Arbeit & Gesellschaft

Hintergrundstory

Der Wind hat
sich gedreht

Text Lars Ruzic – Illustration Mario Wagner

Die Stimmung in den energieintensiven Industrien der IGBCE bessert sich. Die Energiepreise sind gefallen, die Nachfrage zieht an. Viele Betriebe fahren die Produktion hoch. Die Unternehmen kommen langsam aus der Krise. Das muss auch für ihre Beschäftigten gelten. Denn sie haben massiv Kaufkraft verloren.

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Das Herz der deutschen Industrie, heißt es gern, bildet der Mittelstand. In ihrer Region verwurzelte Unternehmen, die im Rest des Landes kaum bekannt sind, die jedoch wichtige Nischen bedienen und nicht selten zentrale Rollen in den industriellen Wertschöpfungsketten spielen. An ihrer Geschäftslage lässt sich häufig weit besser ablesen, wie es dem Industriestandort insgesamt geht, als an den Zahlen der großen Namen mit ihren weltweit verteilten Werken.

Ein solcher vermeintlicher Nobody ist RW Silicium im niederbayerischen Pocking. Unweit der österreichischen Grenze wird aus Quarzsand bei mehr als 2.000 Grad Celsius Silizium gemacht. Der Standort mit seinen gerade mal 120 Beschäftigten ist der letzte verbliebene Siliziumhersteller Deutschlands. Der Grundstoff ist zentral für die Herstellung von Mikrochips oder Solarzellen. Noch Ende letzten Jahres stand das Werk vor dem Aus. Doch binnen weniger Wochen hat sich der Wind gedreht. Inzwischen sind zwei von vier Öfen wieder in Betrieb, die Produktion für das Gesamtjahr ist gesichert. „Wir produzieren profitabel“, sagte Geschäftsführer Stephan Bauer unlängst dem „Handelsblatt“.

Betriebsräte-Umfrage Chemie

Wie wird aktuell
gearbeitet?

Quelle: IGBCE-Betriebsräte-Umfrage

Betriebsräte-Umfrage Chemie

Wie sind die Kapazitäten ausgelastet?

Quelle: IGBCE-Betriebsräte-Umfrage

Zurück auf Betriebstemperatur

Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Aluminiumproduzenten TRIMET, der Standorte in Essen, Voerde und Hamburg betreibt und der allein für ein Prozent des deutschen Stromverbrauchs steht. Noch im vergangenen Jahr lag die Produktion am Boden, waren die meisten der Elektrolyseöfen abgestellt. Inzwischen hat sich die Lage deutlich gebessert. „Wir sind in allen Standorten wieder im Hochlaufprozess“, berichtet der Betriebsratsvorsitzende Thomas Flesch im Profil-Interview. Aktuell müsse man die Mannschaft, die in der Krise mit anderen Aufgaben betreut worden war, wieder zurückholen an die Öfen. „Wir brauchen jeden Mann und jede Frau, damit wir wieder mit Volldampf zurückkehren können in die Normalität“, so Flesch.

Zwei zentrale Faktoren haben die Wende gebracht: Zum einen sind die mit Beginn des Ukraine-Kriegs in die Höhe geschnellten Energiepreise wieder spürbar gefallen. Nicht auf das Niveau von vor der Krise, aber doch so weit, dass es sich selbst für extrem energieintensive Unternehmen wie RW Silicium oder TRIMET lohnt, die Produktion wieder hochzufahren. Zum anderen hat die Nachfrage wieder angezogen. Die Lager der Industriekunden sind leer, und gerade aus dem außereuropäischen Ausland kommen wieder mehr Aufträge herein.

So überrascht auch nicht, dass sich die Stimmung in nahezu allen IGBCE-Branchen aufgehellt hat. Ob Chemie und Pharma, ob Gummi- und Kunststoffwaren, ob Papier, Glas oder Keramik: Überall zeigt das vom Münchner Ifo-Institut ermittelte Konjunkturklima Monat für Monat bessere Werte – und zwar schon seit Jahresbeginn. Das geht einher mit durch die Bank geplanten Produktionsausweitungen und steigenden Auslastungen.

