Menschen & Gemeinschaft

Reportage

Video: Nachhaltige chemische Industrie – Bioraffinerie von UPM schafft Ersatz zu Erdöl.

Ein Leuchtturm aus Holz

Text Julius Leichsenring – Fotos Moritz Küstner

Im Chemiepark Leuna stellt das Unternehmen UPM biobasierte Chemikalien für verschiedene Industrien und Produkte wie zum Beispiel PET-Flaschen, Reifen und Textilien her. Ein Projekt mit Strahlkraft – für eine nachhaltige chemische Industrie und tariflich abgesicherte Arbeitsplätze.

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Im Labor stellt UPM Kautschuk her. Untersucht wird, wie der eigene erneuerbare funktionale Füllstoff in der Reifenproduktion verwendet werden kann.

Der Duft des Waldes begleitet Christopher Schönfeldt auf dem Weg durch die Chemieanlage. Über ihm schwebt ein dunkelblaues Förderband. Die kastenförmige Stahlbrücke folgt mehrere Hundert Meter lang einer Straße, vorbei an dampfenden Anlagen und glänzenden Rohrtrassen. Nach einer Kurve endet das Band in einem weißen Gebäude. Hier landen die fingergroßen Holzchips, die über die Brücke transportiert werden.

„Das ist alles Neuland. Wir sind weltweit die einzige Anlage dieser Art“, sagt Schönfeldt, Betriebsratsvorsitzender und Schichtleiter. Er trägt eine Warnweste, eine Schutzbrille, einen Helm und Sicherheitsschuhe. Vorn prangt ein grüner Greif – ein Mischwesen aus Adler und Löwe. Darunter steht UPM. Der finnische Konzern hat im Chemiepark Leuna für knapp 1,3 Milliarden Euro eine Bioraffinerie gebaut. Verarbeitet wird regionales Buchenholz. „Durchforstungs- beziehungsweise Energieholz, also alles, was klassischerweise verbrannt wird“, sagt Schönfeldt.

Am Rand des Chemieparks entrindet und zerkleinert UPM bis zu sechs Meter lange Stämme. Die dunkelblaue Brücke verbindet die Häckselstation mit dem chemischen Teil der Produktion. Dort werden die Holzchips mit Wasser und Druckluft in ihre Bestandteile zerlegt. Nach weiteren biochemischen Prozessen entsteht ein braunes Pulver, das an Instantkaffee erinnert. UPM nennt es erneuerbare funktionale Füllstoffe (Renewable Functional Fillers, kurz RFF).

Enzyme helfen, den flüssigen und den festen Teil voneinander zu trennen. Es entstehen in Wasser gelöste Zuckerverbindungen, die zu Bio-Monopropylenglykol (BioMPG) und Bio-Monoethylenglykol (BioMEG) umgewandelt werden. Sie werden in Verpackungen, PET-Flaschen, Kühl- und Enteisungsmitteln genutzt. Der feste Teil ist Lignin, der Klebstoff des Holzes. UPM stellt daraus RFF für Reifen her, damit diese robuster werden und leichter rollen.

Holz als Ausgangsprodukt für chemische Produkte? Ein Novum in der Geschichte der Leunawerke: 1916 von der BASF gegründet, entwickelte sich der Standort zum größten Chemieproduzenten der DDR. Heute arbeiten in den mehr als hundert Unternehmen des Chemieparks rund 15.000 Menschen. Zu ihnen gehört Christopher Schönfeldt vom Biochemie-Pionier UPM.

Regelbetrieb ab 2027

Am Ende des Prozesses ist das Holz in seine chemischen Bestandteile zerlegt. Sie ersetzen erdölbasierte Ausgangsstoffe durch Biomasse. Das Interesse der Industrie daran ist groß: Der Reifenhersteller Nokian Tyres testet Lignin-basierte Füllstoffe aus Leuna in einem Reifenprototyp; der Outdoor-Ausrüster Vaude hat bereits einen Fleecejackenprototyp teilweise aus BioMEG hergestellt. „Als ich hier anfing, gab es auf unserem Areal nur grüne Wiese, Schotter und Betonfläche. Ansonsten war hier nichts: kein Behälter, keine Trasse, kein gar nichts“, sagt Schönfeldt. Das war vor vier Jahren.

