Menschen & Gemeinschaft

Betriebsausflug

Video: Zwischen Baggern, See und Festivalarena – zu Besuch in Ferropolis.

Eine Grube als Garten

Text Julius Leichsenring – Fotos Moritz Küstner

Fünf Stahlgiganten auf einer Halbinsel in Sachsen-Anhalt: Das ist Ferropolis. Der ehemalige Tagebau ist heute Museum, Eventlocation und Naherholungsgebiet in einem. Die IGBCE-Mitglieder Sandy und Benjamin Richter gehen auf Streifzug durch die Stadt aus Eisen.

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Niklas Grigo (r.) führt seit zwei Jahren Besuchende über die Halbinsel. Sandy und Benjamin Richter kennen das Gelände von einem Konzert.

Mad Max“ versperrt den Weg zum See. Fast dreißig Meter lang, mit einem riesigen Stahlarm und einem grauen, dreibeinigen Kasten. Unter der Metallkonstruktion steht Niklas Grigo mit dem Kopf im Nacken. „Das ist einer unserer Kohlebagger“, sagt er. Ein weiterer rostet gegenüber: „Mosquito“ mit einem kurzen, gebogenen Ausleger. Links und rechts daneben stehen zwei Abraumbagger mit langen Laufbändern für Felsen, Erde und Schutt. Etwas abseits: „Big Wheel“, Baujahr 1984, der jüngste unter den Kohlebaggern.

Die fünf Kolosse aus Stahl thronen auf einer Halbinsel im einstigen Tagebau Golpa-Nord. Die Grube wurde geflutet, der Name geändert: Ferropolis – die Stadt aus Eisen. Zu DDR-Zeiten wurden hier siebzig Millionen Tonnen Braunkohle abgebaut. Heute wird gechillt, gefeiert, gelernt. Es gibt Führungen zu den Bergbaugeräten, Wandertouren, Trauungen, Festivals und andere Publikumsmagnete wie den „Tag der Industriekultur“ im April oder „Bagger im Licht“ im September.

Niklas Grigo ist fast täglich in Ferropolis. Er spricht von „meiner, unserer schönen Insel“. Der 25-Jährige arbeitet hier seit zwei Jahren als Guide und Veranstaltungsmanager. Verbunden ist er mit dem Ort seit seiner Kindheit: Im Nachbarort Gräfenhainichen aufgewachsen, schwamm er jeden Sommer im See; bei Schnee fuhr er die Abraumhalden mit dem Schlitten hinunter. Den aktiven Tagebau kennt er nur von Fotos und aus Erzählungen. Seine Großtante Monika war Baggerfahrerin in Golpa-Nord.

Einst war die Region um Gräfenhainichen vom Tagebau gezeichnet. Übrig geblieben sind fünf Giganten aus Stahl. Den Rest hat sich die Natur zurückgeholt.

Ferropolis – die Stadt aus Eisen.

Braunkohleabbau ohne Unterbrechung

Grigo steht vor einer Metalltreppe mit gelbem Geländer. Neben ihm Sandy und Benjamin Richter, die für eine Führung aus dem nahen Dessau gekommen sind. Sie kennen das Gelände von einem Konzert der Rockband Die Ärzte. 2013 war das. Damals drängten sich mehr als 20.000 Menschen zwischen den Baggern. Heute fährt ein Vater mit seinem Kind Fahrrad, ein anderer sitzt mit zwei Jungen am Strand. „Ohne die Menschenmassen sieht das alles ganz anders aus“, sagt Sandy Richter.

Es geht hoch auf „Gemini“. Bei jedem Schritt dröhnt die Stahlhülle des Abraumbaggers. Oben angekommen, geht der Blick weit über den blau leuchtenden See und die dichten Nadelwälder. Das flache Land wird in der Ferne von sanften Hügeln durchbrochen. Künstliche Kippen – aufgeschüttet aus allem, was nicht Kohle war. „Super Pilzgebiet“, sagt Sandy Richter.

