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Hannover

Chemieindustrie steht unter hohem Druck

Politik und Chemie-Sozialpartner fordern von Wirtschaftsministerium und EU-Kommission Sofortmaßnahmen zur Stabilisierung der chemischen Industrie.

Foto: Niedersächsisches Wirtschaftsministerium

„Es ist fünf vor zwölf für die Chemie in Niedersachsen, Deutschland und Europa“, warnte Minister Grant Hendrik Tonne auf dem Chemiegipfel des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums im April, zu dem IGBCE und Betriebsräte sowie Arbeitgeber eingeladen waren. Wenn die Branche weiter unter Druck gerate, treffe dies weite Teile der Wirtschaft.

„Viele Chemiebetriebe sind in ihrer Existenz gefährdet“, stellte der Landesbezirksleiter Ralf Becker fest und forderte schnelle Lösungen. Denn mit rund 23.000 Arbeitsplätzen liefert die chemische Industrie Niedersachsens wichtige Vorprodukte für zahlreiche Branchen und hat eine große Bedeutung für die gesamte Wirtschaft. Jedoch ächze die Branche vor allem unter hohen Energie- und Bürokratiekosten. „Wir haben Sorge, dass unsere Unternehmen weiter an Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich verlieren und somit die Arbeitsplätze unter Druck geraten“, sagte Hasan Allak, Konzernbetriebsratsvorsitzender von Continental.

Oliver Elsen, AOS-Betriebsratsvorsitzender, benennt die aktuellen Vorgaben des EU-Emissionshandels als Kostentreiber. Die Chemieindustrie müsse jede Tonne Kohlendioxid, die ihre Produktionsanlagen und Kraftwerke ausstoßen, mit einem CO₂-Zertifikat „bezahlen“. „Dadurch wird die Produktion teuer.“ Elsen warnt vor Standortschließungen und Abwanderung ins Ausland.

Ähnlich argumentierte Albemarle-­Betriebsratsvorsitzende Anja Görlach am Beispiel der Absenkung der Lithium-Grenzwerte: „Die Chemieindustrie braucht klare und praktikable Rahmenbedingungen, um nachhaltig wirtschaften und investieren zu können.“ Eine Absenkung der Grenzwerte hätte zur Folge, dass die Produktion in Länder verlagert würde, in denen nicht so hohe Regularien vorliegen. „Die Produktion muss hier gehalten werden, wo bereits jetzt hohe Standards gelten.“

Sabine Craemer-Böcker, Betriebsrätin bei BASF Polyurethanes, kritisiert die auf EU-Ebene diskutierte Ausweitung des CO₂-Grenzausgleichssystems auf chemische Grundprodukte und Polymere. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit weiter verschlechtern und sei ein falsches Signal. „Statt neuer Belastungen braucht die Industrie wirksame Unterstützungsinstrumente.“

Mit einem Forderungskatalog wollen Wirtschaftsminister, IGBCE und Arbeitgeber Druck auf die Politik ausüben.


Lingen

Rosen: Streik in Vorbereitung

Auch eine Demonstration der Beschäftigten für die sofortige Aufnahme von Tarifverhandlungen Ende März blieb ohne Wirkung: Die Rosen-Geschäftsführung spielt weiter auf Zeit. IGBCE und Vertrauensleute reagieren mit ersten Arbeitskampfvorbereitungen beim Technologieunternehmen.

Foto: IGBCE


Serie: Ausbildung im Norden / Hamburg

Ausbildungsmarketing bei Aurubis

Auf Messen und in Schulen werben auch Azubis Nachwuchs für ihr Unternehmen.

Foto: Aurubis Ausbildung

Viele Betriebe im Norden klagen über zu wenige Auszubildende, gleichzeitig werden vielerorts Lehrstellen gestrichen. Das ist bei Aurubis anders: „Das Interesse an unseren rund achtzig Ausbildungsplätzen pro Jahr ist auf einem guten Niveau“, berichtet Nils Gerstenkorn, Ausbildungsleiter am Hamburger Standort der Aurubis AG. „Wir erhalten etwa 1.800 Bewerbungen.“ Was macht das Hamburger Unternehmen anders als andere?

