Video: Warum der Seniorenarbeitskreis Aufgeweckte Alte gewerkschaftliche Werte auch im Ruhestand pflegt.
Mitglied – ein Leben lang
Auch nach dem Berufsleben bleibt die Gewerkschaft ein wichtiger Bezugspunkt. Im IGBCE-Bezirk Rhein-Main haben engagierte Männer und Frauen im Ruhestand einen Seniorenarbeitskreis gegründet. Sie nennen sich Aufgeweckte Alte, planen Ausflüge, diskutieren politische Themen und pflegen gewachsene Netzwerke.
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Im Seniorenarbeitskreis Aufgeweckte Alte bleiben die Mitglieder nach dem Berufsleben in Kontakt.
Vor der Feier wird geschuftet, nicht gebabbelt. Mit einigen Helferinnen und Helfern holen die Aktiven des Seniorenarbeitskreises die Zwischenplatten für die Tische unter der Bühne hervor. Jeder Handgriff sitzt, alles greift ineinander. Tassen, Teller und Besteck wandern an ihren Platz. Es riecht nach frischen Kreppeln, so heißen in Hessen die Berliner. Wenig später öffnen sich die Türen des Saals der katholischen Gemeinde im Frankfurter Stadtteil Höchst, und der Raum füllt sich wie jedes Jahr im Nu. Wenn die Aufgeweckten Alten im IGBCE-Bezirk Rhein-Main zum Kreppelkaffee einladen, lassen sich die Leute nicht zweimal bitten. Siebzig Gäste sind es mindestens, manchmal knacken sie sogar die Hundertermarke.
Für viele ist diese Veranstaltung zum Jahresauftakt ein gesetzter Termin im Kalender. „Die Leute freuen sich, ihre Kolleginnen und Kollegen wiederzusehen“, erzählt Arnold Weber. „Man redet über alte Zeiten, zieht von Tisch zu Tisch.“ Der 86-Jährige gehört zu den sogenannten Triple A, den Aktiven Aufgeweckten Alten, dem inneren Zirkel. Zwölf Mitglieder zählen dazu. Sie treffen sich einmal im Monat eine Etage tiefer in einem Seminarraum des Gemeindezentrums. Dort wird diskutiert, geplant und basisdemokratisch abgestimmt, welche Ausflüge, Mehrtagesfahrten und Veranstaltungen ins Jahresprogramm kommen.
Man redet über alte Zeiten, zieht von Tisch zu Tisch.
Arnold Weber,
Mitglied im Seniorenarbeitskreis Aufgeweckte Alte
Von der Idee zur festen Größe
Der Kreppelkaffee ist mittlerweile mehr als ein nettes Treffen – er ist eine Institution. Die Premiere hatte er vor 16 Jahren, am 2. Februar 2010. Damals war der Seniorenarbeitskreis erst ein paar Monate alt. Die IGBCE und motivierte Ruheständlerinnen und Ruheständler in Höchst, einem Stadtteil von Frankfurt am Main mit 16.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, hatten den Grundstein dafür gelegt. „Die IGBCE bot uns an, sich für Seniorinnen und Senioren zu engagieren – und Peter Dauster ist sofort darauf eingegangen“, erinnert sich Arnold.
Was im August 2009 vorsichtig begann, wurde eine Erfolgsgeschichte. Peter und drei weitere Interessierte setzten sich zusammen. Sie sammelten Ideen und überlegten, wie man das neue Angebot mit Leben füllen kann. „Für uns war das ja auch Neuland“, sagt Ursula Kegler, die von Anfang an mit dabei war. Bis heute bringt sie sich in den Arbeitskreis ein. Das Quartett schärfte das Profil, gab sich den Namen Aufgeweckte Alte und formulierte das Motto, das bis heute trägt: „Jenseits der Arbeitswelt Lebenszeit gestalten.“ So steht es auf der Homepage, die Peter gestaltet und regelmäßig aktualisiert.
Nach der Rente geht es weiter
Das Symbol der Gruppe ist Programm: fünf aufziehbare Glockenwecker, wie sie früher auf vielen Nachttischen standen. „Sie sollen wachrütteln“, sagt Peter. Vielleicht auch jene, für die nach dem Berufsleben erst einmal alles wegfällt: der Rhythmus, die Kontakte, die Aufgaben. „Wenn die Leute in Rente gehen, wissen sie manchmal nichts mehr mit dem Tag anzufangen“, hat er beobachtet. Für den 78-Jährigen selbst ist Stillstand keine Option. Er gilt als tragende Säule des Arbeitskreises und investiert bis zu zwanzig Stunden pro Woche in sein Ehrenamt. Von Beginn an war er Impulsgeber, Organisator, Antreiber. „Ich denke, formuliere, layoute und stelle vor“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Die Jahresprogramme spiegeln diese Energie: Mehrtagestouren, kulturelle Angebote, politische Besuche, Fachvorträge – etwa zur Rentenbesteuerung. Kurz: ein Repertoire, bei dem Langeweile keinen Platz hat.
Wir wollen wachrütteln.
