Menschen & Gemeinschaft

Reportage

Angst um
die Ewigkeit

Text Julius Leichsenring – Fotos Roman Pawlowski

Der US-amerikanische Technologieriese 3M will 2025 sein Werk im Chemiepark Gendorf schließen. Grund ist die zunehmende Diskussion um ein Verbot sogenannter Ewigkeits-Chemikalien – PFAS. Ein Besuch am Standort, an dem Kampfgeist und Ernüchterung allgegenwärtig sind.

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Melanie Luft und Peter Engel, Dyneon, (Foto oben) und Michael Schnabl, InfraServ, kämpfen für den Erhalt der PFAS-Produktion in Gendorf.

Wenn Peter Engel auf seinen früheren Arbeitsplatz schauen möchte, geht er direkt von seinem Schreibtisch ins benachbarte Büro. Von dort blickt er auf die Messwarte und die Anlagen des Dyneon-Werks in Gendorf. Engel hat in den Produktionshallen des bayerischen Chemieunternehmens viele Jahre im Schichtbetrieb gearbeitet, 2006 übernahm der gelernte Chemikant den Betriebsratsvorsitz am Standort. „Ich arbeite wahnsinnig gern für Menschen und mit Menschen“, nennt der 55-Jährige als Grund. „Wir ziehen hier alle an einem Strang.“ Davon zeugt nicht zuletzt das gewerkschaftliche Engagement im Betrieb. Mehr als 50 Prozent der knapp 700 Mitarbeitenden sind IGBCE-Mitglieder.

Dieser Zusammenhalt wird im Moment auf eine harte Probe gestellt, denn der US-amerikanische Mutterkonzern 3M will das Werk in Gendorf Ende 2025 schließen. Für Engel und die anderen Beschäftigten ein Horrorszenario – nicht nur persönlich, sondern für den gesamten Industriestandort Deutschland: „Wir könnten der erste Dominostein sein, der die Industrie in Deutschland und Europa zum Straucheln bringt“, warnt der Betriebsratsvorsitzende.

Er und seine Kolleginnen und Kollegen stemmen sich vehement dagegen. Zeuge des Kampfgeistes am Standort sind die Räume des Betriebsrates: Weiße Fahnen mit dem roten IGBCE-Logo lehnen in der Ecke, Warnwesten für Kundgebungen hängen an der Wand, Flyer der Gewerkschaftsgruppe Altötting informieren über die Folgen einer möglichen Schließung.

Melanie Luft engagiert sich seit 2018 im Betriebsrat. Fast täglich wird die Labormitarbeiterin auf dem Gang zur drohenden Schließung angesprochen. Sie informiert, diskutiert, beruhigt. „Man muss die Leute zusammenhalten und darf keine Panik schüren“, sagt Luft. „Die Firma ist für viele nicht nur eine Firma. Sie ist eine Lebenseinstellung.“ Das gilt auch für Luft.

Ein Arbeitsplatz bis zur Rente

Die 28-Jährige hat ihr gesamtes bisheriges Berufsleben bei Dyneon verbracht. Ihr eigentlicher Plan: bis zur Rente bleiben. „Eigentlich passt alles. Die Firma ist gut“, sagt die junge Frau mit schulterlangem, braunem Haar. „Ich dachte immer, wenn ich gehe, gehe ich freiwillig.“ Über Generationen war das auch so: Schon ihr Großvater arbeitete bei der Hoechst AG, dem Vorläuferbetrieb. Die Mutter folgte und ging nach der Elternzeit zu Dyneon. Das Unternehmen war 1996 aus einem Zusammenschluss von 3M und Hoechst AG am Standort hervorgegangen. Drei Jahre später hat der US-amerikanische Technologieriese das Werk komplett ­übernommen.

Luft arbeitet in der Qualitätssicherung. Sie steht mit weißem Kittel und Schutzbrille in ihrem Labor. In der Hand hält sie ein durchsichtiges Becherglas mit einer flüssigen Probe. Darin enthalten sind Fluorpolymere. Der Hochleistungskunststoff für Beschichtungen wird in flüssiger und fester Form in Gendorf produziert.

Mithilfe eines Lasers bestimmt Luft die Teilchengröße in der Lösung. Passt das Ergebnis, darf die produzierte Charge ausgeliefert werden. Die Laborantin ist stolz auf ihren Beruf. „Ich finde den Job sehr wichtig und stehe absolut dahinter.“ Eine andere Stelle mit einer sicheren Perspektive kommt für sie nicht infrage – auch wenn die Versuchung groß sei. „Unsere Firma soll nicht von innen austrocknen“, sagt Luft.

