Menschliche Fähigkeiten werden kostbarer
Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik entwickeln sich rasant. Was bedeutet das für die Menschen und ihre Arbeit? Darüber sprechen der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis und Alena Buyx, Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien.
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Frau Buyx, wir konnten gerade sehen, dass ein Roboter bei einem Halbmarathon den menschlichen Weltrekord gebrochen hat. Sollte uns das freuen oder Sorge bereiten?
Alena Buyx: Ich finde das als Technikethikerin und Wissenschaftlerin erst mal toll, weil es wieder ein Schritt in der technologischen Entwicklung ist. Gleichzeitig verstehe ich, wenn Leute denken: Wenn der jetzt schneller rennen kann als ich, was kann er dann noch alles?
Michael Vassiliadis: In der Industrie kennen wir Maschinen seit sehr langer Zeit, die schneller arbeiten als Menschen. Dazu hatten wir als Gewerkschaften viele Jahre einen positiven Zugang. Technologieeinsatz war Teil der angestrebten Arbeitsentlastung. Gekippt ist das, als Produktivität gegen Beschäftigung lief. Unsere Geschichte ist also keine technologiefeindliche. Das ist für die jetzige Diskussion wichtig: Wir haben im Moment eher Fachkräftemangel als Massenarbeitslosigkeit. Insofern können wir über einen Technologieeinsatz zur Produktivitätssteigerung durchaus reden.
Buyx: Ich komme aus der Medizin. Wir haben dort einen enormen Fachkräftemangel und einen steigenden Versorgungsbedarf. Wenn Technologie dort unterstützen kann, ist das ein riesiges Potenzial – aber nur, wenn man sie verantwortlich einsetzt und sie wirklich den Menschen hilft. Als ich noch Vorsitzende des Deutschen Ethikrats war, haben wir eine Stellungnahme zum Verhältnis von Mensch und Maschine erarbeitet. Darin haben wir eine ethische Faustregel formuliert: Anwendungen künstlicher Intelligenz müssen menschliche Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten erweitern und nicht vermindern; und KI darf den Menschen nicht ersetzen. Das heißt: Wir können viel delegieren. Aber der Kurzschluss darf nicht sein: Jetzt brauchen wir die Menschen nicht mehr. Die Letztverantwortung muss bei uns liegen.
Foto: Kai-Uwe Knoth
Alena Buyx ist Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien sowie Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München. Sie gehörte von 2016 bis April 2024 dem Deutschen Ethikrat an und war von 2020 bis 2024 dessen Vorsitzende. Das Gremium befasst sich mit ethischen Zukunftsfragen, erarbeitet Stellungnahmen für die Politik und informiert die Öffentlichkeit. Die aus Ibbenbüren stammende Medizinethikerin hat beim Gewerkschaftskongress 2025 eine viel beachtete Rede zum Thema „Digitale und gesellschaftliche Resilienz“ gehalten.
Reichen Ethikregeln, um die Risiken der künstlichen Intelligenz zu beherrschen?
Buyx: Die Technologie muss gestaltet werden. Dafür reichen Ethikregeln nicht. Denn KI ist eine Dual-Use-Technologie wie die Atomkraft. Ein Beispiel: 2024 ging ein Teil des Chemie-Nobelpreises an die Entwickler von AlphaFold, einem KI-Modell zur Vorhersage von Proteinstrukturen. Mit diesem Werkzeug können in der biomedizinischen Forschung Strukturen berechnet werden, wofür man früher Jahre gebraucht hat. AlphaFold macht das in wenigen Stunden. Derselbe Algorithmus kann aber auch für toxische Biokampfstoffe genutzt werden. Anders als bei der Atomkraft haben heute alle Zugang zu solchen Dual-Use-Technologien. Deshalb reichen freiwillige Ethikstandards nicht. Was wir brauchen, sind maßvolle und einfache Regeln. Dabei sollten deutsche und europäische Entwicklungen einen gewissen Welpenschutz bekommen. Sie sind in unserem regulatorischen Kontext groß geworden, haben Datenschutz, Arbeitsschutz und andere Regeln eingehalten. Euch vertrauen wir! Bei Systemen von außen sollten wir genauer hinschauen. Das hat auch etwas mit digitaler Souveränität zu tun.
