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Video: Was die Mitglieder in der Tarifkommission antreibt und was man für diese Arbeit mitbringen sollte

Auf Augenhöhe

Text Gerd Schild – Fotos Moritz Küstner

Stefan Vögtel hat als Mitglied der Tarifkommission beim Pharmaunternehmen Octapharma in Springe bei Hannover einen Haustarifvertrag erkämpft. Eine Erfolgsgeschichte für die Beschäftigten und das wachsende Unternehmen.

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Stefan Vögtel engagiert sich bei Octapharma in Springe und war am ersten Haustarifvertrag beteiligt.

Man kann sich Stefan Vögtel als einen guten Pokerspieler vorstellen. Der 54-Jährige sitzt in einem Konferenzraum des WilhelmGefeller-­Tagungs­zen­trums in Bad Münder und erzählt davon, wie man das eigentlich macht, mit einer gewerkschaftlichen Tarifkommission einen Haustarifvertrag in einem Unternehmen einzuführen. Den Ort hier kennt er gut, schließlich war das Tagungshaus der IGBCE eine Art Hauptquartier hin auf dem Weg zu mehr Mitbestimmung beim nahen Produktionsstandort von Octapharma in Springe, Vögtels Arbeitgeber. Der Betriebsrat und Vertrauensmann erzählt also von dieser aufwühlenden, fordernden Zeit, von den Erfolgen, und verzieht kaum eine Miene. „Man muss in solchen Gesprächen auch ein guter Schauspieler sein“, sagt er, und jetzt blitzt doch ein Lächeln auf.

Aktuell gibt es im Bereich der IGBCE 805 Tarifkommissionen mit 3.041 Mitgliedern. Alle vier Jahre, in diesem Jahr zwischen dem 1. Juli und dem 30. November, werden die Mitglieder der Kommissionen neu gewählt, organisiert von IGBCE-Vertrauensleuten direkt in den Betrieben. Und wo es keine Vertrauensleute gibt, regelt man die Wahl über eine betriebliche Mitgliederversammlung.

Stefan Vögtel ist seit vielen Jahren Betriebsrat bei Octapharma und war lange in der Tarifkommission, die in Springe einen Haustarifvertrag erkämpft hat. Das Unternehmen ist ein weltweit führender Anbieter von Plasmaprodukten zur Behandlung lebensbedrohlicher Erkrankungen. Der Standort Springe ist einer von fünf, rund 850 Mitarbeitende stellen hier Grundstoffe her für die weitere Produktion in anderen Werken. Stefan Vögtel sowie seine Kolleginnen und Kollegen machen im Dreischichtsystem an sieben Tagen in der Woche eine wichtige, fordernde Arbeit.

Der gelernte Metzger Stefan Vögtel kam über eine Zeitarbeitsfirma zu Octapharma in Springe. Dort war er an der Gründung des Betriebsrats beteiligt.

Stefan Vögtel, ein kerniger Typ mit Humor, ist gelernter Metzger. Lange stand er hinter der Fleischtheke vom Großsupermarkt Real, bereitete morgens die Ware vor, kümmerte sich um die Wünsche der Einkaufenden. „Nicht immer leicht, du hast da viel mit Menschen zu tun“, sagt er und schickt dann ein Schmunzeln hinterher.

2011 hat er über eine Zeitarbeitsfirma bei Octapharma angefangen, ein Jahr später wurde er direkt vom Unternehmen übernommen. Seitdem arbeitet er in der Produktion und macht, verkürzt gesagt, Pasten aus Blutplasma, aus denen dann wiederum Medikamente hergestellt werden. Quereinsteiger wie er sind in der Branche begehrt. „Hygiene ist das Wichtigste in der Pharmaindustrie genauso wie bei Lebensmitteln“, sagt Vögtel.

Zur Gewerkschaftsarbeit im Unternehmen kam Stefan ­Vögtel über seinen Vorarbeiter, gemeinsam waren sie an der Gründung des Betriebsrats beteiligt. Seit mehr als zehn Jahren ist Vögtel nun engagiert, unter anderem auch in der Tarifkommission.