Melanie Luft arbeitet in der Qualitätssicherung und ist stolz auf ihren Beruf.

Zankapfel und nicht ohne Weiteres zu ersetzen: PFAS.

Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen sehen das ähnlich, Kündigungen sind die Ausnahme. Auch, weil der Betriebsrat Halteprämien mit der Geschäftsleitung vereinbart hat. Darüber hinaus gibt es großzügige Abfindungsregeln, sollte das Werk schließen.

Drohendes PFAS-Verbot

Vom drohenden Aus wurden die Mitarbeitenden am 20. Dezember 2022 kalt erwischt. 3M verkündete an dem Tag den weltweiten Rückzug aus der Produktion von per- und polyfluorierten Chemikalien, kurz PFAS. Die in Gendorf produzierten Fluorpolymere zählen wie rund 10.000 weitere Chemikalien zu der Stoffgruppe (siehe Infokasten).

In drei Jahren soll alles vorbei sein. Als Grund nennt 3M in einer Pressemitteilung „sich beschleunigende regulatorische Trends, die sich auf die Verringerung oder Beseitigung von PFAS in der Umwelt konzentrieren, sowie sich ändernde Erwartungen der ­Interessengruppen.“

Mit „regulatorischen Trends“ sind vor allem die Entwicklungen in der EU gemeint. Deren zuständige Behörde für Chemikalien, die Europäische Chemikalienagentur (ECHA), erarbeitet im Moment ein Positionspapier zum Thema PFAS. Am Ende könnte darin die Empfehlung stehen, die Stoffe bis auf wenige Ausnahmen komplett zu verbieten. Das fordern zumindest einige nationale Umweltbehörden. Die Bundesregierung hat auf dem Chemie-Gipfel mit IGBCE und anderen Ende September jedoch schon klar gemacht, dass sie ein Totalverbot aller Stoffe ablehnt. Eine endgültige Entscheidung der EU-Kommission wird für 2025 erwartet.

„Scheinheiliger Umweltschutz“

Der Grund für den Verbotsvorstoß ist die Stabilität von PFAS. Die Chemikalien sind kaum abbaubar und können sich im Boden anreichern. Daher auch ihr Beiname: Ewigkeits-­Chemikalien. In Zukunft, so der Plan der EU, sollen sie durch nachhaltigere Alternativen ersetzt werden. Das Problem: Für viele Anwendungsfälle gibt es keinen Ersatz.

Die IGBCE setzt sich daher für eine differenzierte Betrachtung der Fluorkohlenwasserstoffe ein. Alternativen ja, aber kein pauschales Verbot. Denn sonst könnten dringend benötigte Chemikalien auf dem europäischen Markt verschwinden und innovative Zukunftstechnologien nicht mehr entwickelt werden. So bilden PFAS einen wesentlichen Pfeiler der Mobilitäts- und Energiewende. Sie kommen in Solaranlagen und Windkraftanlagen zum Einsatz. Auch die Herstellung von Wasserstoff, Brennstoffzellen und Lithiumbatterien hängt von den Stoffen ab.

Wir wappnen uns für das Worst-Case-Szenario.

Michael Schnabl,
Betriebsratsvorsitzender
bei InfraServ

„Stand heute ist ein Leben ohne die Fluorkunststoffe nicht möglich“, bringt es Dyneon-­Betriebs­rats­chef Engel auf den Punkt. Das Vorgehen der EU nennt er deswegen „scheinheiligen Umweltschutz“: „Uns sperrt man die Anlage zu, obwohl wir nachgewiesen einer der saubersten Standorte sind. Hintenherum kauft man die PFAS aus Ländern mit geringerem Umweltschutzstandards wieder ein.“

Tatsächlich steht in Gendorf die einzige Recyclinganlage für PFAS weltweit. Zusätzlich gibt es eine Aufbereitungsanlage für Abwasser. Sie wird im Moment für 200 Millionen Euro auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Direkt daneben wächst eine neue Verbrennungsanlage in die Höhe. Ab 2024 werden hier nicht benötigte Fluorkohlenwasserstoffe umweltschonend entsorgt.

Unterstützt werden Engel, Luft und die restliche Dyneon-Belegschaft bei ihrem Kampf von der IGBCE. Die Gewerkschaft hat eine Resolution für den Erhalt des Standorts beschlossen. Die Ortsgruppe Altötting packt vor Ort mit an. „Die Zusammenarbeit ist top“, sagt Luft.