Die 42-Jährige stammt aus dem Nachbarort Oranienbaum. Ihre gesamte Familie hat im Kraftwerk Vockerode gearbeitet. Dort und im Kraftwerk Zschornewitz wurde der Golpa-Nord-Rohstoff zu Strom. Die zwei Kraftwerke benötigten bis zu 19.000 Tonnen Kohle am Tag. Vorräte gab es kaum. Der Abbau musste ohne Unterbrechung laufen: Tag und Nacht, sonntags und an Feiertagen. Bei tiefen Minusgraden sprengte die Nationale Volksarmee den festgefrorenen Boden frei.

Die Braunkohle war das Lebenselixier der DDR. Sie lieferte Wärme und Strom für Wohnungen und Industrie. Ganze Dörfer mussten dem Energieträger weichen. So auch Gremmin. Fast 1.500 Menschen lebten dort, wo sich heute die Sonne über Ferropolis im Wasser spiegelt.

Tanzen unter Stahlgiganten: Fans beim Hip-Hop-Festival Splash.

Foto: Woody Woodsn

Nicht nur die Bagger rosten: Die Karte aus Metall zeigt die Y-förmige Arena.

Bis zu 30.000 Menschen feiern in Ferropolis bei Veranstaltungen. Begrüßt werden sie von einer glitzernden Discokugel.

„Gesamte Lebensgrundlage weggebrochen“

1991 war der Tagebau Golpa-Nord planmäßig ausgekohlt. Eine Erweiterung war seitens der DDR-Regierung nie geplant. Doch das plötzliche Kohle-Aus nach der Wende stürzte viele Menschen in eine existenzielle Krise. Auch die Familie von Sandy Richter: „Die gesamte Lebensgrundlage ist weggebrochen. Mama, Papa, Oma, Opa – alle standen auf der Straße.“ In der Region blieben von 60.000 Kohlearbeitsplätzen am Ende 3.000 für den Rückbau übrig.

Nach der Orientierungslosigkeit kam der Aufbruch: Richters Eltern starteten eine neue Ausbildung, ihre Mutter ist mittlerweile kaufmännische Leiterin eines mittelständischen Betriebs. „Diese Zeit hat bei uns eine Art Urvertrauen geschaffen. Wir wissen seitdem, dass es immer irgendwie weitergeht.“

Der Kampf um Arbeitsplätze und gute Arbeitsbedingungen trieb Sandy Richter in den Betriebsrat. Sie ist die Vorsitzende eines 17-köpfigen Gremiums bei IDT Biologika in Dessau. Das Unternehmen ist ein führender Dienstleister für die Herstellung von Impfstoffen. Außerdem engagiert sie sich in der IGBCE. Sie sitzt im Bezirksvorstand, im Frauenausschuss und in der Ortsgruppe. Ihr Ehemann Benjamin Richter, ebenfalls IGBCE-Mitglied, ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Vertrauensleute bei IDT Biologika.

Die fünf Stahlgiganten: „Big Wheel“, „Gemini“, „Mosquito“, „Mad Max“ und „Medusa“ vor dem Gremminer See.

Bauhaus rettet die Bagger

Zurück am Fuß von „Gemini“. Gästeführer Grigo zeigt auf „Big Wheel“. Der Kohlebagger mit dem Lkw-großen Schaufelrad und den Raupenketten steht etwas abseits, nah am Waldesrand. „Da gehen die Tiere ein und aus“, sagt Grigo und lächelt. Die Natur und der Koloss aus Stahl werden eins. Genau so, wie die Gründer von Ferropolis es wollten. Die Stadt aus Eisen trägt deswegen den Beinamen „Indus­triel­les Gartenreich“.

Die Vision entstand Mitte der 1990er-Jahre am Bauhaus in Dessau. Der Städteplaner Harald Kegler und der damalige Student Martin Brück wollten die fünf Stahlgiganten vor der Verschrottung retten und einen Ort schaffen, wo Industrie, Ruinen und Natur eine besondere Kraft entfalten. „Eine vollkommen verrückte Idee. Überall sonst wurden die Bagger verschrottet“, sagt Grigo. Doch die Idee überzeugte: Die Treuhand gab Mittel für den Erhalt frei – und aus Golpa-Nord wurde ein Projekt der Weltausstellung „Expo 2000“.