Mit dem Thema konnte man mobilisieren

Stefan Vögtel,
Betriebsrat bei Octapharma in Springe

Zuvor ohne Tarifvertrag

Bei Octapharma gab es lange keine tarifliche Bindung. Den Flächentarifvertrag wollte der Unternehmer nicht tragen, einen Haustarifvertrag gab es nicht. Bis das Unternehmen 2016 ein neues Bezahlungssystem einführen wollte. „Eine Katastrophe“, sagt Vögtel im Rückblick. Das Prinzip: ein flexibles Entlohnungssystem, das nach bestimmten Bewertungskriterien den Mitarbeitenden zwischen 80 und 120 Prozent des vereinbarten Einkommens eingebracht hätte. „Das kannst du nicht bei Menschen machen, die mit 3.000 Euro brutto nach Hause gehen, da wird es mit zwanzig Prozent weniger bei heutigen Mieten und den anderen Kosten schnell kritisch“, erklärt Vögtel.

Was den Gewerkschafter und seine Kolleginnen und Kollegen erst schockierte, sollte sich noch als Segen erweisen. „Mit dem Thema konnte man mobilisieren“, sagt Vögtel. Und das kann er besonders gut. Kollegen von ihm erzählen halb im Scherz, dass Vögtel wohl seit Jahren nicht mehr an der Tankstelle bezahlt habe – weil es für das Werben neuer Mitglieder für die IGBCE auch Tankgutscheine gibt.

Anfang 2016 saßen sie das erste Mal zusammen, in der Cafeteria vom Wilhelm-Gefeller-Tagungszentrum, bei Kaffee und Blechkuchen. Ein weißes Blatt Papier lag vor Stefan Vögtel, neben ihm saßen das Team aus der Tarifkommission und Moritz Hautmann, damals im Bezirk für Octapharma zuständig. Vögtel ist Fan von Borussia Dortmund, Hautmann ist Schalker mit Leib und Seele – trotzdem waren sie vom Start weg ein gutes Team. „Uns war klar, dass das Bezahlungssystem nicht kommen darf, wir aber auch Kompromisse eingehen müssen“, sagt Vögtel im Rückblick. „Damals war nicht klar, wohin uns dieser Weg führen wird – aber es war eine kämpferische, positive Grundhaltung“, sagt Hautmann.

Wer in einer Tarifkommission über einen Haustarifvertrag verhandelt, sitzt dabei direkt dem Arbeitgeber gegenüber. Auch für Stefan Vögtel war das neu, als er zur ersten Sitzung den Besprechungsraum bei Octapharma betrat. Seine Gefühle damals: „Bisschen angespannt, ja. Aber ängstlich? Nein!

Wiedersehen an alter Wirkungsstätte: In der Cafeteria des Wilhelm-Gefeller-Tagungszentrums in Bad Münder traf sich die Tarifkommission auf dem Weg zum Haustarifvertrag regelmäßig – bei Sonne auch im grünen Innenhof.

Ergebnis in Rekordtempo

Nur rund eineinhalb Jahre hat es gedauert vom ersten Aufschrei bis zum Haustarifvertrag bei Octapharma. „Ein wahnsinniges Tempo“, sagt Moritz Hautmann. „Das war auch schon ein wenig Good Cop/Bad Cop von uns beiden“, sagt Vögtel und blickt auf den IGBCE-Vertreter. Vögtel, der gern sagt, was er denkt, änderte seine Art in der Tarifkommission nicht. Verhandlungsführer Hautmann warf dann Kompromissvorschläge in die Runde. Über die eineinhalb Jahre wurde die Position der Tarifkommission ständig besser weil die Gewerkschaftsmitglieder weiter fleißig mobilisierten. Sie verteilten Flyer oder stellten eine Bratwurstbude vors Werkstor, der Organisationsgrad in der Produktion liegt heute bei über achtzig Prozent.

