Schichtbetrieb, Anlagen, Alltag: Auf dem Gelände des Chemiewerks Sachtleben läuft die Produktion trotz Widrigkeiten weiter.
Seit zwölf Jahren im Krisenmodus
Wie ein Duisburger Chemiewerk die Insolvenz überstand – und warum viele Beschäftigte trotzdem nicht zur Ruhe kommen. Profil-Autor Leo Ammelung hat mit zwei Betriebsräten des Unternehmens gesprochen.
Der Kaffee dampft noch, draußen ziehen sich Rohrleitungen über das Werksgelände. Uwe Sova und Viktor Reiter sitzen im Besprechungsraum des Betriebsratsbüros und reden gefasst über eine Zeit, die für viele Beschäftigte existenziell geworden ist. „Wir befinden uns hier eigentlich seit zwölf Jahren im Krisenmodus“, sagt Betriebsratsvorsitzender Uwe Sova. Mit Eigentümerwechsel, Kostendruck und wirtschaftlicher Unsicherheit.
Das ehemalige Venator-Chemiewerk in Duisburg heißt inzwischen wieder Sachtleben. Mehr als hundert Jahre lang war dieser Name in Duisburg-Homberg fest verankert. Gegründet 1892 als Fabrik für einen Weißfarbengrundstoff, produziert das Werk heute Spezialchemikalien und Nanopartikel, die in vielen Alltagsprodukten stecken – etwa in Sonnenschutz, Röntgenkontrastmitteln oder Handygehäusen. Rund 350 Beschäftigte arbeiten am Standort. Viele seit Jahrzehnten. Manche haben mehrere Eigentümerwechsel erlebt. Erst Rockwood, später Huntsman und Venator. Dann kam die Insolvenz.
Bereits 2023 geriet die damalige Muttergesellschaft Venator in den USA in ein sogenanntes Chapter-11-Verfahren. Dabei handelt es sich um ein Sanierungsverfahren nach US-Insolvenzrecht. Doch die erhoffte Stabilisierung blieb aus. Im September 2025 ging schließlich auch der Standort Duisburg in die Insolvenz. Andere Werke fuhren herunter, in Duisburg lief die Produktion weiter. „Die Alternative wäre gewesen, dass man sagt: Das war’s. Wir wickeln ab“, erinnert sich Betriebsratsvorsitzender Uwe Sova. Dass das nicht passiert ist, darauf ist man bis heute stolz.
Belegschaft fängt Krise auf
Im Gespräch entsteht das Bild einer Belegschaft, die in der Krise enger zusammengerückt ist. Beschäftigte hätten zusätzliche Aufgaben übernommen und neue Strukturen aufgebaut. „Jeder hat noch mal zehn Prozent mehr gemacht“, sagt Sova. „Wir hatten hier praktisch keinen Vertrieb mehr, keine Buchhaltung, keine Strukturen. Wir mussten vieles neu aufbauen.“
Während der Insolvenz wurde weiter produziert. Rohstoffe wurden gekauft, Energie bezahlt und Aufträge abgearbeitet. Selbst CO₂-Zertifikate, die zuvor verkauft worden waren, mussten erneut beschafft werden. „Auch das haben wir geschafft. Auch das haben wir hier erwirtschaftet“, sagt Sova.
Übernahme macht Hoffnung
Im Februar folgte schließlich die Übernahme durch die International Chemical Investors Group (ICIG). Mit der Übernahme tauchte auch der frühere Standortname Sachtleben wieder auf – für viele Beschäftigte ein Symbol für einen möglichen Neuanfang. „Da war plötzlich wieder Hoffnung im Werk“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Viktor Reiter. Viele Beschäftigte hätten das Gefühl gehabt, jetzt endlich wieder selbst gestalten zu können.
Zukunft bleibt unklar
Doch die Aufbruchstimmung hielt nicht lange. Der neue Eigentümer kündigte nach Darstellung des Betriebsrats Einsparungen an. Gleichzeitig blieb vieles unklar. Immer wieder seien Gespräche angekündigt worden, konkrete Informationen gebe es bislang jedoch kaum. „Man kündigt Dinge an, aber sehr allgemein. Da kommt was – nur was, ist nicht greifbar“, sagt Sova.
Besonders sensibel ist die Frage der Tarifbindung. Der neue Eigentümer gehört nicht dem Arbeitgeberverband an. „Im Idealfall bleibt alles so, wie es ist“, sagt Sova. „Aber die Hoffnung darauf ist gering.“ Bislang gelten die bestehenden tariflichen Regelungen weiter. Doch wie es danach aussieht, ist offen. Möglich wären Haustarifverträge – oder individuelle Verhandlungen mit einzelnen Beschäftigten. Nach Angaben des Betriebsrats ist in Gesprächen mit der neuen Eigentümerseite sogar von „Schweiß, Blut und Tränen“ die Rede gewesen.
Beschäftigte in Unsicherheit
„Die Stimmung geht immer weiter runter“, beschreibt Reiter die Atmosphäre im Werk. Viele Beschäftigte warteten derzeit auf konkrete Informationen darüber, wie es weitergehen soll. Gespräche darüber bestimmten inzwischen den Alltag in den Pausen und Schichten. „Wenn jemand eine Baufinanzierung hat oder Hauptverdiener oder -verdienerin ist – wie soll das funktionieren, wenn plötzlich erhebliche Einschnitte kommen?“, fragt Sova.
Dabei sei der Standort keineswegs überbesetzt, ergänzt Reiter. Im Gegenteil: „Eigentlich müssten wir eher einstellen.“ Die Belastung sei schon heute hoch. Gearbeitet werde im Vier-Schicht-System. Gleichzeitig fehle es an Investitionen und langfristiger Planungssicherheit. „Es wäre schön, wenn wir endlich mal wieder in ruhiges Fahrwasser kämen“, sagt Sova.
Probleme sind übertragbar
Dabei geht es den beiden ausdrücklich nicht nur um den eigenen Standort. Hohe Energiepreise, internationale Konkurrenz und politische Unsicherheit setzten die Industrie allgemein massiv unter Druck. „Jeder Industriearbeitsplatz, der in Deutschland abgebaut wird, ist für die nächsten Generationen wahrscheinlich dauerhaft verloren“, sagt Sova. Er fordert international konkurrenzfähige Energiepreise und warnt davor, industrielle Produktion einfach ins Ausland zu verdrängen. „Es hilft nichts, wenn wir hier abschalten und woanders unter schlechteren Bedingungen weiterproduziert wird.“
Reiter verweist zugleich auf Zukunftsprojekte am Standort. Unter anderem werde an Dekarbonisierungstechnologien gearbeitet. „Das könnte später mal eine echte Erfolgsstory werden“, sagt er.
Wunsch: „Einfach mal arbeiten“
Für Sova ist seine Rolle klar: „Ich bin Betriebsrat des Standorts Duisburg. Also muss ich alles dafür tun, dass dieser Standort überlebt.“
Draußen läuft die Produktion weiter. Schichtbetrieb, Anlagen, Alltag. Am Ende des Gesprächs bleibt vor allem ein Wunsch übrig: „Eigentlich wollen wir hier einfach mal wieder normal arbeiten.“