Auf dem Drehpunkt des Tagebaus entwarfen die Bauhäusler eine Y-förmige Arena. Um sie herum stellten sie die riesigen Bergbaugeräte und gaben ihnen Spitznamen. Aus Bagger 651 wurde „Mad Max“, aus Absetzer 1022 wurde „Gemini“. Anstelle eines Technikfriedhofs entstand so eine einmalige Eventfläche mit individuellen Stahlmonumenten.

An der letzten Station der Führung drückt Grigo in einem gläsernen Fahrstuhl auf die Zwei. Es geht hoch auf das Dach des größten Tagebaugeräts in Ferropolis: „Medusa“. Der Abraumbagger wurde für mehr als eine Million Euro instandgesetzt und barrierefrei gestaltet.

Wir kommen bestimmt jetzt öfter.

Sandy Richter,
IGBCE-Mitglied

Sanierung für Millionen

Im Herbst 2026 ist die Instandsetzung von „Gemini“ dran. Der Boden unter ihm wellt sich bedrohlich, und die Holzschwellen unter seinen Füßen sind morsch. Das 2.000 Tonnen schwere Gerät muss deswegen für die Sanierung angehoben werden. Kostenpunkt: mehrere Millionen Euro. Das Land Sachsen-Anhalt zahlt den Großteil der Summe. Diskussionen um die Gelder gibt es nicht.

Oben auf der Aussichtsplattform von „Medusa“ schauen Niklas Grigo, Sandy und Benjamin Richter über „Mad Max“ auf den Gremminer See. „Das war alles Mondlandschaft mit Krater und Staub. Jetzt haben wir die sauberste Luft und die beste Wasserqualität“, sagt der Gästeführer. An manchen Tagen komme er eine Stunde eher zur Arbeit. Der Aussicht wegen. „Die ist einfach toll“, sagt Sandy Richter. „Wir kommen bestimmt jetzt öfter.“

Guide: Ferropolis

Ferropolis – Stadt aus Eisen
Weitere Information unter der Karte.

Naturpark Dübener Heide
Weitere Information unter der Karte.

Hotelempfehlung
See- und Waldressort Gröbern
Alte Chausseestraße 1
06774 Muldestausee
DZ ab 80 Euro (ohne Frühstück)
www.seeresort-groebern.de

Hotelempfehlung
Hotel Elbebrücke
Walderseeer Straße 37
06785 Oranienbaum-Wörlitz
DZ ab 58 Euro (mit Frühstück)
www.hotel-elbebruecke.de

Gastronomie
Das Teehäuschen
Friedrichstraße 15,
06844 Dessau-Roßlau
Mediterrane Küche
www.teehaeuschen.com

Gastronomie
Schacht Barbara
Bahnhofstraße 1a,
06773 Gräfenhainichen
Kaukasische Küche
Erlebnisgaststätte

Ferropolis – Stadt aus Eisen
Ferropolisstraße 1
06773 Gräfenhainichen
Aktuelle Öffnungszeiten,
Events und Eintrittspreise unter:
www.ferropolis.de

Bauhausstadt Dessau
Dessau gilt als wichtige Bauhausstadt: Vier Meisterhäuser des Bauhausgründers Walter Gropius können hier besichtigt werden. Sie gehören zum Weltkulturerbe. Daneben zeigt das Bauhaus Museum rund 49.000 Objekte der Kunstschule.
www.bauhaus-dessau.de

Lutherstadt Wittenberg
In Wittenberg schlug Luther seine 95 Thesen an und predigte gegen den Ablasshandel. Vier Welterbestätten können in der Stadt besichtigt werden: die Schlosskirche, die Stadtkirche, das Melanchthonhaus und das Lutherhaus.
www.lutherstadt-wittenberg.de

Naturpark Dübener Heide
Durch die Dübener Heide führen mehrere Radwege zur Bergbau- und Industriegeschichte, etwa die 35 Kilometer lange See-Wald-Eisen-Tour. Wanderwege beschäftigen sich mit Martin Luthers Wirken oder mit dem Sonnensystem.
www.naturpark-duebener-heide.de