Vor Ort

Nord

Wir packen selbst an!

Text Michaela Ludwig

Bevor es zu spät ist: Betriebsräte entwickeln mit Unterstützung des Landesbezirks eigene Konzepte, um Arbeitsplätze und Standorte zu sichern.

Veranstaltung im Industriepark Stade: Er verfügt mit seiner Standortallianz bereits über eine gute Basis für Zusammenarbeit.

Foto: IGBCE

Im Frühjahr dieses Jahres erhielt die Belegschaft des US-Klebstoffherstellers H. B. Fuller die Hiobsbotschaft: Der Standort Lüneburg wird auf den Prüfstand gestellt. Wenig später folgte die Ankündigung, das Werk im Mai 2027 zu schließen. Für Betriebsrat und Beschäftigte war das ein Schock – doch statt abzuwarten, wurden sie aktiv. „Wir haben uns direkt über unseren Betriebsbetreuer für das Beratungsprogramm der IGBCE angemeldet und einen Fragenkatalog zur Standortsicherung für die Geschäftsführung entwickelt“, berichtet Betriebsratsvorsitzender Markus Bohn.

„Jetzt! Zukunft erhalten“ heißt das Aktionsprogramm des Landesbezirks Nord zur Rettung von Arbeitsplätzen, das der Betriebsrat in Anspruch nahm. Über das „Kompetenznetz“ der IGBCE erhalten Betriebsrätinnen und Betriebsräte krisengefährdeter Unternehmen fachliche Unterstützung, um Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln, Prozesse zu optimieren und neue Produktfelder zu erschließen. „Ziel ist es, industrielle Arbeitsplätze langfristig zu sichern“, erläutert Landesbezirksleiter Ralf Becker, der das Programm entwickelt hat. „Wir wollen nicht länger nur auf Entscheidungen der Unternehmensleitungen reagieren müssen, die vor allem auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind statt auf die Sicherung von Standorten und Arbeitsplätzen.“

„Wir kämpfen weiter!“

Markus Bohn,
Betriebsratsvorsitzender H.B. Fuller

Becker betont: „Wir müssen jetzt handeln, um die chemische Industrie im Norden zu halten – und mit ihr die gesamte Wertschöpfungskette.“ Dafür müssten auch Politik und Verwaltung stärker eingebunden werden. Um die Vernetzung zu fördern, brachte der Landesbezirk im Juni bei ersten Diskussionsveranstaltungen zu den Industrieparks Stade und Walsrode Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Unternehmen an einen Tisch. Der Standort Stade verfüge mit seiner Standortallianz bereits über tragfähige Strukturen für eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit, berichtete der AOS-Betriebsratsvorsitzende Oliver Elsen auf der Veranstaltung in Stade. Eine vergleichbare unternehmensübergreifende Zusammenarbeit sowie ein gemeinsames Leitbild forderte Wipak-Betriebsratsvorsitzender Torsten Buse auch für den Indus­trie­park Walsrode.

Am Standort Lüneburg haben der Betriebsrat von H. B. Fuller und gewerkschaftsnahe Beraterinnen und Berater die wirtschaftliche Situation und den Energiebedarf des Werks analysiert sowie Ansätze zur Prozessoptimierung und neue Geschäftsmodelle entwickelt. Im nächsten Schritt wurde die Geschäftsführung für einen gemeinsamen Workshop angefragt, um die Konzepte vorzustellen und Perspektiven für den Erhalt des Standorts zu erarbeiten. Die lehnte zunächst ab – und Betriebsrat und IGBCE schalteten die politische Ebene ein.

Unternehmensübergreifende Zusammenarbeit und gemeinsames Leitbild gefordert: Diskussionsveranstaltung im Industriepark Walsrode.

Foto: IGBCE

„Wir sind in engem Austausch mit Stadt und Politik, um Perspektiven für den Standort zu schaffen. Alle Beteiligten haben ein starkes Interesse, Industrie am Standort zu erhalten und den Kolleginnen und Kollegen von H. B. Fuller eine Zukunft zu geben“, berichtet Betriebsbetreuer Marty Falk vom Bezirk Hamburg/Harburg.

Auch der Betriebsrat bleibt entschlossen. „Wir kämpfen weiter“, sagt Markus Bohn. „Unsere Vorschläge sind gut. Wir wollen gehört werden.“