Video: Nach Initiative des Betriebsrats – Projekt Werra 2060 macht K+S-Werk zukunftssicher.
Glück auf!
In die Zukunft!
Dem K+S-Werk Werra drohte Ungemach bis hin zur Schließung. Doch eine kämpferische Betriebsratsspitze bündelte das Know-how der Kumpel und macht nun zusammen mit der Konzernleitung den Standort in Rekordtempo zukunftssicher. Zu Besuch bei Bergleuten, die gerade ihre eigenen Jobs retten.
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Carolin Günther im Gespräch mit Bergleuten im Revier 11 Südost, darunter die Betriebsräte Stefan Böck (Dritter von rechts) und André Bahn (Zweiter von rechts).
Glück auf!“, sagt André Bahn, als er mit Stefan Böck in den Förderkorb steigt, der mit zwölf Metern pro Sekunde den Schacht hinabsaust. Unten, in 750 Metern Tiefe, drücken die Arbeitsschuhe der Kumpel ihr Profil in grauweißes Salz, aus dem hier Straßen, Wände und Decken sind. Entstanden ist die Salzlagerstätte mit den beiden Flözen genannten Schichten aus Kalisalz vor etwa 250 Millionen Jahren, als urzeitliche Meere in der heutigen Mitte Deutschlands verdunsteten. Seit mehr als hundert Jahren holt man die wertvollen Mineralien aus dem Berg.
Das hier ist das Revier von André Bahn – oder besser gesagt, es war sein Revier. Zwanzig Jahre ist er als Elektriker in die Grube eingefahren, die meisten Kumpel kennt er noch, die Maschinen sowieso. „Einfahren, das ist für mich wie nach Hause kommen“, sagt der 56-Jährige. Stefan Böck, fünfzig Jahre, geht das genauso. Er hat hier als Wachmann angefangen und sich dann mit viel Einsatz in der Welt der Bergleute hochgearbeitet. Und ohne Bahn, den Betriebsratsvorsitzenden des K+S-Werks Werra, und seinen Stellvertreter Böck wäre dieses zweite Zuhause vielleicht mittlerweile Geschichte.
Denn 2020 kündigte der K+S-Vorstand für das mit 4.500 Mitarbeitenden größte Werk im Konzern umfassende Restrukturierungen an. Die Umweltauflagen wurden immer höher, die Energiekosten auch, dazu der sich verschlechternde Wertstoffgehalt im Kalisalz aufgrund der Beschaffenheit der Lagerstätte und die langen Transportwege unter Tage – das Werk Werra war im Vergleich zu den Wettbewerbern in Russland, Belarus und Kanada ins Hintertreffen geraten. Bei der Betriebsversammlung dämmerte es auch den Optimistinnen und Optimisten, dass sogar die Schließung nicht mehr ausgeschlossen war. „Bergleute jubeln nicht, wenn sie die Worte Transformation oder Restrukturierung hören – die denken dann: Oha, jetzt ist Schicht im Schacht“, sagt André Bahn. Sein Kollege Böck erinnert an die Schließung vieler Kalibergwerke in den 1990ern, alle hier kennen die Fotos der hungerstreikenden Kumpel aus Bischofferode. Bahn und Böck dachten sich: Bevor wir hier zu viel hoffen, packen wir lieber an.
Ich habe gedacht, diese Taktung überleben wir nicht.
Stefan Böck,
stellvertretender Betriebsratsvorsitzender
39 Maßnahmen, 75 Seiten, eine Fahrt nach Kassel
Der Plan: Maßnahmen sammeln, um das Werk fit für die Zukunft zu machen. Also schmissen sich Bahn und Böck in die Arbeit. Betriebsratsvorsitzender und Stellvertreter verstehen sich als Doppelspitze. Gemeinsam mit den Betriebsrätinnen und Betriebsräten sowie den Mitarbeitenden vom Werk Werra erarbeiteten sie Maßnahmen zur Standort- und Beschäftigungssicherung und fassten diese zusammen. Mit 39 Maßnahmen auf 75 Seiten Papier in der Tasche fuhren sie nach Kassel, legten ihr Konzept „Zukunftssicherung Werk Werra“ dem damaligen zweiköpfigen Vorstand vor. „Lieber Vorstand, ihr könnt in die Geschichte eingehen als die, die das Werk beerdigt haben, oder als die, die 4.500 Arbeitsplätze gesichert haben“, sagte Stefan Böck dort – dann fuhren die beiden Betriebsräte wieder nach Hause.