Chemie im ersten Quartal 2024

Geglückter Jahresstart

Zuwächse bei Chemie und Pharma im ersten Quartal 2024 (im Vergleich zum Vorquartal)

Quelle: VCI

Chemie mit Beschäftigungsrekord

In Chemie und Pharma ist die Stimmung sogar besser als im verarbeitenden Gewerbe insgesamt. Das deckt sich mit den Ergebnissen einer IGBCE-Umfrage unter Betriebsräten der Branche: 45 Prozent der Befragten berichten von einer guten oder sehr guten Auslastung in ihrem Betrieb, nur 24 Prozent von einer schlechten oder sehr schlechten. Gut ein Drittel der Betriebe fährt demnach wieder Überstunden und Sonderschichten.

Im ersten Quartal ließ sich diese verbesserte Lage bereits an den Zahlen der Unternehmen ablesen und ebenso für Chemie und Pharma insgesamt. Selbst besonders stark von der Krise betroffene Unternehmen wie Covestro oder Lanxess geben sich wieder optimistischer. Covestro-Chef Markus Steilemann, gleichzeitig Präsident des Verbands der chemischen Industrie (VCI), machte deutlich: „Wir blicken inzwischen wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft, denn die Wachstumsaussichten hellen sich langsam auf.“ Er sprach von einer „positiven Momentaufnahme“. Die Lage insgesamt sei noch „fragil“. Ob sie sich nachhaltig bessert, werden erst die kommenden Quartale zeigen.

Nahezu alle VCI-Kennzahlen zeigen gleichwohl nach oben, selbst die der Beschäftigten (siehe Grafik). In der Chemie- und der Pharmaindustrie im engeren Sinn arbeiten aktuell gut 480.000 Menschen so viele wie seit 25 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig wird der Fachkräftemangel für die Branche zu einem wachsenden Problem. Dass sich die Suche nach Fachkräften immer schwieriger gestaltet und Stellen trotz intensiver Suche länger unbesetzt bleiben, berichtet eine Mehrheit der Betriebsräte in der IGBCE-Umfrage. Laut Ifo-Institut behindert der Arbeitskräftemangel die Produktion inzwischen in jedem fünften Chemiebetrieb, bei Pharma sogar in jedem vierten.

Bei der Kaufkraft nicht zurück ins Mittelalter: Tarifaktion in Frankfurt-Höchst.

Foto: IGBCE

Reallöhne auf Niveau von 2016

Und die Beschäftigten selbst? Sie haben in den vergangenen Jahren mit gewaltigen Inflationsraten massiv an Kaufkraft verloren. Das zeigen Erhebungen des Hans-Boeckler-­Instituts. Sie sind die wahren Verlierer der Krise. „Die Reallöhne der Beschäftigten sind zurückgefallen auf das Niveau von 2016, die Binnennachfrage liegt am Boden. Diesen dramatischen Trend müssen wir dringend umkehren“, sagt der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Inzwischen habe sich die Inflation wieder beruhigt, und die Konjunktur ziehe an. „Jetzt ist die Zeit, den Menschen dauerhaft Kaufkraft zurückzugeben“, fordert Vassiliadis.

Mit diesem Ansatz ist die IGBCE auch in die Tarifrunde Chemie gegangen, in der aktuell für bundesweit insgesamt 585.000 Beschäftigte verhandelt wird. Sie fordert sieben Prozent mehr Einkommen für die Mitarbeitenden, einen Tarifvorteil für IGBCE-Mitglieder und eine Modernisierung des Bundesentgelttarifvertrags (BETV). Die Chemiearbeitgeber lehnen das komplette Paket ab, fordern dagegen einen „Krisenabschluss“. Angesichts rückläufiger Umsätze und Produktion gebe es nichts zu verteilen. Neun regionale und eine bundesweit zentrale Verhandlungsrunde lang haben sich die Tarifkommissionen der IGBCE dieses Mantra bereits anhören müssen (siehe „Vor Ort“). Die sich Monat für Monat bessernde Geschäftslage wird als vorübergehendes Phänomen abgetan. „Die Arbeitgeber müssen verstehen, dass sie mit einer Totalblockade nicht weiterkommen“, warnt IGBCE-Verhandlungsführer Oliver Heinrich.

Foto: Stefan Koch

Totalblockade bringt uns nicht weiter.

