Transformation:
Für und wider
Die IGBCE-Branchen sind im Umbruch. Exemplarisch an den Betrieben Michelin, Koehler und Teva (Ratiopharm) zeigen wir, wo neue Jobs entstehen und welchen Schutz dabei Tarifverträge und Gewerkschaftsmitgliedschaft bieten.
Zwar ist Michelin in Karlsruhe bald Geschichte. Doch weil so viele Beschäftigte IGBCE-Mitglieder waren und sind, hat der Konzern viel Geld auf den Tisch legen müssen, um seine Pläne durchziehen zu können.
Foto: Klaus Landry
Weg von Kunststoff-, hin zu Papierverpackungen: Die 2019 neu eröffnete Produktionslinie 8 für flexible Verpackungspapiere war für die Papierfabrik August Koehler mit rund 300 Millionen Euro die größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte. „An der 150 Meter langen Papiermaschine 8 beziehungsweise an der Streichmaschine 8 sind sechzig bis siebzig neue Jobs entstanden“, berichtet Konzernbetriebsratsvorsitzender Gebhard Müller. Hiervon war ein Großteil echter Personalaufbau.
Mit Kunden aus der Lebensmittel-, aber auch der Gebrauchsgüterindustrie zielen die Oberkircher auf neue Zielgruppen. „Uns als Betriebsrat war es dabei wichtig, Leitplanken für die interne Stellenbesetzung festzulegen“, sagt Müller. Natürlich habe es Beschäftigte gegeben, die sich aus anderen Produktionslinien beworben hätten. „Wichtig war uns, eine Rotation zu vermeiden. Also zu vermeiden, dass es am Ende einer Bewerbungskette zu Leistungsverdichtung für die dort verbliebenen Beschäftigten kommt.“ Entsprechend habe der Betriebsrat unter anderem Dinge wie Wechselfristen und Schichtsysteme mitgestaltet. „Ebenso vereinbarten wir in der Personalplanung, dass externe Bewerberinnen und Bewerber die Möglichkeit hatten, sich an anderen Papiermaschinen für ihren Einsatz an der Papiermaschine 8 zu qualifizieren.“
Mehr Pharma und mehr Biotechnologie: Hier entstehen neue Jobs.
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Die neue Produktionslinie 8 bei Koehler: eine der leistungsfähigsten Spezialpapiermaschinen der Welt.
Foto: Sepp Spiegl, Koehler
Besonders deutlich zeigt sich die Transformation in den IGBCE-Branchen mit der Schließung der Michelin-Produktion in Karlsruhe. Im 1931 eröffneten Werk werden im Spätjahr auch die Letzten sprichwörtlich das Licht ausmachen. Im November 2023 wurde das Vorhaben verkündet, schnell warfen IGBCE sowie Betriebsrätinnen und Betriebsräte ihr Gewicht in die Waagschale. Mit Erfolg: „So bitter der Schock der Schließung für uns alle war, im Nachhinein sage ich, sie hätte nicht besser laufen können“, blickt Lukas Kopaczewski, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender, zurück. Es sei klar gewesen, dass man Abfindungen von ein paar Tausend Euro und fehlende Perspektiven für die Belegschaft nicht akzeptieren werde. „Genau deshalb sollte eine gut ausgestattete Transfergesellschaft vor allem den vielen langjährig Beschäftigten helfen, sich beruflich neu orientieren zu können.“ Das scheint geglückt: „Ich weiß, dass mehr als neunzig Prozent der zuletzt 1.300 Leute für sich eine Lösung gefunden haben“, zieht Kopaczewski Bilanz. Betriebsrat und IGBCE seien stets in konstruktiven Gesprächen zu bestmöglichen Lösungen gewesen, hätten parallel aber auch Druck aufgebaut: „Die Busse, um zur französischen Konzernzentrale zu fahren, standen bereit.“ Letztendlich aber sei ein „sauberes Ende“ im Interesse aller Beteiligten gewesen.
Bei Teva ist Transformation „an sich nichts Neues“, berichtet Vertrauensleutevorsitzender Manuel Haußmann. Jüngst sind durch strukturelle Anpassungen im Konzern sowie durch Digitalisierung hauptsächlich Tätigkeiten in Bereichen wie Vertrieb, Marketing und Kundenkontakt weggefallen. In den vergangenen zehn Jahren wurden die Biotechnologie-Produktionsanlagen des Pharmabetriebs erheblich ausgebaut. „Was anfangs mit einer zweistelligen Zahl an Beschäftigten startete, liegt inzwischen deutlich höher und im dreistelligen Bereich“, sagt Haußmann. Ein spürbarer Anteil der Beschäftigten sei aus anderen Teilen des Unternehmens in die Teva Biotech GmbH gewechselt. „Zudem wurden bei uns ausgebildete Pharmakanten und Chemielaboranten übernommen.“ Auch in angegliederten Bereichen seien neue Jobs entstanden. „Ein Manko aber ist aus meiner Sicht, dass die GmbH nur tarifangelehnt und nicht tarifgebunden ist“, sagt Haußmann. Das sei zwar historisch so gewachsen. „Aber natürlich würde es mich als Betriebsratsmitglied freuen, wenn alle gleich behandelt würden“, verweist er exemplarisch auf die in der GmbH geltende Vierzig-Stunden-Woche. „Zudem besteht die Gefahr, dass Bedingungen und Entgelte, die nur an den Tarifvertrag angelehnt sind, nicht denselben Schutz bieten wie in Betrieben, die direkt tarifgebunden sind.“