Praxis & Wissen

Arbeitgebercheck

Foto: Picture Alliance | Jochen Eckel

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Unter Druck

Text Stefan Kohl

Das Energieunternehmen BP mit der Tankstellenmarke Aral galt lange als sehr guter und sicherer Arbeitgeber. Doch inzwischen ist der Umgang mit den Beschäftigten rauer geworden. Grund dafür sind der Kostendruck durch internationale Konkurrenz und hohe CO₂-Preise. Zudem belastet der drohende Verkauf der größten Raffinerie die Stimmung.

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BP

Die Geschichte von BP beginnt 1904 mit der Deutschen Petroleum-Aktiengesellschaft. Sie geht 1906 in der Europäischen Petroleum-Union (EPU) auf und gründet die britische Vertriebsgesellschaft British Petroleum Company. 1926 verschmelzen das Zentralbüro der österreichischen und ungarischen Raffinerien mit der EPU zur OLEX Deutsche Petroleum-Verkaufsgesellschaft, aus der 1974 die Deutsche BP AG hervorgeht. Nach dem Zweiten Weltkrieg baut BP seine Präsenz im deutschen Mineralölmarkt aus und erwarb Anfang der 2000er-Jahre Aral. 2010 werden das Tankstellen- und das Raffineriegeschäft mehrerer europäischer Länder in der BP Europa SE mit Sitz in Hamburg gebündelt. Während der Konzern global hohe Gewinne erzielt, ist die Situation an den deutschen Standorten durch massiven Kostendruck und Investorenerwartungen angespannt. Das Unternehmen kämpft mit dem Rückgang bei fossilen Kraftstoffen, der sich noch nicht durch Wachstum bei der Elektromobilität auffangen lässt. Zudem sorgt die Verlagerung von Aufgaben ins Ausland für Unruhe. Politische Unsicherheiten wie bei der Industrie- und Verkehrspolitik und der Regulierung synthetischer Kraftstoffe verschärfen den Druck auf die energieintensiven Raffinerien.

Gründung 2010

Rechtsform Europäische Aktiengesellschaft (SE)

Mutterkonzern BP p.l.c. mit Sitz in London

Umsatz (2024) 45.768 Mio. Euro, Deutschland: 35.030 Mio. Euro

Investitionen 725 Mio. Euro, 569 Mio. Euro davon in Deutschland

Marken BP, Aral, Castrol (Schmierstoffe)

Beschäftigte rund 9.000, etwa 4.000 davon in Deutschland

Arbeitsumgebung

BP ist als bedeutender Arbeitgeber an allen Standorten stark verwurzelt. Dem guten Image konnten auch die Herausforderungen in der Energiebranche bisher nur wenig anhaben. Die Bindung der Belegschaft ist oft über Generationen gewachsen. Dazu kommen immer noch überdurchschnittliche Sozialleistungen wie Jubiläumsgelder, Boni, eine betriebliche Altersvorsorge, Lebensarbeitszeitkonten und Gesundheitsangebote. In Lingen unterstützt das Unternehmen zudem Beschäftigte in Notlagen über einen Sozialverein. In Gelsenkirchen unterstreichen ein jährliches Treffpunktseminar und regionale Förderprojekte wie der Matching Fund, der örtliche Vereine unterstützt, die soziale Einbettung des Betriebs. Während in Gelsenkirchen und Lingen klassische Kantinen das Personal gut versorgen, wurde in Bochum auf ein abgespecktes Bistro-Konzept umgestellt.
In der Verwaltung sind Arbeitsmodelle mit 60 Prozent Präsenz und 40 Prozent Homeoffice sowie Vertrauensarbeitszeit etabliert. In der Produktion werden verschiedene Schichtmodelle praktiziert (wie vier und fünf Schichten sowie Vollkonti). Die Nachwuchsförderung bleibt strategisch wichtig, auch wenn die Zahl der Ausbildungsplätze aufgrund sinkenden Bedarfs tendenziell rückläufig ist. Besonders für die dualen Studiengänge gibt es viele Bewerbungen.

Betriebsklima

Das Betriebsklima wird als grundsätzlich positiv beschrieben, geprägt durch ein gutes Miteinander im Kollegium. Allerdings ist die frühere Leichtigkeit einer spürbaren Verunsicherung gewichen. Gründe hierfür sind die permanenten Reorganisationen und der fortschreitende Stellenabbau. Dass es keine expliziten Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung gibt, weckt weitere Existenzsorgen. Kritik üben die Beschäftigten häufig an der zunehmenden Arbeitsverdichtung infolge des Personalabbaus.
Regelmäßige Mitarbeitergespräche sind gang und gäbe. Ein Kritikpunkt daran ist das Performance-Management-System: Die Pflicht zur Identifikation von Low-Performern wird als demotivierend und stressfördernd empfunden. Während Überstunden in der Verwaltung meist durch Freizeit ausgeglichen werden, fallen in der Produktion zum Teil erhebliche Mehrarbeiten an, die sich oft schwer abbauen lassen. Insgesamt wird die Atmosphäre als „angespannte Ruhe“ beschrieben, da alle auf Klarheit über die zukünftige Ausrichtung warten. Besonders belastend ist die Lage in Gelsenkirchen aufgrund der seit über einem Jahr laufenden Verkaufsverhandlungen. Mitte März hat das Unternehmen eine Vereinbarung zum Verkauf der Raffinerie Gelsenkirchen sowie der damit verbundenen Geschäftsbereiche an die Klesch-Gruppe geschlossen, was die Unsicherheit noch verschärft.

