress im Mai von den Delegierten angenommen.

Die Gewerkschaft als starker Partner

Das Konzept der Gewerkschaft begeistert Sofia bis heute. „Die Idee, dass jemand für einen auf die Barrikaden geht, ist toll“, sagt sie. Das kenne sie weder aus den USA noch aus Mexiko.

Sofia wurde nach Ende ihrer Ausbildung von Bayer übernommen. Bei ihrer Arbeit untersucht sie die Zusammensetzung von Kristallen, unter anderem für Medikamente. Eine praktische Tätigkeit mit realem Nutzen. Wenn sie heute mit dem Auto durch Nordrhein-Westfalen fährt, kommt sie manchmal an einem Autobahnschild mit der Aufschrift „Europas Chemieregion“ vorbei. „Wie cool“, denkt sie sich dann, „ich darf hier arbeiten und leben.

Sie vermisse ihre Familie in Mexiko jeden Tag, sagt sie. Zugleich sei sie froh über das Leben, das sie sich in Deutschland aufgebaut hat. Ihren Freund hat sie inzwischen geheiratet. Und Freundinnen und Freunde hat sie gefunden, vor allem in der Gewerkschaft. Einige von ihnen waren sogar bei ihrer Hochzeit. „Das zeigt mir, wie wertvoll diese Verbindungen geworden sind und wie viel ich der Gewerkschaft zu verdanken habe.“