Ausbildung im Norden
Zwischen Sparzwang und Fachkräftesicherung: Norddeutsche Betriebe müssen trotz Krise auch im Norden weiter in Ausbildung investieren.
Eine gute Ausbildung sichert Fachkräfte. Das sollten mehr Unternehmen berücksichtigen.
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Der wirtschaftliche Druck hat auch im Norden Folgen für die Ausbildung: Unternehmen bauen Ausbildungsplätze ab oder übernehmen weniger Absolventinnen und Absolventen. „Nur rund zwanzig Prozent unserer Betriebe bilden noch aus“, sagt Timo Bergmann, im Landesbezirk Nord für den Bereich Ausbildung zuständig. Angesichts des Fachkräftemangels sei das kurzsichtig. Zwar werden derzeit Stellen gestrichen, doch Deutschland habe eine der ältesten Belegschaften Europas – qualifizierter Nachwuchs werde deshalb weiterhin gebraucht.
Bei einigen Unternehmen ist das angekommen: So setzt der Langelsheimer Pigmenthersteller Sudarshan, ehemals Heubach, als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel gezielt auf eigene Ausbildung. „Wir schwören auf unsere Eigengewächse“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Ralf Anders. Wer im Betrieb ausgebildet werde, kenne Verfahren und Abläufe und sei nach Abschluss sofort einsetzbar. Entsprechend investiere das Unternehmen in die Qualität der Ausbildung und übernehme Auszubildende in der Regel in eine Festanstellung.
Gleichzeitig werde es immer schwieriger, überhaupt Auszubildende zu finden. „Wir konkurrieren hier mit großen Unternehmen“, berichtet der Betriebsratschef. Außerdem sei Sudarshan unter dem neuen Namen noch nicht als attraktiver Arbeitgeber bekannt. Deshalb spiele auch die Empfehlung durch die eigene Belegschaft eine wichtige Rolle.
„Nur rund zwanzig Prozent unserer Betriebe bilden noch aus.“
Timo Bergman,
Landesbezirk Nord
Mit knapp drei Millionen ist die Anzahl junger Menschen ohne Berufsabschluss weiterhin auf Rekordniveau. Gleichzeitig bleiben beispielsweise in der Chemie seit Jahren etwa zehn Prozent der angebotenen Ausbildungsplätze unbesetzt. Über alle Branchen im Bereich der IGBCE Nord wurden in diesem Jahr 1.758 Auszubildende eingestellt – bei bis zu 2.000 offenen Stellen.
Betroffene Arbeitgeber rechtfertigen diese Lücke mit mangelnder Ausbildungsreife der Jugendlichen. Timo Bergmann widerspricht: „Nicht die Jugendlichen sind das Problem – manche Betriebe sind schlicht nicht mehr ausbildungsfähig.“ Werkunterricht werde reduziert und Ausbildungspersonal eingespart, beobachtet er. Damit leide die Qualität der Ausbildung und für die Unterstützung vermeintlich schwächerer Jugendlicher fehle die Zeit.
Begeistert von ihrer Ausbildung bei Continental Machinery: Monique Konow.
Foto: Continental
Ich fühle mich super betreut“: Ralf Kovács lernt in der Raffinerie Heide.
Foto: BBZ Dithmarschen Heide
Sudarshan-Betriebsratsvorsitzender Ralf Anders: „Schwören auf unsere Eigengewächse.“
Foto: Sudarshan Langelsheim PLT
Wie das die Ausbildung prägt, hat Alexandra Lauter (Name von der Redaktion geändert) erlebt. Nach dem Abitur begann sie eine Ausbildung zur Chemielaborantin, weil sie „etwas Praktisches mit Chemie“ machen wollte. Doch im Betrieb fehlten grundlegende Strukturen: Es gab kein Ausbildungslabor, keinen Plan, kaum Betreuung durch die Ausbilderin. „Wir wurden ins kalte Wasser geworfen.“ Verfahren seien einmal gezeigt worden, danach habe man allein arbeiten müssen. Unterstützung habe es kaum gegeben. Als Jugend- und Auszubildendenvertreterin setzte sie sich mit Unterstützung des Betriebsrats für Verbesserungen ein – ohne Erfolg. Inzwischen bildet der Betrieb keine Chemielaborantinnen und -laboranten mehr aus. Lauter wird das Unternehmen nach Ausbildungsende verlassen.
Dass es auch anders geht, zeigt die Erfahrung von Rolf Kovács. Der gelernte Kfz-Mechatroniker begann nach seiner ersten Ausbildung noch einmal neu – diesmal in der Industrie als Elektroniker für Automatisierungstechnik in der Raffinerie Heide. Vor allem der Berufsschulunterricht sei anfangs anspruchsvoll gewesen. Doch sein Ausbilder und die Kolleginnen und Kollegen hätten ihn unterstützt. „Ich fühle mich super betreut – sie haben sich immer Zeit genommen.“
Unser Anspruch muss bleiben, den jungen Menschen, die wir ausbilden, eine Perspektive im Konzern zu geben.
Jens Klingberg,
Betriebsratsvorsitzender im Werk Vahrenwald
Auch Monique Konow ist nach wie vor begeistert von ihrer Ausbildung zur Mechatronikerin bei Continental Machinery in Hannover-Stöcken. Schon beim Vorstellungsgespräch im Ausbildungszentrum hatte sie einen positiven Eindruck. „Das Team war jung und sehr freundlich. Die ersten Gespräche fanden in kleinen Gruppen statt – das machte es leichter. Es wirkte alles so offen und cool.“ In anderen Betrieben wäre sie die erste Frau in einem männlich geprägten Beruf gewesen – teilweise ohne passende Umkleiden oder Toiletten. Bei Continental in Hannover dagegen sei das kein Thema gewesen.
Kurz vor Ausbildungsende wurde ihr ein duales Studium angeboten. Monique Konow entschied sich dagegen: „Ich möchte erst einmal weiterarbeiten, auf Montage gehen und Geld verdienen.“ Auf die Azubis wartet in der Regel eine unbefristete Stelle – wie es eine Betriebsvereinbarung des Konzernbetriebsrats mit der Continental AG empfiehlt.
Doch solche Perspektiven stehen zunehmend unter Druck. Bei Continental bedeutet der Konzernumbau Einsparungen. Für Jens Klingberg, Betriebsratsvorsitzender im Werk Vahrenwald, ist aber klar: „Unser Anspruch muss bleiben, den jungen Menschen, die wir ausbilden, eine Perspektive im Konzern zu geben.“