36 Stunden später bekamen sie ihr Papier zurück – mit handschriftlichen Einordnungen und Nachfragen. Es ist der Beginn einer beeindruckenden Zusammenarbeit von Betriebsrat und Unternehmensspitze in einem Lenkungskreis, mit vielen, vielen Sitzungen mit Fachleuten von innen und außen. „Ich habe zwischendurch gedacht, diese Taktung, dieses Tempo, das überleben wir nicht“, sagt Stefan Böck, lacht und schiebt leise hinterher: „Aber war schon cool, dabei zu sein.“ Nach einem Jahr Vollgas stand ein gemeinsames Projekt: Werra 2060.
Grau-weißes Gold: In 750 Metern Tiefe sind Straßen, Wände und Decken aus Salz.
Diese Förderanlage wird nicht brauchbares Salz als Rückstand aus der Aufbereitung zum Verfüllen unter Tage bringen.
Kein Abwasser mehr
Das Projekt soll die Kaliproduktion nicht nur wettbewerbsfähig halten, sondern auch den CO₂-Ausstoß und die Produktionswässer des Werks halbieren. Zentrale Punkte: Der Standort setzt oben, in der Fabrik Wintershall, auf ein elektrostatisches Aufbereitungsverfahren, bei dem kein Abwasser mehr anfällt – das „teuerste“ Problem der Branche. Darauf folgt die Granulierung am benachbarten Standort Unterbreizbach zum fertigen Düngemittel. Unten, in der Grube Hattorf-Wintershall, kommt ein neues Abbauverfahren zum Einsatz. Dabei werden die Pfeiler zunächst mit Versatzmaterial ummantelt, dann wird aus ihnen Kali in höchster Qualität abgebaut und der entstandene Hohlraum danach mit dem nicht nutzbaren Rückstandssalz aus der Aufbereitung wieder verfüllt. Kaum noch Abwasser in die Werra, praktisch kein neuer Abraum mehr auf die große, weiße Halde – und zusätzliches hochwertiges Rohsalz aus dem Sekundärabbau. Überall bei K+S ist man stolz auf dieses Projekt. Rund 600 Millionen Euro investiert der Konzern in diese Transformation.
Wie Werra 2060 unter Tage aussehen wird, das zeigen André Bahn und Stefan Böck an einem Freitagmorgen im Januar 2026. Im weißen Minibus geht es einige Kilometer bis ins Revier 11 Südost. In einem Seitentunnel stehen Stellwände mit Karten der Grube neben einem Bürocontainer. Carolin Günther ist eine der wenigen Frauen im Bergwerk. „Wir sind jetzt bei Pfeiler 8“, sagt sie und zeigt auf die Detailkarte des Abbaureviers. Die bis zu vierzig mal vierzig Meter großen Pfeiler, die beim Abbau stehen bleiben, werden erst von drei Seiten mit Versatzmaterial eingepackt und damit stabilisiert, dann in der Mitte entkernt, und zum Schluss wird der neue Hohlraum wieder aufgefüllt. „Wir prüfen permanent, wie sich das Salz verhält“, erklärt Günther.
Die Umstellung geht durch das ganze Unternehmen – auch der Vertrieb und die Entwicklung sind gefordert.
André Bahn,
Betriebsratsvorsitzender
Die Transformation hat auch Auswirkungen auf das Produktportfolio: Durch das in Zukunft rein trockene Produktionsverfahren setzt K+S verstärkt auf Korn-Kali, einen kombinierten Dünger aus Kalium und Magnesium mit Schwefel. „Die Umstellung geht durch das ganze Unternehmen – auch der Vertrieb und die Entwicklung sind gefordert“, sagt Betriebsrat Bahn. Neue Produktion, neue Märkte, neue Chancen – so sieht er das. Der Dünger eigne sich besonders für von Klimawandelfolgen betroffene Gebiete – ein Wachstumsmarkt.
„Das ist ein Naturprodukt“, sagt Stefan Böck. Zugelassen sei das fertige Produkt auch im Öko-Landbau, ergänzt er. Der Abbau folgt einem Gewinnungszyklus: Am Ende jeder der drei Schichten, wenn alle Kumpel oben angekommen sind, wird gesprengt. Die nächste Schicht fährt dann ein, die abgesprengten Salzstücke werden zu den Kippstellen gebracht, wo sie zerkleinert und über Förderbänder in die oberirdische Fabrik gebracht werden, um sie dort weiterzuverarbeiten.
