Vor Ort

Rheinland-Pfalz/Saarland

Das war die Tarifrunde

Text Axel Stefan Sonntag

Der jüngste Chemie-Tarifabschluss fiel in eine wirtschaftlich extrem herausfordernde Zeit. Die Auswirkungen des Irankriegs belasteten zusätzlich. Gleichwohl riefen viele IGBCE-Mitglieder zu Aktionen auf – die endlich Bewegung in die Gespräche brachten.

Bezirk Ludwigshafen: Starke Präsenz zeigten die IGBCE-Mitglieder zur dritten Verhandlungsrunde in Bad Breisig (links).

Foto: Stephan Güldner

Für die Arbeitgeber gab es eine Rote Karte (rechts, von links: Stephan Güldner, Ute Weisenbach und Sinischa Horvat, alle BASF SE).

Foto: Stephan Güldner

Die zurückliegende Chemie-Tarifrunde ärgerte manch ein IGBCE-Mitglied. „Ich persönlich empfand sie als unnötig hart und unsozial den Beschäftigten gegenüber“, blickt Stephan Güldner, Vorsitzender der Vertrauensleute bei der BASF SE, zurück. Zwischen der zweiten und der dritten Bundesverhandlung sei die Stimmung teilweise verhalten bis abwartend gewesen, teilweise auch fordernd aufgrund der hohen Preise in den Supermärkten und an Tankstellen. Zusammen mit rund 150 Beschäftigten zeigte Güldner zur dritten Runde in Bad Breisig den Arbeitgebern die Rote Karte. Die Reaktionen auf die folgende Einigung seien sehr differenziert gewesen: „Teilweise wurde der Abschluss akzeptiert, teilweise wurde er kritisch gesehen. Das gilt gerade in den unteren Lohngruppen und bei Teilzeitbeschäftigten, die nun zehn Monate ohne Lohnzuwachs mit den weiterhin hohen Lebenshaltungskosten umgehen müssen“, beschreibt er das Meinungsbild in der BASF. Für die kommenden Tarifrunden hofft er, „dass die Beschäftigten als Unternehmenswert wahrgenommen werden und nicht als finanzielle Belastung“.

Bei Rhodius Abrasives versammelten sich die Beschäftigten vor dem Werkstor. Bei Kandelium gab es eine starke Beteiligung bei der tariflichen Mittagspause.

Fotos: Thorsten Zangerle, Tobias Paulus

Im Bezirk Mittelrhein fanden mehrere Aktionen statt, etwa bei Kandelium. „Die tarifliche Mittagspause kam bei der Belegschaft hervorragend an, mehr als die Hälfte aller Beschäftigten nahm teil“, zeigt sich der Betriebsratsvorsitzende Zlatko Cacic, zugleich Mitglied der Chemie-Tarifkommission des Landesbezirks, zufrieden. „Die Kolleginnen und Kollegen hätten sich einen höheren Abschluss gewünscht. Wir wissen aber auch, wie die Lage in der Branche aussieht. Somit ist der Abschluss für uns zwar ein wenig zu niedrig ausgefallen, insgesamt passt er aber in die herausfordernde Zeit.“ Den vereinbarten Transformationsbetrag werde man wahrscheinlich für das bestehende Lang­zeit­konto nutzen.

Bei Tehalit verteilten Betriebsratsvorsitzender Ronald Keller (links) und sein Stellvertreter Peter Seibert Berliner.

Foto: Martina Schuler

Auch bei Liqui Moly war die Tarifrunde ein großes Thema unter den Beschäftigten

Foto: Frank Rolle

Großaufgebot bei Michelin: Auch hier zeigte die Belegschaft dem Arbeitgeber die Rote Karte.

Foto: Christian Trapp

Im Bezirk Saarbrücken gab es eine Aktion unter anderem bei Liqui Moly. Rund achtzig Leute nahmen teil. „Trotz der spürbaren Belastungen durch die anhaltende Inflation blicken viele vorsichtig, aber keineswegs unzufrieden auf den Tarifabschluss“, kommentiert der Betriebsratsvorsitzende Andreas Pfaff. „Gerade weil das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich ist, wird sich der Betriebsrat mit Nachdruck dafür einsetzen, dass sowohl der Sicherheitsbetrag von zweimal 300 Euro noch in diesem Jahr ausgezahlt als auch die Tariferhöhung zum 1. Oktober vorgezogen wird“, kündigt er an. In künftigen Tarifrunden müsse die Schichtarbeit in den Fokus rücken, damit diese attraktiv bleibe.

Bei Michelin in Bad Kreuznach kamen rund hundert Menschen zusammen. „Die Kolleginnen und Kollegen waren entsetzt über die von der Arbeitgeberseite geforderte Nullrunde und haben sich bereits an unserem Infostand bei uns erkundigt und ihren Unmut preisgegeben“, erinnert sich Francesco Caricato, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Die Einigung sieht er mit gemischten Gefühlen: „Wir verstehen selbstverständlich den Grund, wieso man gerade in dieser schwierigen Zeit ohne eine konkrete Zahl in die Tarifverhandlungen gegangen ist. Allerdings zeigt sich im Ergebnis, dass es eine spürbare Differenz zwischen den Erwartungen und dem tatsächlichen Abschluss gibt.“ Für die kommende Tarifrunde plädiert er für eine klare Forderung und vor allem für eine kürzere Laufzeit.

IGBCE-Landesbezirksleiter Roland Strasser: „Ich möchte mich bei allen bedanken, die die vielen Aktionen vor Ort initiierten und umsetzten. Der Abschluss fiel in eine wirtschaftlich schwierige Zeit. Umso mehr konnten wir dank eurer Unterstützung die Arbeitgeber von ihrer lange geforderten Nullrunde abbringen.“