„Es ist heute noch schwieriger und komplexer“
Foto: Adreas Reeg
Alexandra, es war ein harter Weg zum aktuellen Tarifabschluss für die Chemiebranche. Bist du zufrieden?
Ich würde das nicht in den Kategorien zufrieden oder unzufrieden beurteilen wollen. Die Lage der Unternehmen in der Branche ist sehr, sehr unterschiedlich. Da ist es schwierig, eine Lösung zu finden, die für alle passt. Natürlich gab es auch vorher schon Tarifrunden, die in Krisenzeiten stattfanden – aber da konnte man für alle in eine Richtung verhandeln, das ging dieses Mal nicht. Grob zusammengefasst ist die Lage folgendermaßen: Ein Drittel der Betriebe steht wirklich gut da, ein weiteres Drittel ist stabil, aber da weiß man nicht genau, ob das künftig auch so bleibt, und ein Drittel hat wirklich große Probleme. Das alles muss man mitdenken und mitverhandeln.
In früheren Tarifverträgen wurden für Betriebe in wirtschaftlichen Schwierigkeiten Öffnungsklauseln vereinbart, mit denen beispielsweise Tariferhöhungen nach hinten verschoben werden konnten.
Das wäre in dieser Runde keine Option gewesen angesichts der Vielzahl der Betriebe mit Problemen. Allerdings haben wir ja dieses Mal für Unternehmen, die gut dastehen, die Möglichkeit geschaffen, die Tariferhöhungen um drei Monate vorzuziehen – das ist im Tarifgeschäft sonst nicht üblich und in einem großen Flächentarifvertrag eine echte Innovation. Der Weg dahin war allerdings relativ schwierig, die Arbeitgeber haben sich eine lange Zeit nicht bewegt.
Du hast in dieser Tarifrunde zum dritten Mal in der sogenannten Achter-Kommission der Bundestarifkommission gesessen. Deine Bilanz?
Ich war 2022 zum ersten Mal Mitglied in der Achter-Kommission, als wir direkt nach Beginn des Ukraine-Kriegs verhandelt und mit einer Einmalzahlung die sogenannte Brücke in den Herbst gebaut haben. Damals dachte ich: Das war eine echt harte Runde, aber auch eine Ausnahmesituation, künftig wird das einfacher. Im Rückblick muss ich sagen: Diese Einschätzung war falsch. Es ist heute noch schwieriger und komplexer.
Ich finde es wichtig, gerade in diesen wechselhaften Zeiten Verantwortung zu übernehmen.
Alexandra Friedrich
Wie bereitest du dich auf Tarifrunden vor?
Ich führe im Vorfeld, aber auch zwischen den Verhandlungsrunden viele Gespräche mit unseren Vertrauensleuten und unseren Mitgliedern im Betrieb, um mir ein vernünftiges Bild von der Stimmungslage zu machen. Außerdem bin ich natürlich in stetem Austausch mit den Mitgliedern der Bundestarifkommission, um die Lage der ganzen Branche beurteilen zu können.
Gelegentlich gibt es in den Sitzungen der Bundestarifkommissionen ja auch ordentlich Gegenwind für die Achter-Kommission. Wie gehst du damit um?
Es ist enorm wichtig, die Stimmen aus der Bundestarifkommission ernst zu nehmen, auf sie zu hören und zu überlegen, wie man das in eine Lösung überführen kann. Ein Abschluss ist nur möglich, wenn die Große Tarifkommission mit einem Vorschlag einverstanden ist und zustimmt.
Die Gespräche in den Verhandlungsrunden gehen regelmäßig bis in den späten Abend, teilweise bis in die Nacht. Wie hält man das durch?
Bei mir ist es der Wille, das durchzuhalten, manchmal trinke ich auch mitten in der Nacht noch einen starken Kaffee für den klaren Kopf oder esse einen Schokoriegel für das Energielevel. Am Ende geht es bei diesen Marathonsitzungen darum: Wer hat genug Stehvermögen und kann hart bleiben, auch wenn alle schon sehr müde sind?
In der zweiten Jahreshälfte werden die Mitglieder der Tarifkommissionen neu gewählt. Trittst du wieder an?
Ja, wenn man mich noch mal wählt, bin ich gern wieder dabei. Ich finde es wichtig, gerade in diesen wechselhaften Zeiten Verantwortung zu übernehmen und nicht nur, wenn es gerade gut läuft.
Zur Person: Alexandra Friedrich (52) ist seit 2020 Betriebsratsvorsitzende des Pharmaunternehmens B. Braun Melsungen. Die gelernte Industriekauffrau sitzt seit 2021 in der Bundestarifkommission für die Chemie- und Pharmabranche. Seit 2022 ist sie zudem Teil der sogenannten Achter-Kommission, die die direkten Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite führt.