In der Cafeteria im Wilhelm-Gefeller-Tagungszentrum besprach die Tarifkommission mit Moritz Hautmann die Taktik und die Ziele: Was kann man erreichen, und wie geht man dabei vor? Bei den Treffen mit dem Geschäftsführer und seinem Team habe man immer wieder Pausen gemacht, sich beraten, weiter gerungen bis am 20. Oktober 2017 der Haustarifvertrag unterschrieben wurde. „Da gab es schon einiges an Schulterklopfen kein Wunder, manche hatten danach zwanzig Prozent mehr Gehalt“, sagt Stefan Vögtel. Heute ist er nicht mehr in der Tarifkommission, wurde aber bei der Wahl Ende April wieder in den Betriebsrat gewählt.

Marc Gerbes ist Vögtels Nachfolger als Vorsitzender der Vertrauensleute. Er wurde bei der Wahl Ende April als Ersatzmitglied in den Betriebsrat gewählt. Die beiden kennen einander lange, könnten stundenlang über die berufliche und die gewerkschaftliche Arbeit sprechen. Gerbes ist eng dran an der Tarifkommission, mit etwas mehr Zeit wäre er auch gern dabei. „Das kann für andere ein guter Einstieg sein“, sagt er. Die Tarifkommission ist ein niedrigschwelliges Angebot für gewerkschaftliche Beteiligung: Man muss nicht im Betriebsrat sein – jedes Mitglied kann sich hier engagieren.

Steht der Haustarifvertrag einmal, trifft sich die Tarifkommission in größeren Abständen oder wenn ein bestimmtes Thema neu in die Vereinbarung mit dem Arbeitgeber aufgenommen werden soll. Stefan Vögtel glaubt, dass der Haustarifvertrag sogar ein Vorteil sein kann. Er schätzt die Errungenschaften von Flächentarifverträgen. Aber schließlich gehe es nicht allen in der Pharmabranche so gut wie Octapharma. „Wenn Bayer Husten hat, merkt man das in der Fläche.

Moritz Hautmann ist naturgemäß ein Verfechter von Flächentarifverträgen, glaubt, dass man auf lange Sicht in der großen Gemeinschaft noch mehr erreichen kann. Ein Haustarifvertrag könne da aber ein erster, wertvoller Schritt sein. Und er ergänzt: „Der Haustarifvertrag bei Octapharma ist eine Erfolgsgeschichte auch für das Unternehmen.“ Da nicken die Ehrenamtlichen Vögtel und Gerdes kräftig. Es spreche sich schließlich herum in der Region, dass man hier anständig zahlt. Seit der Einführung des Tarifvertrages 2017 sind beispielsweise die Tarifentgelte in der Entgeltgruppe 6 um mehr als dreißig Prozent gestiegen. Dazu kommen Zulagen und Zuschläge sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Für die Schichtarbeitenden in der Produktion gibt es inzwischen zwei freie Tage extra, für die über 53-Jährigen sogar drei Tage. Außerdem erhalten auch bei Octapharma, angelehnt an den Flächentarifvertrag Chemie, IGBCE-Mitglieder seit 2025 den zusätzlichen Gewerkschaftstag.

Gemeinsam schafft man mehr: Stefan Vögtel (links) und Marc Gerbes engagieren sich bei Octapharma in Springe. Vögtel war am ersten Haustarifvertrag beteiligt.

Für den guten Ruf

Stefan Vögtel hat vier erwachsene Kinder, in seine neue Beziehung hat die Lebensgefährtin einen neunjährigen Sohn mitgebracht. Vögtel lebt am Deister, doch eigentlich zieht es ihn eher ans Wasser. Er liebt Kreuzfahrten, die Weite der Ozeane, die vielen Eindrücke bei den Landgängen. Die drei zusätzlichen freien Tage nutzt er gern, um den Urlaub zu verlängern. „Bleiben wir eben länger auf der ‚Aida‘“, sagt Vögtel und lacht. Er ist in Lehrte aufgewachsen, nach Springe hat ihn der Job gebracht, den Ruhestand könnte er sich irgendwo am Meer gut vorstellen – Ostsee, Kanaren, Hauptsache, salzige Luft. „Aber wahrscheinlich müssen wir ja doch bis siebzig arbeiten“, sagt er, schmunzelt bitter und schiebt nach: „Aber wegen solcher Themen bin ich ja in der Gewerkschaft, man muss etwas machen, darf sich nicht alles gefallen lassen.“