Rund 150 IGBCE-Beschäftigte aus den Bezirken Ludwigshafen und Mittelrhein zeigten der Arbeitgeberseite zum Auftakt der dritten Tarifrunde lautstark die „Rote Karte“.
Bis an die Schmerzgrenze
Selten waren die Zeiten für einen Tarifabschluss so anspruchsvoll wie aktuell – dennoch hat es die IGBCE in drei zähen Verhandlungsrunden geschafft, für die 585.000 Beschäftigten der Chemie- und Pharmaindustrie eine Einigung mit der Arbeitgeberseite zu erzielen. Der Tarifvertrag sieht Entgelterhöhungen in zwei Schritten sowie Beiträge zur Beschäftigungssicherung vor.
Artikel von KI vorlesen lassen
Die Lage ist komplex und herausfordernd, anders kann man es nicht sagen. Die wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland sind aktuell mehr als schwierig. Auf der einen Seite stehen angesichts von hohen Energiepreisen, Transformationslasten und CO2-Bepreisung seit Jahren viele energieintensive Betriebe in der Chemie- und Pharmabranche massiv unter Druck, manche sogar mit dem Rücken zur Wand. Tausende Beschäftigte bangen um ihre Jobs.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch zahlreiche Unternehmen (etwa aus dem Pharmabereich), bei denen die Gewinne weiterhin sprudeln. Und die Beschäftigten haben ebenfalls mit der hohen Inflation der zurückliegenden Jahre und aktuell steigenden Benzinpreisen infolge des Iran-Kriegs zu kämpfen. Diesen völlig unterschiedlichen Anforderungen in einem Flächentarifvertrag gerecht zu werden, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem haben es die IGBCE und der Arbeitgeberverband BAVC in drei zähen Verhandlungsrunden geschafft, eine Einigung zu erzielen.
Lage hat sich durch den Iran-Krieg nochmals zugespitzt
Es handele sich um einen „Krisenabschluss“, für den man bis an die Schmerzgrenze gegangen sei, betonte dann auch der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis im Anschluss an die Tarifrunde. Die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre habe sowohl der Branche als auch ihren Beschäftigten zugesetzt. Durch den Iran-Krieg habe sich die Lage für beide Seiten nochmals zugespitzt. „In solch einer vertrackten Ausgangslage eine Einigung zu finden, die allen Beteiligten gerecht wird, war eine große Herausforderung“, erklärte er nach der Tarifeinigung.
Zugleich machte er deutlich: „Klar ist eines: Mit diesem Tarifergebnis gehen die Beschäftigten in Vorleistung – für die Sicherung ihrer Arbeitsplätze und für mehr Investitionen in Deutschland“, so Vassiliadis. Jetzt müssten auch andere liefern, erklärte der IGBCE-Vorsitzende: „Die Bundesregierung mit der Chemieagenda 2045, die Arbeitgeber mit einer Investitionsoffensive in die nachhaltige Stärkung des Standorts. Wir werden die Entscheider daran messen.“
„Jobangst und Kaufkraftverlust prägen derzeit das Arbeitsleben vieler Beschäftigter in Chemie und Pharma – dem wollten wir in dieser Tarifrunde gerecht werden“, sagte auch IGBCE-Verhandlungsführer und -Tarifvorstand Oliver Heinrich. „Am Ende haben wir in beiden Forderungspunkten Bewegung erreicht. Das wäre ohne die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen, die für unsere Forderungen vors Tor gegangen sind, nicht möglich gewesen.“
Denn in den vergangenen Wochen und Monaten hatten sich Tausende Beschäftigte begleitend zur Tarifrunde an mehr als 100 Aktionen im ganzen Land beteiligt, um der Forderung der IGBCE nach Instrumenten zur Beschäftigungssicherung und einer angemessenen Erhöhung der Entgelte Nachdruck zu verleihen, zuletzt mit einer Kundgebung während der dritten Tarifrunde vor dem Tagungshotel in Bad Breisig.