Vassiliadis: Bei den meisten Entwicklungen kämen wir nie auf die Idee, sie ohne Regulierung einzusetzen. Im digitalen Kontext sieht das oft anders aus. Ein Beispiel ist das Homeoffice, das sich seit Corona in einem Zwischenstadium befindet. Wichtige Erkenntnisse der Arbeitsmedizin sind am heimischen Küchentisch plötzlich irrelevant. Beim Thema KI kommt hinzu, dass viele zentrale Entwicklungen aus den USA stammen. Deshalb stellt sich die Frage: Wollen wir uns amerikanischen Riesenkonzernen unterwerfen? Oder machen wir uns auf den Weg, unsere eigenen qualitativen Aspekte einzubringen? Unsere europäische Kultur war immer stark in Prozessentwicklung, Sicherheit und Qualität. Es ist wichtig, das einzubringen und zu fragen, wie viel Souveränität wir in der Aufholjagd jetzt schaffen können.
Die Letztverantwortung muss bei uns liegen.
Alena Buyx,
Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München
Die USA bauen im Moment Regulierungen wieder ab. Wie können wir uns schützen, wenn ausgerechnet die entscheidende KI-Nation andere Wege geht?
Buyx: Ganz so einfach ist es auch dort nicht. Es gibt aktuell Debatten, ob es doch die eine oder andere Regulierung für Sprachmodelle geben soll. Das ist für mich allerdings sekundär. Europa ist ein riesiger Markt mit vielen gut ausgebildeten, wohlhabenden Konsumentinnen und Konsumenten, und wir haben tolle Entwicklung und Forschung. Ich würde mir wünschen, dass wir nicht ständig erzählen, wir seien völlig abgehängt und hätten keine Marktmacht. Das stimmt nicht. Natürlich ist es naiv zu glauben, wir könnten uns morgen einfach von den großen amerikanischen Konzernen lösen. Aber das heißt nicht, dass wir keine Alternativen aufbauen können. Dafür sollten Unternehmen sowie Verbraucherinnen und Verbraucher bevorzugt deutsche oder europäische Lösungen wählen, und wir brauchen auch neue Finanzierungswege. Wenn wir eigene Angebote stärker nutzen, machen wir sie größer.
Der Digitalminister hat gesagt, KI werde viele Berufsbilder überflüssig machen und Jobs kosten. Die Leute müssten sich darauf einstellen, sich künftig ständig neue Kompetenzen anzueignen. Wie muss sich eine Gewerkschaft dazu aufstellen?
Vassiliadis: Natürlich müssen wir damit rechnen, dass Berufsbilder und Beschäftigung wegfallen, wenn künstliche Intelligenz bestimmte Aufgaben rationaler erledigt. Die entscheidende Frage ist: Mit welcher Geschwindigkeit und in welcher Dimension passiert das? Das lässt sich gestalten. Problematisch ist aber der zweite Teil dieser Aussage: Die Leute sollen sich gefälligst kümmern. Das ist der Versuch, die Entwicklung auf den Einzelnen abzuwälzen. Das halte ich für grundfalsch und nicht zielführend. Der Mensch und das, was er kann, werden kostbarer. Deshalb müssen wir ihn in die Lage versetzen, das zu tun, was nur der Mensch kann – und was sinnvollerweise der Mensch tun sollte. Dafür darf Rationalisierung nicht automatisch mit Beschäftigungsabbau gekoppelt werden. Nur weil KI eine Aufgabe schneller erledigt, heißt das nicht: Die Leute sind raus. Viel wichtiger ist die Frage: Welche neuen Aufgaben können Menschen nun übernehmen? So weit sind wir aber noch nicht. Im Moment müssen wir erst mal klären, was überhaupt zu gestalten ist.
