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Branchen & Betriebe
Biontech
Rendite vor Mensch: Biontech schließt Standorte
Bei Biontech in Marburg wird Corona-Impfstoff hergestellt.
Foto: Picture Alliance/dpa | Boris Roessler
Jahrelang war Biontech ein Vorzeigeunternehmen. Die bahnbrechende mRNA-Forschung half Millionen Menschen in der Corona-Pandemie. Nun will das Mainzer Biotechunternehmen die Corona-Impfstoffproduktion in Deutschland noch dieses Jahr einstellen und die Standorte in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz), Marburg (Hessen) und Tübingen (Baden-Württemberg) schließen. Fast 2.000 Arbeitsplätze werden so auf einen Schlag vernichtet. Unklar ist, welche Folgen der radikale Umbau für die Zentrale in Mainz haben wird.
Die IGBCE kritisiert den geplanten Kahlschlag als gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit und Frontalangriff auf die Beschäftigten. „Im Konzern haben offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen“, sagte der Leiter des IGBCE-Landesbezirks Rheinland-Pfalz/Saarland, Roland Strasser. „Aus kurzfristigem finanziellen Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und Biotechstandorts Deutschland.“ Eine solche Selbstverzwergung dürften Politik und Gesellschaft nicht einfach achselzuckend zur Kenntnis nehmen.
Den Standort in Marburg hatte Biontech 2020 vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen. Die Beschäftigten dort arbeiten nach Chemie-Flächentarifvertrag. Von Marburg aus wurde die Bevölkerung mit dem Corona-Impfstoff des Unternehmens versorgt. „Nun lässt Biontech seinen wichtigen Produktionsstandort und die Beschäftigten fallen wie eine heiße Kartoffel“, kritisiert die Leiterin des IGBCE-Landesbezirks Hessen-Thüringen, Sabine Süpke. „Das trifft den gesamten Pharmastandort Marburg ins Herz, wo bereits andere Unternehmen Personalabbau angekündigt haben.“
Auch für die Beschäftigten bei Curevac in Tübingen bedeutet die Schließung ihres Standorts einen tiefen Einschnitt. Den früheren Konkurrenten hatte Biontech erst vor wenigen Monaten übernommen. „Curevac war bereits in den vergangenen Jahren durch mehrere Personalabbauprogramme stark gebeutelt“, sagt Catharina Clay, Landesbezirksleiterin der IGBCE in Baden‑Württemberg. „Der Kauf durch Biontech wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Schritt zur Beendigung der Patentstreitigkeiten auf Kosten der Beschäftigten.“
„Für viele Biontech-Mitarbeitende zerplatzt gerade eine Zukunftsvision“, so Strasser. Nun zeige das Unternehmen sein wahres Gesicht: Rendite vor Mensch, Bilanz vor Verantwortung, Aktionärsinteressen vor gesellschaftlichem Auftrag. „Die Menschen, die uns aus der Corona-Pandemie geholfen haben, sollen jetzt abserviert werden. Das ist ein Schlag ins Gesicht jeder und jedes Einzelnen.“ Für die betroffenen Standorte würden Verkaufsoptionen geprüft, um den Stellenabbau möglichst abzufedern, heißt es aus Unternehmenskreisen.
Continental
Transformationspaket vereinbart
Continental will die Industriesparte Contitech noch in diesem Jahr verkaufen.
Foto: Picture Alliance/dpa | Moritz Frankenberg
Der Reifenkonzern Continental will bei seiner Industriesparte Contitech in Deutschland mehr als 1.500 Stellen abbauen – einen großen Teil davon in Hannover. Die IGBCE und der Gesamtbetriebsrat Rubber von Continental haben mit dem Unternehmen ein umfassendes Transformationspaket abgeschlossen. Es enthält unter anderem ein Bekenntnis zum Standort Deutschland, inklusive Investitionen in deutsche Standorte. Die Tarifbindung bleibt erhalten, betriebsbedingte Kündigungen sollen vermieden werden. In die Auswahl eines Käufers werden die Arbeitnehmervertreter eingebunden.
„Das Unternehmen hat die Entscheidungen zum Verkauf von Conti-tech sowie den Abbau von mehr als 1.500 Stellen getroffen. Das können wir nicht verhindern“, sagte IGBCE-Hauptvorstandsmitglied Francesco Grioli. „Aber wir haben uns mit unseren Forderungen durchgesetzt: Ein umfangreiches Transformationspaket schafft Perspektiven an deutschen Standorten. Die Vereinbarungen lindern die Folgen für die vom Stellenabbau betroffenen Beschäftigten. Die Tarifbindung bleibt erhalten, es wird keine außertariflichen ,Billiglösungen‘ geben“, betonte Grioli. „Mitbestimmung und alle Vereinbarungen auf Konzern-, Rubber- und Standortebene gelten weiter“, erklärte er.
„Wir haben in extrem schwierigen Verhandlungen die inhaltlich besten Vereinbarungen in der Geschichte der Rubber-Continental erreicht“, sagte Matthias Tote, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats Rubber. „Bei Continental sollen bis mindestens Ende 2030 mit Instrumenten wie etwa einem sehr gut ausgestatteten Freiwilligenprogramm, Vorruhestandslösungen, Ringtausch oder Jobdrehscheiben betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden. Zum Paket gehören auch Investitionszusagen, die ein künftiger Käufer von Contitech einhalten muss, sowie die Sicherung von Aus- und Weiterbildung“, so Tote.
Continental hatte im Frühjahr 2025 völlig überraschend die Abspaltung und den Verkauf von Contitech angekündigt. Im November 2025 wurde zudem ein massives Sparprogramm im Volumen von 150 Millionen Euro aufgelegt.
Newsticker
Gerresheimer
Ergebnis in der vierten Verhandlung: Die rund 460 Beschäftigten des Glasherstellers Gerresheimer Essen erhalten noch in diesem Jahr zwei zusätzliche freie Tage. Darüber hinaus können alle Beschäftigten bis zum 1. Oktober wählen, ob sie ab dem 1. Januar 2027 lieber sechs freie Arbeitstage/Schichten oder 2,5 Prozent mehr Entgelt bekommen wollen. Ab dem 1. Januar 2028 steigen die Einkommen aller Beschäftigten um weitere 2,5 Prozent. IGBCE-Mitglieder erhalten außerdem ein höheres Urlaubsgeld als unorganisierte Kolleginnen und Kollegen.
Saint-Gobain Glass und Sekurit
Mitte April haben die IGBCE und der Arbeitgeberverband Glas und Solar für die 1.800 Beschäftigten der Glashersteller Saint-Gobain Glass Deutschland und Saint-Gobain Sekurit Deutschland eine Einigung erreicht. Die Beschäftigten bekommen eine Einmalzahlung von insgesamt 1.000 Euro brutto (Azubis: 500 Euro, Teilzeitbeschäftigte anteilig) in zwei Schritten (Juni 2026 und Januar 2027) ausgezahlt. Außerdem steigen die monatlichen Vergütungen zum 1. Juli 2026 um 3 Prozent (Azubis 50 Euro) und zum 1. April 2027 um weitere 2 Prozent. Die Nachtschichtzulage erhöht sich ab Januar 2027 auf 25 Prozent. IGBCE-Verhandlungsführer Marc Welters: „Mit dem Abschluss haben wir einen entscheidenden Beitrag geleistet, die gestiegene Kostenbelastung der Beschäftigten abzufedern.“