„Werden den Finger dorthin legen, wo die Wunden sind“
Foto: Bernd von Jutrczenka
Michael, in ihrem Reformpaket hat die Bundesregierung unter anderem auch ein paar Bitten an die Tarifparteien formuliert. So sollen die IGBCE und die Arbeitgeber bis Mitte Oktober für die kriselnde Chemieindustrie konkrete Maßnahmen vorschlagen, wie Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz der Branche verbessert werden können. Das ist dann wohl ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann …
… und auch nicht ausschlagen will. Denn natürlich wissen die Sozialpartner viel besser, wo in der jeweiligen Branche die Dinge im Argen liegen und wie man den Problemen am besten beikommen kann. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Bundesregierung sich hier Unterstützung holt. Bei aller Kritik, die auch wir am Reformpaket aus Berlin haben: Dieser Punkt ist ausdrücklich zu begrüßen. Wir haben so ein Format immer mit Nachdruck gefordert – und sehen es als große Chance, den Kolleginnen und Kollegen in der Chemie neue Perspektiven zu eröffnen. Dass die Arbeitgeber und wir dabei unterschiedliche Schwerpunkte setzen, liegt in der Natur der Sache. Gleichwohl sind wir noch immer in der Lage gewesen, Kompromisse zu finden, die allen dienen.
Mit welcher Strategie geht ihr in diesen „Branchendialog“?
Tatsächlich sind wir schon mittendrin. Klar ist eines: Wir wollen den Fokus auf Innovation und Investition legen. Da ist ein Jahrzehnt lang zu wenig passiert – mit der Folge, dass uns andere den Rang abgelaufen haben. Entscheidend ist jetzt, dass wir die komplette Wertschöpfungskette im Land halten und zurückkommen auf den Wachstumspfad. Das sichert nicht nur gut bezahlte und tariflich abgesicherte Arbeitsplätze, sondern gesellschaftlichen Wohlstand. Wir müssen uns klarmachen: Die Industrie liegt auf der Intensivstation. Jetzt ist erst mal der Notarzt gefragt, bevor wir in die längerfristige Reha gehen können. Wenn wir nicht schnell genug sind, wird es einige Teile der Industrie nicht mehr geben.
Wir können die Probleme der Gegenwart nicht mit Antworten lösen, die schon in den 1990er-Jahren falsch waren.
Michael Vassiliadis
Die Kolleginnen und Kollegen haben mehrheitlich nicht den Eindruck, dass die Politik diese Dringlichkeit erkannt hat. Das zeigt gerade wieder die jüngste Mitgliederumfrage.
Das überrascht mich nicht. Die derzeitigen Reformvorschläge gehen nicht in die richtige Richtung. Wer die Beschäftigten als Blaumacher, Leistungsunwillige und Kostenfaktor hinstellt, der lässt nicht nur den nötigen Respekt vermissen, er wirkt auch der aktuellen Arbeitsrealität der Menschen entrückt. Beispiele: Was soll eine Verlängerung der Arbeitszeit bringen, wenn die Produktionsanlagen unterausgelastet sind? Wie genau hilft eine Krankschreibung vom ersten Tag an gegen unfaire Dumpingkonkurrenz aus China? Wo ist der Sinn, Altersteilzeit und Rente mit 63 zu beschneiden, wenn damit sozialverträglicher Jobabbau unmöglich wird? Wir können die Probleme der Gegenwart nicht mit Antworten lösen, die schon in den 1990er-Jahren falsch waren. Das treibt viele Menschen um – gerade auch in unseren Branchen. Wir werden deshalb alles tun, die Politik in die Gegenwart zu holen, und den Finger dorthin legen, wo wirklich unsere Wunden sind. Dafür müssen wir in diesem Sommer alle gemeinsam Druck machen – in den Betrieben und darüber hinaus. Noch haben wir die Chance, Einfluss zu nehmen.
Gemeinsam mit Industriepräsident Peter Leibinger und der IG-Metall-Vorsitzenden Christiane Benner hast du neulich in einem Gastbeitrag eine „Agenda für ein zukunftsfähiges Deutschland“ gefordert. Wie kann die aussehen?
Uns geht es darum, zu verdeutlichen, dass in der weiteren Entwicklung unserer Industrie der Schlüssel zur Zukunft des Landes liegt. Dabei geht es um ein breiteres und besseres Konzept, die deutsche Industrie wieder fit zu bekommen. Wir müssen schleunigst ihren Turnaround organisieren – und das wird nur gemeinsam gehen. Wir müssen aufhören, Probleme im Lagerkampf zu verwalten, sondern technische und gesellschaftliche Innovationen so verbinden, dass ein tragfähiges Zukunftsbild in der Praxis entsteht. Wir sind überzeugt: Alle werden dabei neu denken und über die Schatten ihrer Gewissheiten springen müssen.
Zur Person: Michael Vassiliadis ist seit 2009 Vorsitzender der IGBCE. Seit Mai 2012 ist er zudem Präsident des Dachverbands europäischer Industriegewerkschaften industriAll Europe.