In Spitzenzeiten haben 1.800 Menschen aus der Mechanik und dem Handwerk gleichzeitig an der Anlage gebaut. Die Arbeiten sind nahezu fertig; der Teil für die Holzzerkleinerung und die Zuckerherstellung läuft bereits. Als Nächstes wird die Lignin-Produktion hochgefahren. Anfang 2027 soll der Regelbetrieb starten. Dann werden täglich bis zu achtzig voll beladene Lastwagen das UPM-Gelände verlassen.

Schönfeldt steht in der Leitwarte, wo die gesamte Anlage gesteuert wird. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sitzen vor Computerbildschirmen mit schematischen Darstellungen der Produktion. Displays an der Wand zeigen Bilder von Überwachungskameras: das Förderband mit den Holzchips, Pipelines auf dem Dach, eine Dampffahne. Der Schichtleiter schaut auf einen Bildschirm mit schwarzen, roten und gelben Balken: den aktuellen Fehlermeldungen.

Wir wollen Neues schaffen, Pioniere sein.

Christopher Schönfeldt,
UPM-Betriebsratsvorsitzender

Geduld mit neuer Technologie

„Bei einer neuen Technologie wie dieser sind Probleme normal und wir gehen diese Herausforderungen im Team an. Wichtig ist, dass wir alle sicher nach Hause kommen und Lösungen parat haben“, sagt Schönfeldt. Die Anlage herunterfahren, Meldungen analysieren, die Produktion anpassen – so sehen die Aufgaben seines Teams aus.

Der 39-Jährige ist bei UPM für 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich. Er verteilt Aufgaben, priorisiert Probleme und hält die Motivation hoch. „Manchmal ist die Arbeit für uns alle ein bisschen frustrierend, weil die Lösung nicht gleich auf dem Präsentierteller liegt. Es braucht Geduld“, sagt Schönfeldt.

Die meisten der rund 260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten schon vor ihrer Zeit bei UPM Jobs im mitteldeutschen Chemiecluster – an den Standorten Leuna, Bitterfeld, Schkopau, Böhlen, Teutschenthal, Schwarzheide oder Zeitz. Insgesamt arbeiten in der Region etwa 30.000 Menschen in der chemischen Industrie.

UPM zieht jene von ihnen an, die Lust auf nachhaltige Chemie haben und eine Produktion von Beginn an mit aufbauen möchten. „Wir wollen etwas Neues schaffen, wir wollen Pioniere sein“, beschreibt Schönfeldt die Grundstimmung.

Gleichzeitig bietet das Unternehmen einen zukunftsweisenden Arbeitsplatz, während andere Chemiestandorte in Mitteldeutschland unter Druck stehen: Mitarbeitende des Polyamid-Werks in Leuna bangen um ihre Jobs, nachdem die Betreibergesellschaft Insolvenz anmelden musste. Auch die Zukunft des Steamcrackers in Böhlen ist offen. Der Chemiekonzern Dow will die Anlage zur Herstellung wichtiger Grundchemikalien bis Ende 2027 stilllegen. Direkt betroffen wären 500 Arbeitsplätze, indirekt bis zu viermal so viele (siehe „Chemie ohne Herz“, Profil-Ausgabe August | September 2025).

Mit Plakaten und auf der Website sucht UPM weiterhin nach Anlagenfahrerinnen und Anlagenfahrern. Schönfeldt führt wöchentlich Bewerbungsgespräche. Der Haustarifvertrag ist dabei ein wichtiges Thema. Den gibt es seit April 2026. Maßgeblich ausgehandelt hat ihn Florian Hüfner. Der Gewerkschaftssekretär der IGBCE im Bezirk Sachsen-Anhalt hat sein Büro in einem Klinkerbau in Halle an der Saale. Die meiste Zeit ist er jedoch unterwegs, um Arbeitgebervertreterinnen und -vertreter sowie Gewerkschafts- und Betriebsratsmitglieder zu treffen. Für 35 Unternehmen ist er Hauptansprechpartner aufseiten der Gewerkschaft; neun von ihnen haben eigene Tarifverträge. „Ich schätze, dass unser Bundesland deutschlandweit die höchste Quote an Haustarifverträgen hat.“

Erst werden Baumstämme zu Holzschnipseln zerkleinert. Danach startet der chemische Prozess, bei dem Enzyme den nachwachsenden Rohstoff in seine Bestandteile aufspalten. Am Ende entsteht RFF für Autoreifen und MEG für Kunststoffe.

