Video: Gewerkschaften machen mobil – Aktionstag für Sozialstaat und Industriearbeit.
Das Maß ist voll
Lautstark und engagiert haben Beschäftigte am 26. September ihren Unmut über die Reformagenda der Bundesregierung auf die Straße getragen. Quer durch die Republik hatten der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften zu zentralen Kundgebungen aufgerufen. Insgesamt 175.000 Beschäftigte beteiligten sich in 15 Städten an den Aktionen. Auslöser der bundesweiten Proteste waren die geplanten Einschnitte beim Sozialstaat, die Reformpläne bei Rente und Gesundheit und der pauschale Angriff auf Arbeitnehmerrechte.
Die IGBCE hat ein deutliches Zeichen gegen den Jobverlust in den IGBCE-Branchen und die Hilflosigkeit der Politik beim Management der Industriekrise gesetzt und den Finger in die „deutsche Wirtschaftswunde“ gelegt.
Grafik: Brinkertlück
Es war voll in den Innenstädten. Von Frankfurt bis Hamburg, von Berlin bis Nürnberg. Kaum jemand konnte die bundesweiten Proteste der Gewerkschaften Ende September übersehen oder überhören. In 15 Städten gingen die Beschäftigten auf die Straße und trugen ihre Sorgen und Nöte lautstark vor. Im Fokus ihrer Kritik stand die aktuelle Reformagenda der Bundesregierung. Ob Rente, Gesundheit oder Sozialstaat – am Ende der Debatten seien es immer die Beschäftigten, die zur Kasse gebeten werden sollen. Damit sei nun Schluss.
„Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ Unter diesem Motto haben sich die Gewerkschaften in ganz Deutschland offen gegen die Sparpläne der Bundesregierung gestellt. Auch die IGBCE hat sich aktiv an den lautstarken Protesten beteiligt und den Finger öffentlichkeitswirksam in die „deutsche Wirtschaftswunde“ gelegt.
In Hannover donnerte Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IGBCE, vor 13.000 Menschen ins Mikrofon: „Was für ein Anblick des Widerstandes! Schaut euch um. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Rentnerinnen und Rentner, Bürgerinnen und Bürger, die sagen: Stop!“
Vassiliadis sparte nicht mit Kritik an der aktuellen Arbeit der Bundesregierung und ihren Reformplänen. „Die unverhohlenen Angriffe auf unseren Sozialstaat und unsere erkämpften Arbeitnehmerrechte sind der Kern, der unseren Widerstand antreibt.“ Aber auch die Arbeitgeber wurden während der 20-minütigen Rede nicht verschont: „Es sind verantwortungslose Entscheidungen der Chefetagen, die in neuer Aggressivität und ohne die Bereitschaft, über Alternativen ernsthaft zu reden, tausende Arbeitsplätze kurzerhand zusammenstreichen.“
Doch Vassiliadis beließ es nicht bei der Kritik. Er machte klar, dass die Gewerkschaften Veränderungen nicht grundsätzlich ablehnen. „Natürlich braucht das Land Reformen. Und ja, natürlich: Deutschland muss sich verändern“, sagte er. Entscheidend sei aber, worauf diese Reformen zielten. „Wir wollen Reformen für eine starke Wirtschaft. Wir wollen Reformen für sichere Arbeitsplätze.“
Unter lautem Applaus machte er deutlich, dass sich die Debatten stärker um Wachstum, Investitionen und die Zukunft des Industriestandorts drehen müssten – nicht um sozialen Kahlschlag und Verzicht. Er verwies dabei auf die zentralen Gründe der Krise: auf hohe Energiepreise, Handelskonflikte, geopolitische Unsicherheiten und einen härter werdenden internationalen Wettbewerb.
„Trotzdem fällt der Politik und den Arbeitgebern nichts Besseres ein, als in dieser Krise mal wieder nur auf die Beschäftigten zu blicken“, so Vassiliadis. Dabei läge die Lösung nicht in längeren Arbeitszeiten und Lohndumping. „Unser Land wird wettbewerbsfähiger, wenn wir produktiver und innovativer werden.“ Es brauche wieder mehr Investitionen, eine verlässliche Industriepolitik und bessere Rahmenbedingungen – und keine Gängelung und Beschimpfung der Beschäftigten.
Dabei schlug er auch die Brücke vom Industriestandort zum Sozialstaat. Denn wenn industrielle Arbeitsplätze verschwinden, trifft das nicht nur einzelne Unternehmen oder Branchen. Es gehe um die gesamte Wertschöpfungskette – und damit letztlich auch um die finanzielle Basis des Sozialstaats. „Genau deshalb gehören eine starke Wirtschaft und ein starker Sozialstaat untrennbar zusammen“, so Vassiliadis.
Foto: Kai-Uwe Knoth
Unser Land wird wettbewerbsfähiger, wenn wir produktiver und innovativer werden.
Michael Vassiliadis,
Vorsitzender der IGBCE
In Magdeburg sprach IGBCE-Tarifvorstand Oliver Heinrich über das wachsende Gefühl vieler Beschäftigter, dass die Belastungen einseitig zunehmen. „Die Menschen haben zu Recht das Gefühl, dass sie immer mehr leisten sollen und immer weniger Sicherheit dafür bekommen. Dabei gehen sie jeden Tag arbeiten, zahlen jeden Monat ihre Beiträge und haben ein Recht darauf, dass das System funktioniert und sie sich darauf verlassen können, wenn sie es brauchen!“
In Rostock setzte IGBCE-Vorstandsmitglied Alexander Bercht einen weiteren Punkt: „Wer am Renteneintrittsalter schraubt oder bei Pflege und sozialer Absicherung kürzt, sichert noch keinen einzigen Arbeitsplatz. Die Bundesregierung setzt die falschen Prioritäten: Statt Wertschöpfungsketten zukunftsfest zu gestalten und Perspektiven für Beschäftigte zu schaffen, werden die Lasten einseitig den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aufgebürdet.“
Ähnliche Töne schlug auch die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi in Essen an. Vor 18.000 Menschen machte sie deutlich: „Gute Arbeit, ein starker Sozialstaat und eine verlässliche Rente sind keine Belastung. Sie sind das Fundament einer gerechten und starken Gesellschaft.“