Gemeinsam plant man am 20. Dezember 2023, dem Jahrestag der Bekanntgabe der Schließung, eine große Kundgebung im Chemiepark Gendorf. Daran beteiligen werden sich nicht nur die Dyneon-Mitarbeitenden. Denn von der drohenden Schließung sind weitaus mehr ­Menschen betroffen.

Was sind PFAS?

Per- und polyfluorierten Chemikalien (PFAS) bestehen aus Kohlen­stoffketten unter­schiedlicher Länge, bei denen Wasserstoffatome ganz oder teilweise durch Fluoratome ersetzt werden. Dadurch werden die Stoffe wasser-, fett- und schmutzabweisend sowie chemisch und thermisch stabil. In der Natur kommen PFAS nicht vor. Sie werden seit den späten 1940er-Jahren in Laboren und industriellen Anlagen hergestellt.

Weitere Schließungen drohen

Die PFAS-Produktion in Gendorf steht in einem Chemiepark, der ein Verbundstandort ist. Insgesamt 30 Firmen sind hier ansässig, zehn davon mit eigenen Produktionen. Sie sind allesamt über unzählige Rohrleitungen miteinander verbunden. Wie Wurzeln wachsen sie an einzelnen Gebäuden empor, sie überziehen Straßenzüge und verschwinden in Mauern. Das gesamte, knapp 200 Hektar große Areal ist davon ­durchzogen.

Über die Rohre werden Materialien von Werk zu Werk transportiert. Ein Chemieunternehmen erhält so Fluorkunststoffe von Dyneon. Verwendet werden sie für die Innenbeschichtung von Schutzmasken. Auch ein Technologiekon-zern bekommt Stoffe aus dem PFAS-Werk. Schließt es, geraten die anhängenden Produktionen in Gefahr. Je mehr Firmen den Standort verlassen, desto teurer wird es, hier zu produzieren. Eine -Kettenreaktion droht.

Der Betreiber des Chemieparks, die InfraServ Gendorf, bereitet sich mit seinen 1.100 Mitarbeitenden bereits auf den Weggang von Dyneon vor. Das Unternehmen betreibt eine der größten Produktionsanlagen vor Ort. „Wir wappnen uns natürlich für das Worst-Case-Szenario“, sagt Michael Schnabl.

Ob PFAS auch künftig im großen Stil in Europa produziert werden, weiß derzeit niemand.

Der 59-Jährige ist seit 2010 Betriebsratsvorsitzender bei InfraServ. Er fordert Klarheit und Ehrlichkeit von der Politik: zu den Folgen eines Verbots für die Menschen vor Ort, den Industriestandort Deutschland und die Wirtschaft in der EU. Denn knapp 50 Prozent der in Europa hergestellten PFAS stammen aus Gendorf. Manche Stoffe werden nur hier produziert. „Wenn wir das Werk schließen, dann kommen die Produkte aus Indien, China oder Russland. Wollen wir eine solche Abhängigkeit erzeugen? Ich glaube nicht“, sagt Schnabl. „Wir müssen endlich aus der Vergangenheit lernen.“

Keine Lösung in Sicht

Den Alarm von Gewerkschaft und Betriebsrat haben Bundes- und Landesregierung gehört. Der ­bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) besuchten Gendorf Anfang des Jahres. Beide warnten vor einem „wirtschaftspolitischen Desaster“. Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kritisiert die Entscheidung von 3M. Bei einem gemeinsamen Besuch mit dem IGBCE-­Vorsitzenden Michael ­Vassiliadis im nahe gelegenen Wacker-Chemiewerk forderte er den Erhalt des Standorts. „Die Regierung tut, was sie kann“, versicherte Heil.

Trotz aller Bekundungen, die Stimmung in der Belegschaft trübt sich ein. Denn 3M hat bisher alle Lösungsversuche ausgeschlagen. Ein Verkauf des Werks lehnt das Unter­nehmen ab. Eine Stiftung nach Vorbild der Ruhrkohle sieht das Management in Saint Paul, Minnesota, skeptisch. Das Modell stehe in Widerspruch zum ­geplanten ­Ausstieg.

Aufgeben werden die Mitarbeitenden in Gendorf aber nicht. Davon ist Melanie Luft überzeugt: „Wenn wir diesen harten Kampf gewinnen, gehen wir als ein gestärktes Team daraus hervor.“