Der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis mit Moderator Lars Ruzic und zugeschaltet Ethikprofessorin Alena Buyx (von links).
Foto: IGBCE
Buyx: Ich arbeite an einer Technischen Universität. Wir bauen zum Teil selbst am technologischen Fortschritt mit. Und trotzdem diskutieren wir in meinem Institut seit Jahren: Wie nutzen wir KI in unseren internen Prozessen? Das ist für jedes Unternehmen und jede Institution ein dickes Brett. Meine Empfehlung ist: neugierig bleiben. Spielen, lernen, ausprobieren. Ohne praktische Nutzung kommen wir in der Diskussion um die Arbeitsplatzveränderungen nicht weiter.
Vassiliadis: Manche Anwendungen stehen schon fest. Echtzeitübersetzungen zum Beispiel. Andere wirken wie technische Lösungen für Probleme, die keiner hatte. Ich weiß nicht, warum ich mit meinem Kühlschrank reden soll. Aber genau da könnte ein europäischer Weg liegen: nicht nur Unterhaltung, Bilder und Videos, sondern spezialisierte, ernsthafte Anwendungen.
Buyx: Es gibt das Prinzip des Leapfrogging: Man überspringt eine Stufe und geht direkt in die spezialisierte Anwendung mit hochqualitativen Daten. Dafür ist auf dem Markt viel Platz. Und wir haben die Ideen, die Leute und die Daten dafür.
Vassiliadis: Außerdem müssen wir aufhören, unser Land ständig kleinzureden. Natürlich haben wir Probleme, und in unseren Branchen sind sie zum Teil sehr hart. Aber die Analyse ist oft unterkomplex. Wenn wir immer nur sagen, alles sei schlecht, bekommen wir am Ende nur beleidigte und empörte Menschen. Und zwar zu Recht.
Vielleicht lösen wir mit KI unser Bildungsdilemma, weil wir besser unterscheiden, was lernenswert ist und was Unsinn.
Michael Vassiliadis,
Vorsitzender der IGBCE
Zum Schluss der Blick nach vorn: Was wünschen Sie sich?
Buyx: Ich wünsche mir, dass die verantwortliche Nutzung von KI in zehn Jahren in der Breite angekommen ist. Die Technologie entlastet und schafft Freiheiten für das, was uns als Menschen kostbar macht. In der Medizin ist es auch das Sprechende, das Zwischenmenschliche, das Kümmernde, das Heilende. Das ist in den vergangenen Jahren manchmal zu kurz gekommen.
Vassiliadis: Vielleicht lösen wir mit KI unser Bildungsdilemma, weil wir besser unterscheiden, was lernenswert ist und was Unsinn. Vielleicht machen wir junge Menschen, die heute aus dem Bildungssystem herausfallen, durch klug eingesetzte Pädagogik und Technologie anschlussfähig. Vielleicht bleiben ältere Menschen in der Gesellschaft integriert, weil Digitalisierung ihre Teilhabe ermöglicht. Vielleicht macht die Medizin große Fortschritte, weil Diagnosen besser unterstützt werden. Und vielleicht sind wir kulturell kommunikativer, weil wir uns in jeder Sprache bewegen können.
IGBCE Kompass: Den Polit-Talk mit Michael Vassiliadis und Gast kannst du in voller Länge nicht nur in der digitalen Ausgabe dieses Magazins hören, sondern auch über die „Meine IGBCE“-App, im Web bei igbce.de sowie auf dem Youtube-Kanal deiner Gewerkschaft anschauen. Außerdem findest du den Talk auf allen gängigen Podcast-Plattformen. Dort lässt er sich auch leicht abonnieren.