Neuanfang im Syneqt-Betriebsrat: Helga Obladen-Huthmacher und Jochen Wünning.
Alles auf null
Durch die Abspaltung von Evonik muss sich nicht nur die Belegschaft der Syneqt GmbH neu zurechtfinden. Auch für den Betriebsrat ist das ein Neustart.
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Die ausgegliederte Evonik-Tochtergesellschaft Syneqt ist zuständig für die Infrastruktur- und Standortdienste in Marl und Wesseling.
Der 29. April 2026 war eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag bei der Syneqt GmbH. Auch an diesem Tag flossen alle Grundstoffe wie gewohnt durch die kilometerlangen Rohre des Chemieparks in Wesseling am Rhein. Hier produziert man seit Jahrzehnten die Ausgangsstoffe, die später in Pflegeartikeln, Reifen- und Gummiwaren, Farben, Lacken, Papier oder Kunststoffen weiterverarbeitet werden. Aber in den Büros des Betriebsrats war jetzt alles ganz anders.
Es ist der Tag der Konstituierung des Betriebsrats der frisch ausgegründeten Evonik-Tochter, der Syneqt GmbH. Die Betriebsratswahl hat Mitte April stattgefunden, die Stimmen sind ausgezählt und die Funktionen im neuen Gremium werden nun besetzt. Und doch ist wenig bis gar nichts klar hier in Wesseling, dieser Stadt im Süden von Köln, direkt am Rhein gelegen, wo den Menschen sonst eigentlich nicht bange ist vor der Zukunft. „Wir sind Rheinländer“, sagt Helga Obladen-Huthmacher, „wir sind im Grunde immer positiv und gut drauf.“ Aber dieser Weg war doch kein leichter für Jochen Wünning, Betriebsratsvorsitzender am Standort, und Helga Obladen-Huthmacher, stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats von Syneqt in Wesseling.
Was war geschehen? Zum 1. Januar 2026 hat Evonik seine Infrastruktur- und Standortdienste der Chemieparks Marl und Wesseling in die eigenständige Syneqt GmbH ausgegliedert. Die hundertprozentige Tochtergesellschaft bündelt rund 3.500 Beschäftigte und 1,8 Milliarden Euro Umsatz.
Ziel der Abspaltung ist es, das kapitalintensive Servicegeschäft wie Energie und Logistik vom chemischen Kerngeschäft zu trennen. Der Fokus von Syneqt liegt auf Dienstleistungen rund um Chemieanlagen und Services in der Prozessindustrie. Zu den Aufgaben gehören etwa die Versorgung mit Energie, der technische Service, der Bau und der Betrieb von Pipelines, das sichere Gebäude- und Anlagenmanagement, Entsorgung, Hafenbetrieb, Werkslogistik und Feuerwehr, aber auch Werkssicherheit sowie die Ausbildung und der Betrieb der Betriebsrestaurants.
Auf ein Wort … mit Michael Reinhard, stellvertretender Leiter des IGBCE-Bezirks Köln-Bonn
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Vor- und Nachteile
Aufgaben am Anfang
IGBCE-Unterstützung
Was braucht das Gremium
Zusammenarbeit
Beratungsalltag
Zukunft
Ein Neustart unter schwierigen Bedingungen
Die Abspaltung und der Ausblick, verkauft zu werden, haben natürlich Unsicherheit in die Belegschaft gebracht. Doch auch für den Betriebsrat begann damit eine Zeit der Ungewissheit. Von Januar bis Ende April arbeitete man im Übergangsmandat mit den bisherigen Kolleginnen und Kollegen, die jetzt für ein anderes Unternehmen zuständig waren. Am 21. und 22. April wählten sie in Wesseling einen neuen Betriebsrat – und ab jetzt wurde alles anders. „Obwohl sich die Gremienmitglieder bereits seit über einem Jahr mit der Thematik befasst hatten, zeigten sich jetzt noch eine Menge unerwarteter Herausforderungen“, sagt Jochen Wünning, Betriebsratsvorsitzender der Syneqt GmbH.
Die Abspaltung war eine große Aufgabe – für die Beschäftigten genauso wie für den Betriebsrat. „Wir haben praktisch bei null angefangen“, sagt Helga Obladen-Huthmacher. Sie waren nicht mehr Teil des Betriebsrats der Evonik, mit klaren Abläufen und Zuständigkeiten. Nun waren sie die Wesselinger Interessenvertretung für etwa 450 Menschen, die sich in der neuen Einheit erst selbst noch zurechtfinden musste.
Wir hatten praktisch nichts außer den Räumen.
Jochen Wünning,
Betriebsratsvorsitzender
Den Neuanfang sah man besonders im Büro. „Wir hatten praktisch nichts außer den Räumen“, sagt Jochen Wünning. Kein Drucker, keine Telefone, keine Struktur, keine Vorlagen. Was ärgerlich klingt, ist für Betriebsräte elementar. „Wir brauchen ja Rechtssicherheit“, sagt Helga Obladen-Huthmacher. Einladungen für Sitzungen und Wahlen müssen fristgerecht raus, Protokolle, etwa von Sitzungen, müssen bestimmte Standards erfüllen. Mit vielen langen Arbeitstagen und der Unterstützung der neun Ehrenamtlichen im neuen Betriebsrat haben sie sich langsam über Wasser gekämpft.
