Vor Ort

Nordost

Zukunft braucht Jugend

Text Kathryn Kortmann

Ausbildung sichert Fachkräfte von morgen und schafft Zukunft in der Region und für die Region. Wie die IGBCE sich für Perspektiven in der ostdeutschen Industrie starkmacht und warum die Wahlen der Jugend- und Auszubildendenvertretung so wichtig sind.

Ausbildung gehört auf die 1: Die IGBCE-Jugend demonstriert für Ausbildungsplätze.

Foto: privat

Als Benedict Scheel 2019 bei BASF in Schwarzheide seine Ausbildung zum Chemikanten begann, war er in bester und vor allem auch in großer Gesellschaft. Dreißig neue Azubis starteten damals gemeinsam in ihren Beruf. In diesem Jahr sind es nur noch zwölf junge Menschen, die in dem Chemieunternehmen am Standort in der Lausitz die Ausbildung zum Chemikanten oder zur Chemikantin absolvieren – fast zwei Drittel weniger.

Während BASF bis vor wenigen Jahren noch über Bedarf ausgebildet hat, weil immer auch die Abbrecherquote oder ein anschließendes Studium in die Kalkulation einbezogen wurden, orientiert sich die Zahl der neuen Ausbildungsverträge aktuell nur am tatsächlichen Bedarf. „Das birgt die Gefahr, dass auch wir bei BASF in absehbarer Zukunft mit dem Problem des Fachkräftemangels konfrontiert werden“, sagt Benedict Scheel, seit vier Jahren Vorsitzender der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) am BASF-Standort in Schwarzheide. „Die wirtschaftliche Krise führt dazu, dass auch an der Ausbildung gespart wird.“

„Situation ist alarmierend“

BASF ist kein Einzelfall. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in der chemisch-pharmazeutischen Industrie Ostdeutschlands sinkt weiter. Gleichzeitig steigt der Bedarf an qualifizierten Fachkräften, auch weil mit den sogenannten Boomern in den kommenden Jahren zahlreiche erfahrene Beschäftigte aus dem Erwerbsleben ausscheiden. „Die Ausbildungssituation in unserer Region ist alarmierend“, sagt Gewerkschaftssekretär Tom Karl, der im IGBCE-Landesbezirk Nordost für die Jugendarbeit zuständig ist. „Die Betriebe sollten ein vitales Interesse daran haben, Fachkräfte auszubilden, statt an dem Ast zu sägen, auf dem sie sitzen und der ihnen in der Vergangenheit immer das so wichtige Know-how garantiert hat.“

Pünktlich zum Start des neuen Ausbildungsjahres haben die IGBCE im Landesbezirk und der Arbeitgeberverband Nordostchemie deshalb gemeinsam an die Unternehmen in der Region appelliert, noch einmal alle Möglichkeiten zur Schaffung neuer Ausbildungsplätze zu prüfen. „Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist und bleibt die duale Ausbildung das Herzstück für die Fachkräftesicherung von morgen“, sagt Stephanie Albrecht-Suliak, Landesbezirksleiterin der IGBCE Nordost. „Jeder zusätzliche Ausbildungsplatz gibt jungen Menschen in unserer Region eine Perspektive, stärkt das eigene Unternehmen und den Industriestandort ­Ostdeutschland.“

Gute Ideen für Ausbildung

Die Sozialpartner hatten sich im Rahmen der Tarifverhandlungen in der Chemieindustrie zu Beginn des Jahres darauf verständigt, die Ausbildung in Nordost zu stärken und im April mit Gründung eines Steuerungskreises auf die schlechten Ausbildungszahlen reagiert.

Die duale Ausbildung bleibt das Herzstück für die Fachkräftesicherung von morgen.

Stephanie Albrecht-Suliak,
Landesbezirksleiterin

Nach einer Analyse, warum Unternehmen weniger ausbilden, sollen in einem zweiten Schritt Lösungsansätze entwickelt werden. Geplant sind auch Plattformen, um darüber gute Ideen für mehr Ausbildung auszutauschen. Die könnten auch genutzt werden, um die Ausbildung zu modernisieren.

Ein weiteres wichtiges Instru­ment, um eine hohe Qualität sicherzustellen, sind die Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) in den Betrieben. Zwischen dem 1. Oktober und dem 30. November werden die Interessenvertretungen der Auszubildenden und der jungen Beschäftigten neu gewählt. Die Wahl ist wichtig. Denn JAVen tragen dazu bei, dass Ausbildungsinhalte eingehalten und Probleme angesprochen werden. Der neue Ausbildungsreport, den die DGB-Jugend jährlich vorlegt, zeigt außerdem einmal mehr, dass die Zufriedenheit mit der Ausbildung deutlich höher ist, wenn es im Betrieb eine JAV gibt. „Mitbestimmung ist ein starker Schutzfaktor im Ausbildungsalltag“, sagt Tom Karl. Die JAVen „sorgen gemeinsam mit dem Betriebsrat für gute und zeitgemäße Ausbildungsbedingungen und setzen sich für eine gute Betreuung ein“.

Nächste JAV stark aufstellen

Bei der BASF in Schwarzheide laufen die Vorbereitungen für die JAV-Wahlen auf Hochtouren. „Der Wahlvorstand hat seine Arbeit bereits aufgenommen“, berichtet Benedict Scheel. „Aktuell sind wir dabei, geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu akquirieren, damit auch die nächste JAV stark aufgestellt ist.“ Benedict Scheel hat mit 25 die JAV-Altersgrenze erreicht und kann sich nicht mehr selbst zur Wahl stellen.

Die Aufgaben, die auf das neue Gremium zukommen, davon ist er überzeugt, werden nicht weniger, auch wenn jetzt schon klar ist, dass die Ausbildungszahlen in den nächsten Jahren bei BASF in Schwarzheide – zumindest in einigen Berufen – wieder ansteigen werden. „Allein in den sogenannten MINT-Berufen (kurz für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik; Anm. d. Red.) müssen ab 2028 jährlich dreißig neue Azubis bei BASF starten. Dazu hat sich die BASF mit Gründung des vom TÜV betriebenen überbetrieblichen Leistungszentrums Lausitz verpflichtet“, erzählt der scheidende JAV-Vorsitzende.