Peter Dauster,
Vorsitzender Seniorenarbeitskreis Aufgeweckte Alte
Freier Zusammenschluss
Anfangs stand sogar die Idee im Raum, eine eigene Ortsgruppe im Bezirk Rhein-Main zu gründen. Davon rückten die Aktiven allerdings schnell wieder ab. Heute verstehen sie sich als freier Zusammenschluss unter dem Dach der Gewerkschaft. Das bedeutet: Sie haben zwar kein Mitbestimmungsrecht auf den Delegiertenversammlungen, dafür aber auch keine zusätzliche Bürokratie, die als Ortsgruppe auf sie zugekommen wäre. Die Engagierten können sich ganz auf das konzentrieren, was ihnen wichtig ist: schöne Stunden miteinander verbringen, Impulse setzen.
Peter dokumentiert die Aktivitäten der Gruppe auf der Website – mit Texten und Bildergalerien zu den Ausflügen. Kein Wunder: Schon zu Berufszeiten war er technikaffin. Der gelernte Textileinzelhandelskaufmann, der mit dreißig Jahren im Werkschutz von Hoechst in Griesheim anfing, arbeitete danach zwölf Jahre lang Vollschicht in der Leitstelle der Werkfeuerwehr. „Ich war mit schuld an der ersten PC-Anschaffung dort“, sagt er lachend. Heute profitiert der Arbeitskreis von diesem Computer-Know-how. Rund 2.000 Adressen potenziell interessierter Rentnerinnen und Rentner pflegt Peter. An sie verschickt er das Jahresprogramm.
Der Kreppelkaffee mit Mundartdichter Rainer Weisbecker markierte im März den Jahresauftakt. Bis November stehen weitere Veranstaltungen an – vom Spargelessen bis zur Kurzreise.
Neun Angebote stehen diesmal auf der Liste: von einer Mehrtagesfahrt nach München über den Besuch des Deutschordensmuseums im Schloss Mergentheim bis hin zu einem Abstecher in den Hessischen Landtag und einem Spargelessen in Schwetzingen. „Jede und jeder sucht sich das aus, was passt – aber der Bus ist immer voll“, sagt Arnold und klingt dabei ein bisschen stolz. Die IGBCE unterstützt die Initiative im Bezirk Rhein-Main auch finanziell, zum Beispiel mit Zuschüssen zum Kreppelkaffee. Die Kosten für die Ausflüge übernehmen die Teilnehmenden allerdings zu hundert Prozent selbst. „Eine Bezuschussung dazu würde ich ablehnen. Wir können keine Mitgliedsbeiträge verfrühstücken“, betont Arnold.
Der heute 86-Jährige stieß kurze Zeit nach der Gründung zu den Aufgeweckten Alten. „Wir wollten Arnold unbedingt dabeihaben“, sagt Peter. Denn der Mitstreiter ist bis heute eine feste Größe in der gewerkschaftlichen Geschichte des Pharmaunternehmens Hoechst. Der Chemielaborant trat 1966 in die IG Chemie ein, wurde bald in den Betriebsrat gewählt. Später war er Betriebsratsvorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Es waren Zeiten großer Umbrüche – vom Weltkonzern Hoechst, Ende der 1990er-Jahre mit 28.000 Beschäftigten und 9.000 Werkswohnungen, bis zum heutigen Industriepark mit rund neunzig Gesellschaften. Auch kommunalpolitisch mischte Arnold mit – viele Jahre für die SPD in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung.
Von diesen Netzwerken profitieren die Aufgeweckten Alten bis heute. So gelang es Arnold zum Beispiel, den Frankfurter Bundestagsabgeordneten und Parteifreund Armand Zorn für eine Veranstaltung zu gewinnen. „Alle konnten ihm Fragen zur Bundespolitik stellen. Das war toll“, schwärmt er.
Wer kann, packt mit an: Gewerkschaftliche Werte wie Zusammenhalt und Mitbestimmung kennen keine Altersgrenze. Wer im Alter in der IGBCE bleibt, hat dazu noch weitere Vorteile.
Die IGBCE bleibt eine Heimat
Sich auch als Rentnerin oder Rentner zu engagieren, ist für Arnold keine Frage, sondern Konsequenz. „Manche denken vielleicht: Warum soll ich weiter in der Gewerkschaft bleiben? Das Thema ist doch für mich gegessen. Aber das stimmt nicht“, sagt er entschieden. Der Seniorenarbeitskreis zeigt, dass die IGBCE auch nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben eine Heimat bleibt. Die Gewerkschaft bietet weiterhin Rechtsberatung – und braucht Menschen, die sich einbringen. Das zahlt sich für die Rentnerinnen und Rentner ganz konkret aus. Die Rentenanpassungen orientieren sich an den Lohn- und Einkommenserhöhungen, die die Gewerkschaften mit den Arbeitgebern aushandeln. Wer die Aktiven im Betrieb unterstützt, tut am Ende auch etwas für den eigenen Geldbeutel.
Auch für Ursula ist klar: Gewerkschaftliche Werte wie Zusammenhalt, Mitbestimmung und gegenseitige Unterstützung kennen keine Altersgrenze. Der Kreppelkaffee, die Reisen, die Diskussionen sind für sie mehr als Freizeitangebote. Sie sind gelebte Gemeinschaft. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der Aufgeweckten Alten: Wer einmal dazugehört, bleibt es ein Leben lang.