Vor Ort

Rheinland-Pfalz/Saarland

So geht es nicht weiter!

Text Axel Stefan Sonntag

Großbetriebe wie BASF und Boehringer Ingelheim, aber auch kleinere Unternehmen schrauben ihr Ausbildungsplatzangebot zurück. Klug ist das nicht. Mit dem sich weiter verschärfenden Fachkräftemangel dürfte sich die kurzfristige Sichtweise langfristig massiv rächen.

Ausbildung auf die 1: Das machte die Gewerkschaftsjugend in der jüngsten Chemie-Tarifrunde den Arbeitgebern deutlich.

Foto: Marcel Hasübert

Landesbezirksleiter Roland Strasser legt den Finger in die Wunde: „Wir sehen, dass unsere Kolleginnen und Kollegen jeden Tag um jeden Ausbildungsplatz und um jede Übernahme kämpfen“, kommentiert er die sich weiter zuspitzende Situation am Ausbildungsmarkt im Landesbezirk. „Viele sind nicht mehr zu langfristigen Planungen bereit und beugen sich umso mehr kurzfristigen Marktdynamiken“, kritisiert er. „Wer Zusagen zurückzieht, darf sich nicht wundern, was das mit der Motivation junger Menschen macht.“

Als „extrem“ beschreibt BASF-SE-Betriebsratsmitglied Mandy Koch die Situation. „Wir sehen jetzt das dritte Jahr in Folge einen Rückgang der angebotenen Ausbildungsplätze“, sagt sie. „Wir sind mal bei knapp 700 für die SE gewesen, zuzüglich der Ausschreibungen für Dritte, Quereinstiegs- und Start-­in-­den-­Beruf-­Pro­gram­me. Jetzt sind wir bei 380, alles zusammengerechnet.“ Der Umbauprozess, der bei dem Chemiekonzern stattfinde, schlage voll auf das Ausbildungsplatzangebot durch. Zusätzlich zu den seit Jahren rückläufigen Zahlen in den kaufmännischen Berufen seien nun auch technische Berufe betroffen. „Etwa in der Elektrotechnik, wo das Unternehmen die Ausbildung noch vor wenigen Jahren massiv aufgestockt und mehr als 110 Ausbildungsplätze angeboten hat, sind wir jetzt bei nicht mal mehr einem Drittel.“

Die IGBCE-Tarifkommission brennt für gute Ausbildung und Übernahme: Auch das ist ein klares Signal in der regionalen Chemie-Tarifrunde.

Foto: Marcel Hasübert

Bereits im November letzten Jahres setzte die Jugend auf der Vertrauensleutevollversammlung der BASF ein Zeichen.

Foto: IGBCE

Für Koch ein verheerendes Signal, das die BASF damit aussendet. „Das wird sich langfristig betrachtet rächen“, ist sie sich sicher. „Natürlich versuchen wir weiterhin, damit zu überzeugen, dass für ältere Beschäftigte, die gehen möchten, jungen Menschen eine Übernahmeperspektive geboten wird“, lässt sie nicht locker. „Und wir werben darum, die bestehenden Kapazitäten in der Metropolregion intelligent mit Partnern zu nutzen. Aber das Kostendenken wird zunehmend zur einzigen Entscheidungsgrundlage.“ Immerhin stimmten Betriebsrat, Gewerkschaft und Unternehmen noch darin überein, dass sich Ausbildung nicht beliebig hoch- und herunterfahren lasse. „Eine Grundstruktur ist elementar.“

Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in einer ganzen Reihe von Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Rheinland-Pfalz, so etwa bei Boehringer Ingelheim. „Der Arbeitgeber betont ständig, wie wichtig ihm die Ausbildung ist“, sagt Matthias Hille, Bezirksleiter Mainz und zuständig für den Standort in Ingelheim. „Wir erwarten, dass er auch so handelt. Die Zukunft junger Menschen darf nicht zum Spielball unternehmerischer Kurzsichtigkeit werden.“

Ausbildung und Übernahme sind die beherrschenden Themen. Hier bei einer Aktion zum 1. Mai.

Foto: IGBCE

Landesjugendsekretär Yannik Scherf empfiehlt den Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern im Betrieb, Druck bei dem häufig in Betriebsvereinbarungen verwendeten Begriff „Personalbedarfsplanung“ zu machen: „Die Floskel ,nach Bedarf‘ muss konkreten Parametern weichen“, fordert er. Das schreibe der Tarifvertrag ausdrücklich vor.


Neuer Ausbildungsreport der DGB-Jugend

Schwerpunkt des Reports ist die mentale Gesundheit von Auszubildenden. Aus guten Gründen: Zum einen haben sich demnach die Belastungen durch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie Corona, Kriege oder die Klimakrise in den letzten zehn Jahren deutlich verschärft. Hinzu kommen häufig private Herausforderungen wie finanzielle Nöte oder eine angespannte Wohnsituation. „In der Summe führt dies zu Konstellationen, die viele Auszubildende überfordern, weswegen es wenig verwunderlich ist, dass sich etwa die Hälfte von ihnen psychisch belastet fühlt“, resümiert der DGB, der zudem auf aktuelle Studien verweist, die belegen, „dass es um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auch Jahre nach der Corona-Pandemie noch deutlich schlechter steht als vor der Pandemie“. „Umso mehr sollte es gerade jetzt im Interesse der Unternehmen sein, Sicherheiten beim Ausbildungsplatzangebot und insbesondere bei der Übernahme zu schaffen, um jungen Menschen eine Perspektive zu bieten – und sie langfristig im Unternehmen zu halten“, betont Landesbezirksjugendsekretär Yannik Scherf. „Das wappnet sie nicht zuletzt auch besser gegen den zunehmenden Fachkräftemangel.“