Dort hatten sich rund 150 IGBCE-Beschäftigte aus den Bezirken Ludwigshafen und Mittelrhein versammelt: Ausgerüstet mit Trillerpfeifen und Ratschen zeigten sie den anreisenden Vertreterinnen und Vertretern der Arbeitgeberseite zum Auftakt der dritten Tarifrunde lautstark die „Rote Karte“.
Als IGBCE-Verhandlungsführer Oliver Heinrich kurz zu ihnen stieß, hatte er sogar Matthias Bürk, den Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbandes BAVC, im Schlepptau. Bürk und seiner Delegation übergaben die Demonstrierenden unter lautem Getöse mehr als 30.000 Postkarten, verpackt in sechs Jutesäcken, auf denen Beschäftigte aus dem ganzen Land aufgeschrieben hatten, warum die Tarifforderungen der IGBCE wichtig und berechtigt seien.
Mit überwältigender Mehrheit stimmte die Bundestarifkommission dem Tarifabschluss für die 585.000 Beschäftigten der Chemie- und Pharmaindustrie zu.
Demografiefonds wird aufgestockt
Der Druck von der Basis und drei zähe Verhandlungsrunden führten dann am Ende zu einem Abschluss: Dieser sieht für die 585.000 Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie Entgelterhöhungen in zwei Schritten sowie Beiträge zur Beschäftigungssicherung vor. Damit wird der bereits existierende tarifliche Demografiefonds aufgestockt – ein bundesweites Novum in einem großen Flächentarifvertrag. Im Kern fließen in diesem Jahr 300 Euro pro Kopf (für Auszubildende jeweils 150 Euro) in die Beschäftigungssicherung. Zum 1. Januar 2027 folgen eine Entgelterhöhung von 2,1 Prozent sowie weitere 300 Euro pro Kopf zur Beschäftigungssicherung. Zum 1. Januar 2028 gibt es eine weitere Entgelterhöhung um 2,4 Prozent. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 27 Monaten bis Mai 2028.
Heinrich wies darauf hin, dass Betriebe, denen es wirtschaftlich gut geht, die Tariferhöhungen um jeweils drei Monate vorziehen können. „In der Branche gibt es genug Betriebe, die glänzend verdienen. Wir werden in den kommenden Monaten dafür sorgen, dass sie ihrer Verantwortung der Belegschaft gegenüber gerecht werden.“
Im Tarifabschluss zwischen IGBCE und BAVC wurden einige Indizien festgelegt, anhand derer abgelesen werden kann, ob ein Unternehmen für ein Vorziehen der Entgeltsteigerung infrage kommt – etwa ein positives Betriebsergebnis, das über dem des davor liegenden Geschäftsjahres liegt, oder etwa eine Tariferhöhung für AT-Beschäftigte.
Mit dem vereinbarten Beschäftigungssicherungsbeitrag gehe man wieder einmal neue Wege auf dem Feld der Jobsicherung, erklärte Heinrich. Über die Laufzeit stellt die Branche damit insgesamt mehr als 350 Millionen Euro für Investitionen in den Erhalt und die Weiterentwicklung von gefährdeten Arbeitsplätzen zur Verfügung. „Kein tarifgebundener Betrieb kann sich künftig mehr herausreden, es gebe keine Alternative zum Stellenabbau“, so der IGBCE-Tarifvorstand. Das Geld fließt in den seit 2010 bestehenden Demografiefonds der Branche, dessen Nutzungszwecke um den Faktor Beschäftigungssicherung erweitert werden. Dabei fließen die 300 Euro pro Kopf für die Beschäftigungssicherung zusätzlich zu dem jährlichen Demografiebetrag von 750 Euro in den Fonds.
Aus dem betrieblichen Topf können so beispielsweise Projekte für Standortsicherung, Umqualifizierung oder Arbeitszeitreduzierung finanziert werden. Notwendig ist das, weil große Teile der Chemieindustrie aktuell tief in der Krise stecken, vielerorts haben Unternehmen bereits mit Schließungen und Personalabbau auf Überkapazitäten und schlecht ausgelastete Anlagen reagiert.
Kein tarifgebundener Betrieb kann sich künftig mehr herausreden, es gebe keine Alternative zum Stellenabbau.
