Video: Vorbereitung auf den 1. Mai – wie die IGBCE-Ortsgruppe Waldeck-Edersee-Korbach den Aktionstag erlebbar macht.
Solidarität jenseits der Werkstore
Der 1. Mai ist der wichtigste Tag des Jahres für die Gewerkschaften. IGBCE-Ortsgruppen wie die in Korbach und Ladenburg helfen maßgeblich mit, die Feste zum Tag der Arbeit zu Feiern von lebendiger Gemeinschaft zu machen. Zu Besuch bei den Vorbereitungen.
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Alles bereit für den 1. Mai: Die IGBCE-Ortsgruppe testet in Korbach ihren sechs Meter hohen Skydancer.
Da steht er, der Flattermann. Sechs Meter groß, hektisch in seinen Bewegungen, aber auch grundfröhlich. „Das ist schon stark“, sagt Michael Till und blickt auf die Figur neben sich, eine Art riesiges, rot-weißes Strichfigürchen mit IGBCE-Schriftzug, das von unregelmäßigen Luftströmen eines Föhns im Fuß bewegt wird. „Das ist ein Hingucker“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der IGBCE-Ortsgruppe Waldeck-Edersee-Korbach und lächelt zufrieden. Genau das Richtige für den 1. Mai.
An diesem Datum wird die Ortsgruppe auf dem Obermarkt in Korbach beim zentralen Aktionstag der Gewerkschaftsbewegung feiern und den Skydancer aufstellen. Ein Tag, an dem Zehntausende für faire Arbeitsbedingungen und Solidarität auf die Straße gehen. Ein Tag, dessen Anfänge bis in die USA im Jahr 1886 zurückreichen: Um die tägliche Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden zu reduzieren, riefen Arbeitende am 1. Mai 1886 in Chicago zu einem Generalstreik auf. Die Proteste wurden von der Polizei blutig niedergeschlagen. Drei Jahre später machte der Internationale Sozialistenkongress in Paris den 1. Mai zum allgemeinen Kampftag der Arbeiterbewegung. 1919 war der Maifeiertag erstmals ein nationaler Feiertag in Deutschland.
Auch im hessischen Korbach haben sie den 1. Mai im Blick. Im Vorjahr richtete die Ortsgruppe den Tag das erste Mal wieder in der Altstadt aus – mit mehreren Hundert Besuchenden. Die Ausgabe in diesem Jahr ist Tagesordnungspunkt 1 bei der heutigen Vorstandssitzung. Michael Till hat ein Flipchart vorbereitet, nacheinander gehen sie Fragen durch wie: Brauchen wir eine Hüpfburg? Wie kommen wir an Wasser für die Kaffeemaschine? Wer kümmert sich um die Toiletten?
Wir wollen Gewerkschaftsarbeit neben der Arbeit erlebbar machen.
Michael Till,
Ortsgruppe Waldeck-Edersee-Korbach
Till, 57, ist ein Typ, der gern anpackt und viel lacht. Vor vierzig Jahren hat er die Ausbildung zum Kunststoffformgeber bei Continental in Korbach angefangen und ist direkt in die Gewerkschaft eingetreten, der Vater war überzeugter Gewerkschafter. Später machte Till seinen Meister, merkte, dass er gut mit Menschen kann, ist seit 2009 freigestellter Betriebsrat. Die Ortsgruppe Waldeck-Edersee-Korbach hat er Anfang der 2010er-Jahre mitgegründet. „Wir haben gemerkt: Auf der Arbeit ist alles geregelt – aber was ist mit dem Leben außerhalb von Conti, mit den Familien und den Älteren?“, fragte sich Till. „Wir wollen Gewerkschaftsarbeit neben der Arbeit erlebbar machen.“ Mehr als 2.500 Mitglieder hat die Gruppe heute.
Michael Till kennt das Büro der Ortsgruppe noch aus früheren Tagen als Lebensmittelladen, der nicht nur ein Geschäft, sondern auch ein Treffpunkt für das Viertel war. Heute stehen jeden Dienstagnachmittag die Türen des Büros für zwei Stunden offen – Sprechstunde. Mitglieder kommen hierher, wenn sie Fragen haben, bei einer der vielen Veranstaltungen der Ortsgruppe mitmachen oder wissen wollen, welches Programm für den 1. Mai geplant ist.
Heute ist ein Großteil des elfköpfigen Vorstands da, um den 1. Mai vorzubereiten. Auf einem Regal stehen gleich mehrere Kartons mit Gummibärchen, außerdem Wimpel, Flyer, Klemmbretter – am Schriftzug der IGBCE kommt man hier nicht vorbei. „Wir machen schon extrem viel“, sagt Samira Neumann. Auf dem Jahreskalender hinter der 29-jährigen Jugendwartin hat das Team mit gelbem Textmarker die Veranstaltungen markiert – besonders hell leuchtet der 1. Mai, der wichtigste Tag für die Gruppe. Für den Anlass hat sie sogar zwei Stehtische aus alten Ölfässern gebaut; alle haben ihren Teil beigetragen, besorgt, geschweißt, lackiert.