Auf der gläsernen Tür vor dem Flur verweist der geklebte Schriftzug darauf, dass man hier beim Betriebsrat von Syneqt klopft. „Mitarbeiter, die bei uns vorbeikommen, sollen sich hier wohlfühlen“, sagt Obladen-Huthmacher. In ihrem Büro ist die Farbe der Hoffnung präsent, in sattem Grün wachsen die vielen Topfpflanzen, neben dem Schreibtisch steht die hellgrüne Gießkanne immer parat.
Auf die Wahl im April machte der Betriebsrat mit gelben Regenschirmen aufmerksam.
Veränderung braucht Zeit: Der Betriebsrat setzt sich ein für gute und sichere Jobs.
Dinge ändern, das treibt sie an
Die beiden freigestellten Betriebsräte bei Syneqt bringen nicht nur spürbaren Elan mit, sondern auch jede Menge Erfahrung in der Branche. Helga Obladen-Huthmacher hat die Ausbildung zur Chemielaborantin 1982 begonnen, als das Unternehmen noch Degussa hieß. Seit 1985 ist sie in der Gewerkschaft. 1986 war sie erstmalig im Betriebsrat des mittlerweile geschlossenen Werks Knapsack. 1990 kam sie nach Wesseling, hat sich weitergebildet zur Chemotechnikerin. Der erneute Gang in den Betriebsrat im Jahr 2006 war für Obladen-Huthmacher ein logischer Schritt; seit 2020 ist sie freigestellt. „Manche Dinge lassen sich nicht ändern. Aber die, die man ändern kann, die will ich aktiv mitgestalten, damit sie sich wirklich ändern“, sagt sie.
Auch der gelernte Chemikant Jochen Wünning hat eine lange Geschichte im Unternehmen. Nach seiner Weiterbildung war er Meister in verschiedenen Betrieben am Standort und später Leiter der Arbeitssicherheit.
Dinge, die man ändern kann, will ich aktiv mitgestalten.
Helga Obladen-Huthmacher,
stellv. Betriebsratsvorsitzende
Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen am Standort
Der Standort Wesseling ist seit Jahren von Umstrukturierungen betroffen. Und trotz der zuletzt leicht positiven Meldungen über die Stimmung in der Chemiebranche wird es auch jetzt wieder Veränderungen geben. Für Wesseling und Marl gilt jeweils: Es sind Verbundstandorte. „Wenn hier einer fällt, fallen alle“, sagt Wünning. Deswegen trifft man sich hier auch regelmäßig mit den Betriebsräten der anderen Unternehmen vor Ort wie Evonik, Röhm, Weylchem und Kaneka. Die Sorgen und die Hoffnungen ähneln sich, der Austausch ist den beiden Betriebsräten deswegen wichtig. Auch im Gesamtbetriebsrat von Evonik ist Syneqt mit Betriebsräten aus Wesseling und Marl vertreten. „Das ist für uns extrem wichtig“, sagt Jochen Wünning.
Evonik bereitet aktuell die Verhandlungen mit Interessenten über den Verkauf der ausgegliederten Sparte vor. Im Betriebsrat sieht man es positiv, dass Evonik das neue Unternehmen nur an einen Interessenten vermittelt, der die „Good-Home-Kriterien“ der Evonik erfüllt. „Wir werden uns dafür einsetzen, dass unsere guten Arbeitsbedingungen auch in der Zukunft erhalten bleiben“, sagt Wünning. Aufgeben, das ist auch für Obladen-Huthmacher keine Option. „Ich bin hier aufgewachsen, das ist mein Zuhause, das ist meine Familie“, sagt sie.
Die bekannten Abläufe und Zuständigkeiten aus dem Evonik-Betriebsrat musste sich das Gremium nach der Abspaltung bei Syneqt erst wieder erarbeiten.
Der Alltag geht weiter
Nach hundert Tagen schauen die beiden Betriebsräte durchaus erschöpft auf die Startphase. „Aber wir sind stolz“, sagt Helga Obladen-Huthmacher. Mittlerweile sind sie ein eingespieltes Team, die beiden freigestellten Betriebsräte, die Assistentin, die neu hinzugekommen ist, die neun Mitstreiter im neuen Gremium. Wünning: „Wir sind ein starkes Team, wir sind zusammengewachsen, wir haben die neue Aufgabe angenommen.“
Ein Team, das die Dinge nimmt, wie sie kommen. Helga Obladen-Huthmacher und Jochen Wünning werden weiter Werbung machen für die wichtigen Themen, für gute Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und die Sicherheit der Jobs. Obladen-Huthmacher blickt positiv nach vorn. Einen Wunsch hat sie aber doch. „Ich wünsche mir manchmal mehr Verständnis für unsere Arbeit“, sagt sie. Verständnis, dass Veränderung manchmal Zeit braucht. Hundert Tage können da erst ein Anfang sein.