Gutes Umfeld für Mittelstand

Der Grund: In Sachsen-Anhalt gibt es keine großen Industriekonzerne. Zugleich geht mit dem starken Chemiecluster eine große Zahl an Zulieferern und Dienstleistern einher. Ein gutes Umfeld für Mittelständler. Viele von ihnen sind kein Mitglied im Bundesarbeitgeberverband Chemie und deshalb nicht an den mit der IGBCE ausgehandelten Flächentarifvertrag Chemie gebunden. Sie brauchen eigene Verträge – wenn sie überhaupt tarifgebunden sind. „Es gibt in unserem Bezirk etwa 200 bis 300 Betriebe, für die wir als IGBCE zuständig wären. Ohne engagierte Kolleginnen und Kollegen, die mit uns einen Betriebsrat gründen wollen, haben wir als Gewerkschaft dort jedoch kaum Möglichkeiten“, sagt Hüfner.

UPM hat seit drei Jahren eine Arbeitnehmervertretung – dank Schönfeldt, der fast sein gesamtes Berufsleben im Betriebsrat ist. „Es braucht jemanden, der darüber wacht, dass alle Bedürfnisse berücksichtigt werden“, sagt er. Deswegen organisierte er bei UPM gemeinsam mit der IGBCE eine Wahl. Am Ende stand ein Gremium mit sieben Mitgliedern, von dem Schönfeldt den Vorsitz übernahm.

Sein wichtigstes Ziel: Kolleginnen und Kollegen für die IGBCE begeistern, damit Haustarifverhandlungen möglich werden. Dafür musste mindestens die Hälfte der Belegschaft organisiert sein. Liegt die Quote darunter, fehlt die Streik- und Durchsetzungskraft. Die IGBCE organisierte Infoveranstaltungen, Schönfeldt führte Gespräche, Betriebsversammlungen haben die Mitgliedschaft auf der Agenda.

Man schaut:
Wo liegen die Knackpunkte?

Florian Hüfner,
IGBCE-Gewerkschaftssekretär

Sechs Runden bis zum Abschluss

Im Sommer 2025 war das Ziel erreicht. Die IGBCE lud das UPM-Management zu Tarifverhandlungen ein. Gewerkschaftler Hüfner übernahm die Verhandlungsführung für die Beschäftigten, Schönfeldt wurde Teil der gewählten Tarifkommission. Das sechsköpfige Gremium ist die Stimme der Belegschaft und das Ohr in den Betrieb hinein.

Sechsmal saßen sich die Tarifpartner gegenüber. Die Verhandlungen liefen gut, auch weil UPM einem Haustarifvertrag offen gegenübersteht und sich bei der Bezahlung bereits an dem Flächentarifvertrag orientierte. „Man muss zwischen den Zeilen schauen: Wo sind Zugeständnisse möglich, wo liegen die Knackpunkte? Und dann müssen wir entscheiden, was uns wirklich wichtig ist“, sagt Hüfner.

Am Ende steht ein Ergebnis, mit dem Schönfeldt und Hüfner sehr zufrieden sind. „Da ist für jeden etwas dabei. Ich glaube, es gibt nicht viele Unternehmen, die einen solchen Tarifvertrag haben, obwohl sie noch nicht einmal einen vollständig laufenden Betrieb haben“, sagt Schönfeldt.

Seinen Einsatz für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter will er weiter intensivieren: Seit den Betriebsratswahlen Anfang des Jahres hat das Gremium neun Sitze. Einer davon bringt eine Freistellung mit sich. Als frisch gewählter Vorsitzender wird Schönfeldt sie nutzen, sobald Ersatz für ihn als Schichtleiter gefunden ist.