Mitbestimmung

Bei BP wird eine ausgeprägte Mitbestimmung gelebt. Es gibt aktive Betriebsräte, Gesamt- und Konzernbetriebsräte sowie Schwerbehinderten-, Jugend- und Auszubildendenvertretungen. Die Zusammenarbeit zwischen den Arbeitnehmervertreterinnen und -vertretern und dem Management wird grundsätzlich als gut bewertet, wobei die IGBCE eng eingebunden ist. Trotzdem existieren Reibungspunkte: Der Arbeitgeber informiert die Gremien teilweise spät über strategische Entscheidungen, insbesondere wenn diese aus der Zentrale in London oder aus den USA kommen. Aus Gewerkschaftssicht wird die Sozial­partner­schaft zunehmend auf die Probe gestellt: Der Arbeitgeber teste häufiger Grenzen aus.
Geschätzt werden die zahlreichen Betriebsvereinbarungen. Sie regeln beispielsweise ein mögliches Sabbatical, den Einsatz von künstlicher Intelligenz sowie die Leistungskontrolle. Kontrovers diskutiert werden Themen wie Stellenabbau, Stilllegungen, Standortverlagerungen, Auslagerungen in Niedriglohnländer und die Ausgestaltung der Homeoffice-Regelungen.
Die Wiederwahlquoten für die Betriebsräte sind hoch. Das unterstreicht deren Rückhalt in der Belegschaft. Die Herausforderung für die Mitbestimmung liegt vor allem darin, bei global getroffenen Konzernentscheidungen die lokalen Interessen der deutschen Standorte wirksam zu vertreten.

Tarifbindung

Die Tarifbindung bei BP ist stabil, aber – historisch bedingt uneinheitlich. In Gelsenkirchen gilt der Flächentarifvertrag der chemischen Industrie mit einer 37,5-Stunden-Woche, während für Lingen und die Verwaltung in Bochum spezifische Haustarifverträge abgeschlossen wurden.
Die zurückliegende Tarifrunde war äußerst konfliktgeladen. Der Arbeitgeber forderte Einsparungen von rund 25 Prozent, die 40-Stunden-Woche, Einschnitte bei Sozial- und Abfindungsleistungen sowie Herabgruppierungen. Die hohen Forderungen wurden auf der Arbeitnehmerseite als Provokation empfunden. Erst nach massivem gewerkschaftlichen Druck („So dicht vor einem Arbeitskampf standen wir noch nie“) wurde ein Kompromiss erzielt: In der Verwaltung bleibt die Bestandsbelegschaft geschützt, doch für Neueinstellungen ab 2026 gelten schlechtere Bedingungen. Dieser Zwei-­Klassen-­Tarif wurde akzeptiert, um eine Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland zu verhindern.
Der geplante Verkauf der Raffinerie in Gelsenkirchen birgt zusätzliche Tarifrisiken: Ein neuer Eigentümer könnte durch den Austritt aus dem Arbeitgeberverband die Flächentarifbindung aufkündigen, Haustarifverträge mit schlechteren Konditionen durchsetzen wollen und sämtliche freiwilligen Leistungen neu verhandeln.

Zukunftsfähigkeit

Die Zukunftsfähigkeit der BP-Standorte wird durch die Energiewende auf die Probe gestellt. Das Unternehmen konzentriert sich auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektromobilität und auf Wasserstoffprojekte. So soll in Lingen bis 2027 ein Wasserstoff-Elektrolyseur für den Eigenbedarf und zur Einspeisung ins Wasserstoff-Kernnetz in Betrieb gehen. Das reicht aber nicht, um den Standort langfristig zu sichern. Zudem sind Wasserstoffanlagen weniger personalintensiv als klassische Raffinerien und bieten keine gleichwertige Beschäftigungsperspektive.
Die Produktion fossiler Energieträger wird in Lingen vermutlich noch mindestens bis 2034 fortgeführt. Was danach kommt, bleibt vage. Perspektiven für den Standort sieht die IGBCE nur, wenn Industriepolitik und Konzernstrategie verlässliche Rahmenbedingungen schaffen.
Während Bochum als Zentrale und Forschungsstandort für alternative Kraftstoffe wichtig bleibt, soll der Verkauf der Raffinerie in Gelsenkirchen in der zweiten Jahreshälfte 2026 abgeschlossen sein.
Ein wachsendes Problem ist der Fachkräftemangel in technischen Bereichen, da die unsicheren Zukunftsaussichten die Nachwuchsgewinnung erschweren.

Das sagt BP

Das Unternehmen hat die Anfragen von Profil bis Redaktionsschluss unbeantwortet gelassen und keine Stellung bezogen.

Unser Fazit

BP befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Die deutschen Standorte stehen unter massivem Kostendruck durch den Mutterkonzern. Stellenabbau, Verlagerung von Aufgaben ins Ausland, zunehmende Arbeitsverdichtung bei gleichzeitigen Leistungskürzungen und aggressive Tarifverhandlungen sorgen für Unmut. Verkaufs­verhandlungen und Stilllegungs­drohungen schüren zusätzlich Unsicherheit.
Entscheidend für die Zukunft der deutschen Raffinerien sind vor allem drei Faktoren: verlässliche politische Rahmenbedingungen mit niedrigeren CO2-Preisen, Investitionen in neue Technologien mit echter Beschäftigungswirkung und die Bereitschaft des Konzerns, langfristig zu den Standorten zu stehen.

Quellenhinweis: Dieser Arbeitgebercheck basiert auf Recherchen bei Beschäftigten, Betriebsräten, Vertrauensleuten sowie Betriebsbetreuerinnen und -betreuern der IGBCE. Die zusammen­getragenen Informationen sind aus Gründen des Quellenschutzes bewusst anonymisiert. Jede Angabe kann jedoch konkret bestimmten Quellen zugeordnet werden. Zudem wurden öffentlich zugängliche Quellen einschließlich der Angaben des Unternehmens selbst genutzt.