2028 wird mit der Umsetzung des Projekts Werra 2060 zwar immer noch das Kalisalz nach oben gefördert, gleichzeitig sollen aber jeden Tag auch Tausende Tonnen Versatzmaterial, also nicht brauchbares Salz als Rückstand aus der Aufbereitung, durch den Schacht wieder unter Tage gebracht werden.
Wichtiger Bestandteil von Werra 2060: K+S-Mitarbeiter neben dem Ende einer Förderanlage am Testfeld. Sie liefert Material zum Verfüllen an.
Viele Tausend Tonnen müssen plötzlich in den Berg
Damit die dafür zusätzlich benötigten Förderanlagen dann auch wirklich laufen, braucht es Menschen wie Christian Osinsky. Der große, freundliche Mann ist Reviersteiger, also Aufsicht für einen größeren Bereich unter Tage, und kümmert sich unter anderem um die Streckenaufwältigung. So nennen es die Bergleute, wenn sie einen alten Bereich für neue Aufgaben vorbereiten. Osinskys Leute sprengen sich voran oder fräsen mit der Teilschnittmaschine an Decke und Wänden, bis die Strecke für den Einbau der Fördertechnik breit und hoch genug ist. Zehn bis fünfzehn Meter schafft sein Team am Tag. Der nächste Trupp hängt dann die Förderanlage an die Decke. Rund 21 Kilometer lang wird die Bandanlage vom Schacht bis zum entferntesten Sekundärabbaufeld am Ende sein – etwa ein Drittel ist im Januar 2026 geschafft, erklärt Frederic Posch, der als Leiter bergtechnische Planung das Projekt unter Tage betreut. Neu ist der Sekundärabbau für K+S nicht, in der Grube Unterbreizbach in Thüringen macht man das schon seit mehr als zehn Jahren. „Aber das Zusammenspiel, das alles als Kreislaufmodell zu sehen, das macht Werra 2060 einmalig“, sagt André Bahn.
Die Betriebsräte sind viel unterwegs. Werra 2060 haben sie auch dem früheren Wirtschaftsminister Robert Habeck vorgestellt. „Wir sind sogar im Lobbyregister in Berlin eingetragen“, sagt André Bahn und lacht. Er hat schon das Gefühl, dass die Politik verstanden hat, welche Bedeutung so ein Werk heute hat. „Wir stellen am Werk Werra knapp die Hälfte der europäischen Kaliprodukte her. Wir stehen hier am Anfang der Wertschöpfungskette, versorgen rechnerisch zehn Prozent der Landwirtschaft auf der ganzen Welt“, sagt er.
Stefan Böck ergänzt: „Es geht ja längst nicht nur um Landwirtschaft und Ernährung. In der Chemie, in der Glasindustrie oder für jede Kochsalzlösung im Krankenhaus braucht es unser Salz.“ Rhetorische Frage an die Politik: Will man das wirklich Akteuren wie Russland oder Belarus überlassen?
Wir zeigen, was durch Mitbestimmung und Einsatz möglich ist.
André Bahn,
Betriebsratsvorsitzender
Der Prozess läuft
Neunzig Prozent der Kumpel am Standort sind IGBCE-Mitglieder. „Wir haben gezeigt, was durch Mitbestimmung und Einsatz möglich ist“, sagt André Bahn. Und damit meint er nicht nur die Maßnahmensammlung für Werra 2060. Auch jetzt, mitten im Projekt, führen die Betriebsräte immer wieder Gespräche, informieren, holen die Sorgen ein, die manche beim Umbau des Standortes umtreibt. Denn nicht jeder Arbeitsplatz wird am Ende des Prozesses noch so aussehen wie zuvor. 28 Gruppengespräche wurden an den Standorten des Werks organisiert, das Unternehmen hat mehr als 500 Einzelgespräche durchgeführt – auf Wunsch auch mit Beteiligung der Betriebsräte.
Der Prozess läuft, das Projekt liegt im Zeitplan. Die Transformation soll das Werk nicht nur in eine lange Zukunft führen. Sie ist auch eine Art Neustart. „Ich habe schon das Gefühl, dass hier das ganze Werk noch enger zusammenwächst“, sagt Stefan Böck. Sein Kollege André Bahn nickt. Ihr Weg ist noch nicht zu Ende.