Das Multimetall-Unternehmen hat seine Suche nach Nachwuchs stark professionalisiert – und ein umfassendes Ausbildungsmarketing entwickelt. Ausbildung ist bei Aurubis Chefsache und eine langfristige, strategische Aufgabe. „Wir haben 2020 mit vielen Expertinnen und Experten aus der Aurubis-Gruppe gemeinsam ein Konzept entwickelt, das verstärkt auf soziale Medien setzt. Ziel ist es, Interessierte dort anzusprechen, wo sie viel Zeit verbringen.“ Das Unternehmen präsentiert sich auf Youtube, Instagram und Tiktok mit virtuellen Werksführungen, kurzen Videos zu Ausbildungsberufen, Bewerberberatung sowie niedrigschwelliger Ansprache und Bewerbungsmöglichkeiten via Whatsapp.

Nils Gerstenkorns Team präsentiert sich bei Schulveranstaltungen und Messen und kooperiert mit Schulen im Stadtteil. Ein modernes Lernumfeld bietet das 2019 eröffnete Innovations- und Aus­bil­dungs­zen­trum von Aurubis für 210 Azubis.


Lüneburg

Übernimmt Verantwortung: Malte Steiger

Foto: privat

Da hatte Malte Staiger zwei Hüte auf: Der 53-jährige Chemikant und ehemalige Betriebsratsvorsitzende bei H&R Ölwerke Schindler im Hamburger Hafen saß beim Gewerkschaftskongress 2025 in zwei Funktionen als Vorsitzender der Ortsgruppe Lüneburg und als Mitglied im Finanzausschuss der IGBCE.

Beim Thema Ortsgruppenvergütung nahm er aber klar die Rolle als Delegierter ein: „Als Mitglied des Finanzausschusses habe ich die Notwendigkeit der Umverteilung gesehen“, sagt Staiger. „Aber als Delegierter hatte ich von meiner Ortsgruppe den Auftrag, gegen den Antrag zu stimmen.“

Malte Staiger übernimmt Verantwortung. Ehrenamtlich engagiert er sich für eine lebendige Mitbestimmung in seiner Gewerkschaft und für eine demokratische Gesellschaft: Er organisiert Jugend-Handballturniere und fällt als Richter am Landesarbeitsgericht Urteile. Für die IGBCE ist er Mitglied im Bezirks- und im Landesbezirksvorstand und prüft seit vier Jahren deren Finanzen seit dem Gewerkschaftskongress als Vorsitzender des Ausschusses. Was ihn antreibt? „Ich möchte als Teil der IGBCE darauf einwirken, dass wir die aktuellen und politischen Herausforderungen positiv begleiten.“

Der Finanzausschuss ist das zentrale Kontrollgremium, das alle Einnahmen und Ausgaben der Gewerkschaft prüft – des Hauptvorstands, der Bezirke und auch der Ortsgruppen. Bis zu sechsmal pro Jahr kommen seine Mitglieder dafür zusammen und prüfen in Unmengen an Ordnern stichprobenartig Belege und Verwendungszwecke. Auch über Haushalt und Vermögensbildung werden sie informiert und diskutieren über die Strategien. „Wichtig ist, dass wir als IGBCE handlungs- und zukunftsfähig bleiben, wenn die Mitgliederzahlen sich verändern.“

So war für den Finanzausschuss auch eine Umverteilung der Ortsgruppenvergütung unumgänglich. Denn gemeinsam mit dem Hauptvorstand stellt er sicher, dass für die politische Arbeit wie Streiks oder Kampagnen genug Geld zur Verfügung steht – und auf der hohen Kante liegt.