Ladenburg: Plakate und Fahnen für den 1. Mai
Ladenburg: mehr als Folklore
Auch in Ladenburg, einer Kleinstadt im Rhein-Neckar-Kreis, arbeitet die IGBCE-Ortsgruppe kräftig am Programm für den 1. Mai. Das Fest ist ein Highlight im Jahreskalender der ganzen Stadt. „Wir haben einen politischen Anspruch“, sagt Bernd Schuhmacher, der die Gründung der Ortsgruppe 1999 initiiert und sie bis Ende März 2026 geleitet hat. Im Vorjahr baute das Team eine Brandmauer aus Kartons auf, daneben stand die Kinderhüpfburg in Feuerwehroptik. Motto: „Die Brandmauer hält bis zum Merz.“
Und doch ist es ein Fest für alle, mit Reden vom Bürgermeister und von Gewerkschaftsmitgliedern, mit Bier und Brause und Würstchen und Kinderlachen. In diesem Jahr wird das AWO-Kinderheim auch wieder Kaffee und Kuchen auftischen, die Band Gleis 2A Pop-Rock auf die Bühne bringen.
In wirtschaftlich guten Zeiten mit den scheinbar selbstverständlich steigenden Reallöhnen sei es am 1. Mai auch mal mehr um die Hüpfburg gegangen als um Gewerkschaftsthemen, hätten die Menschen die Sozialpartnerschaft als selbstverständlich genommen, und manchmal sei dann auch nicht so viel los gewesen, sagt Schuhmacher. Doch schon in den Vorjahren hat er bemerkt, dass das Interesse an den Gewerkschaften zunimmt – auch wenn das nicht immer direkt zu den Mitgliederzahlen passen mag. „Die Menschen merken jetzt in der Krise, dass wir zusammenstehen müssen – gerade am Tag der Arbeit.“
Wir haben einen politischen Anspruch.
Bernd Schuhmacher,
Ortsgruppe Ladenburg
Man tritt dem 75-Jährigen nicht zu nahe, wenn man ihn beharrlich nennt. Sieben Jahre hat er mit, gegen und vor allem für die Stadt Ladenburg gestritten, bis 2022 endlich der Ort der Menschenrechte eingeweiht worden ist. Bei seinen Reden am 1. Mai sind Politikerinnen und Politiker der SPD auch schon mal früher nach Hause gegangen, weil der Ex-Genosse, der Plakate für Willy Brandt klebte, aber wegen der Agenda-Politik ausgetreten ist, die Partei gern kritisiert. „Wir haben immer versucht, Meinungsvielfalt zu schaffen – am 1. Mai und auch in der sonstigen Ortsgruppenarbeit“, sagt er. Heute hat die Gruppe 850 Mitglieder.
Bei einem Vorstandstreffen der Ortsgruppe Mitte März geht es natürlich auch um den 1. Mai. Die ersten Plakate des DGB sind da. „Sieht gut aus“, sagt Schuhmacher, als eines davon am Ort der Menschenrechte hängt. Im Büro verschaffen sich alle einen Überblick über die Dinge, die dem 1. Mai gewerkschaftliche Farbe geben sollen. Zum Beispiel eine Art Wimpelkette: An dem Band hängen Fahnen der Betriebsräte aus vielen europäischen Ländern, Schuhmacher war lange im Europäischen Betriebsrat aktiv. In den 1970er-Jahren kam er zu Benckiser, dem Unternehmen, das man als Hersteller des Wasserenthärters Calgon kannte. Bernd Schuhmacher war dort Betriebselektriker. 1975 trat er in die IGBCE ein, wurde bald darauf in den Betriebsrat gewählt und war zwanzig Jahre lang Vorsitzender. „Der 1. Mai war für mich und für die Ortsgruppe immer etwas Besonderes – ein Tag, auf den wir oft monatelang hingearbeitet haben“, sagt Schuhmacher. Ein Fest für alle, ja, aber vor allem auch die Möglichkeit, wichtige gewerkschaftliche Themen auch gewerkschaftsfernen Menschen näherzubringen.
Korbach: Vorbereitungen im ehemaligen Lebensmittelgeschäft
Korbach: Aktiv in der Krise
In diesem Jahr lautet das Motto: „Erst unsere Jobs, dann eure Profite.“ Warum dieses Thema wichtig ist, das erleben Michael Till, Samira Neumann und die anderen aus der Ortsgruppe Waldeck-Edersee-Korbach gerade hautnah. „Conti ist voll unter Beschuss – da sind wir froh, dass wir etwas machen können“, sagt Till. Was er meint: Durch die Umstrukturierung bei Continental, mit 3.600 Jobs mit Abstand größter Arbeitgeber in Korbach, wird aus dem Standort, 1907 gegründet, nun ein Verbundstandort mit drei Unternehmen. Hier zieht man Wände durch Fabrikhallen, hier wird der Wechsel zwischen den Jobs schwieriger. Und die Gesamtlage – Wirtschaft, Reifen, deutsche Automobilindustrie – war auch schon besser. „Wir wollen etwas zeigen, wollen zusammenstehen“, sagt Till. Wann gehe das besser als am 1. Mai? Michael Till: „Das wird ein Fest für alle – mit politischen Themen genauso wie mit Dingen, die ganz einfach Freude machen.“
Um 18:30 Uhr, die Sonne ist gerade untergegangen, klopfen die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter auf den Tisch, die Sitzung der Ortsgruppe ist zu Ende, und alle wissen, was bis zum 1. Mai noch zu tun ist.
Zeichen setzen!
Unter dem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ rufen der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften am Tag der Arbeit wieder zu bundesweiten Demonstrationszügen und Kundgebungen auf. Auch die Mitglieder des geschäftsführenden Hauptvorstands der IGBCE sind bundesweit auf Veranstaltungen vertreten: Der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis spricht in Augsburg, Birgit Biermann in Borken, Francesco Grioli in Saarbrücken, Oliver Heinrich in Ludwigshafen und Alexander Bercht in Wilhelmshaven.