Oliver Heinrich,
Tarifvorstand der IGBCE

Wenn die Arbeitgeber das Bild der Industrie düster malten und behaupteten, es gebe nichts zu verteilen, schade das massiv der Attraktivität von Chemie und Pharma am Arbeitsmarkt, so der Gewerkschaftsvorsitzende. Andere Branchen hätten bei den Entgelten in den letzten Jahren bereits aufgeholt. „Die Chemiearbeitgeber müssen dringend nachbessern.“ Dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufgrund des Fachkräftemangels heute in einer viel stärkeren Position seien als noch zur Jahrtausendwende, scheine bei ihnen noch nicht richtig angekommen zu sein. „Wenn die Chemiearbeitgeber so weitermachen, zieht ihr Personal schneller weiter, als sie ,Nullrunde‘ sagen können.“

So wird der Juni in diesem Tarifkonflikt der Monat der Entscheidung. Weitere Verhandlungstermine sind bereits angesetzt. Planungen für betriebliche Aktionen laufen hinter den Kulissen auf Hochtouren. „Wenn wir in der Friedenspflicht zu einem Ergebnis kommen wollen, muss sich noch einiges bewegen“, mahnt Heinrich. Diese Friedenspflicht endet am 30. Juni. In der ersten Bundesrunde haben beide Seiten vor allem über die Themen Mitgliedervorteil und BETV gesprochen und dazu zumindest ein weiteres Vorgehen abstimmen können (siehe Kasten). Die Geldforderung dagegen hat noch keine Rolle gespielt.

„Kein Abschluss ohne Mitgliedervorteil

Dass Gewerkschaftsmitglieder auch in den Tarifverträgen Vorteile genießen sollten, gehört seit Jahren zu den Forderungen der IGBCE. Mehr als 80.000 Mitglieder profitieren von solchen Regelungen heute schon sei es in Flächen- oder in Haustarifverträgen. In der Chemie haben die Arbeitgeber einen solchen Tarifvorteil in Zeit oder Geld bislang rundum abgelehnt aus grundsätzlichen Erwägungen. Eine weitere Belastung für die Tarifverhandlungen. IGBCE-Verhandlungsführer Oliver Heinrich will diese Mauer jedoch durchbrechen und hat Modelle vorgelegt, die auf die Bedenken der Gegenseite eingehen. „Wir haben den Beweis erbracht, dass Vorteilsregelungen möglich sind, ohne die Belegschaft zu spalten oder Bürokratiemonster zu schaffen. Nun liegt der Ball im Feld der Arbeitgeber“, machte Heinrich deutlich. Für den IGBCE-Tarifvorstand ist klar: „Einen Tarifabschluss ohne eine Vorteilsregelung für Mitglieder wird es mit uns nicht geben.“

Viele Exportchampions

Indes gehen nahezu alle Forschungsinstitute davon aus, dass sich die weltwirtschaftliche Belebung fortsetzen wird. Zudem ist eine Lockerung der Zinspolitik der Zentralbanken quasi ausgemacht, was die Investitionstätigkeit anregen dürfte. Von einem wachsenden Welthandel profitieren die Beschäftigten in den Branchen der IGBCE in der Regel auch. Denn sie zählen zu den deutschen Exportchampions. Das belegt eine gerade veröffentlichte Studie des Forschungsinstituts Prognos. Gemessen an den Anteilen am weltweiten Export liegt die deutsche Chemieindustrie international auf Platz drei, die hiesige Papier-, Glas-, Keramik-, Gummi- und Kunststoffbranche sind jeweils Vizeweltmeister beim Export, und die Pharmaindustrie ist weltweit sogar die Nummer eins, legt man den Wert der ausgeführten Waren zugrunde.

Klar ist auch: Die aktuelle konjunkturelle Aufhellung beseitigt nicht die strukturellen Probleme des Industriestandorts Deutschland: immer noch zu hohe Energiekosten, veraltete Infrastruktur, überbordende Regulierung und Bürokratie, ein fehlender Fahrplan für die klimagerechte Transformation. Gerade grüner Strom wird in Zukunft zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für einen erfolgreichen Strukturwandel.

Der Staat sollte dafür Sorge tragen, dass insbesondere die energieintensiven Unternehmen ihn vorrangig und zu international wettbewerbsfähigen Konditionen erhalten, sagt der IGBCE-Vorsitzende Vassiliadis. „Wir müssen die Industrie über diese Klippe bringen. Dann kann sie auch später mehr Steuern zahlen.“ Nötig sei aber auch Gestaltungswillen und Optimismus in der Industrie selbst. „Was wir jetzt brauchen, sind Führungspersönlichkeiten, die anpacken, investieren, Innovationen voranbringen und keine Miesepeter und Jammerlappen.“

Aktuelle Infos zur Chemie-Tarifrunde findest du hier: Chemie-Tarifrunde 2024