Oliver Heinrich,
Verhandlungsführer der IGBCE
Tarifkommission stimmt Abschluss zu
Die Mitglieder der großen Tarifkommission nahmen den Abschluss an – und zeigten sich vor allem erleichtert, dass es gelungen ist, in dieser herausfordernden Lage einen Flächentarifvertrag abzuschließen, der den unterschiedlichen Bedingungen in den Betrieben gerecht wird.
„Ich bin wirklich froh und erleichtert, dass wir jetzt einen guten Abschluss haben“, sagte etwa Sybille Anhorn vom Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim. Es sei ein „Riesenspagat“ notwendig gewesen, da es einerseits Betriebe gebe, die wirtschaftlich schlecht aufgestellt seien, und andererseits solche, die gut dastehen würden. Im aktuellen Tarifvertrag sei nun „für jeden etwas dabei“, so Anhorn. „Ich finde es insgesamt wirklich gut für alle. Und das ist das Wichtige für uns als Solidargemeinschaft.“
Ähnlich äußerte sich Detlef Rennings vom Chemieparkbetreiber Currenta – die Chemieparks stehen in der aktuellen Krisensituation ganz besonders unter Druck und kämpfen um Zukunftsperspektiven. Er sei eigentlich sehr zufrieden, sagte Rennings, besonders „vor dem Hintergrund der Multikrise, in der wir uns befinden, die jetzt noch verschärft wurde durch die Situation im Nahen Osten“. Er fügte hinzu: „Wir wissen, die Unternehmen sind in Schwierigkeiten, wir wissen aber auch, unsere Leute sind in finanziellen Schwierigkeiten, wenn man die Spritpreise sieht. Ich glaube, wir haben die Situation gut abgebildet.“
„Ich bin positiv überrascht, dass wir es tatsächlich geschafft haben, jetzt in der dritten Runde einen vernünftigen und für die Branche angemessenen Abschluss gefunden zu haben“, meinte Beate Nörenberg von der Roche Diagnostics GmbH. „Wir machen Tarifverträge für die Fläche, das heißt diejenigen, denen es gut geht, müssen in irgendeiner Art und Weise etwas vom Kuchen abbekommen. Aber auch die Betriebe, die mit dem Rücken an der Wand stehen, brauchen die Solidarität aller Beschäftigten und aller Mitglieder.“
Der Tarifabschluss im Detail
Thorsten Terwort von der unter Druck stehenden Evonik Industries AG (Gemeinschaftsbetrieb Marl) sagte ebenfalls: „Für die Firma, aus der ich komme, ist es in der derzeitigen Situation ein sehr gutes Ergebnis.“ Jeder Betrieb könne individuell handeln, er finde, auch mit Blick auf die Möglichkeit einer vorgezogenen Entgelterhöhung für Unternehmen, die wirtschaftlich gut dastehen: „Das ist eine sehr innovative Lösung.“
„Ich glaub, wir haben das Machbare machbar gemacht“, bilanzierte Kai-Uwe Hemmerich von der Sudarshan Germany Horizons GmbH. Egal, ob es den Betrieben gut oder schlecht gehe, „können wir alle was draus machen“. „Angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage, in der wir uns seit drei Jahren befinden, und des massiven Drucks der Arbeitgeber kann ich sagen, dass es ein hervorragendes Ergebnis ist“, erklärte Maria Braun von B. Braun Melsungen. Auch sie hob die variablen Gestaltungsoptionen hervor. „Das bietet allen Betrieben, sowohl denen, denen es schlecht geht, als auch denen, denen es gut geht, die Möglichkeiten, den Tarifvertrag entsprechend umzusetzen.“ Besonders wichtig dabei sei zu zeigen: „Wir stehen alle zueinander und vertreten dieses Ergebnis. Und das ist echter Zusammenhalt, das ist Gewerkschaft.“
Die Details des Tarifabschlusses für die Chemie- und Pharmaindustrie kannst du auf der IGBCE-Website nachlesen. Dort findest du umfangreiche FAQ zu den Regelungen rund um Entgelt und Beschäftigungssicherung sowie einen ausführlichen Bericht zu den Aktionen.