Das ist tabu
Familienplanung? Schulden? Parteimitglied? Im Vorstellungsgespräch werden Bewerberinnen und Bewerbern manchmal Fragen gestellt, die nicht zulässig sind. Wenn dir das passiert, solltest du dich dadurch nicht aus der Ruhe bringen lassen – und selbst Fragen stellen.
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Foto: Stefan Koch
Fragen gehören im Vorstellungsgespräch selbstverständlich dazu: „Was sind Ihre Stärken, was Ihre Schwächen?“, „Und warum denken Sie, Sie sind der Richtige für den Job?“ – das sind nur einige der eher harmlosen Erkundigungen, die auf dich zukommen können. In der Regel wollen Arbeitgeber so herausfinden, ob ihr Gegenüber fachlich und persönlich ins Unternehmen passt. Doch der potenzielle Arbeitgeber darf nicht alles, was ihn vielleicht interessiert, tatsächlich ansprechen.
„Fragen zu persönlichen Lebensumständen sind in Vorstellungsgesprächen nicht erlaubt“, sagt Peter Voigt, Leiter im Ressort Recht der IGBCE-Abteilung Mitbestimmung/Recht. „Auch Themen wie Gesundheitszustand, Schulden, Familienplanung, Religionszugehörigkeit oder Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft sind tabu. Darauf musst du also keine Antwort geben“, so der Rechtsexperte.
„Allerdings gibt es bedingt zulässige Fragen. Und zwar, wenn ein berechtigtes berufliches Interesse des Unternehmens oder des Arbeitgebers besteht.“ So dürfe bei einer Bewerbung im Heil- oder Pflegebereich zum Beispiel eine HIV-Infektion nicht verschwiegen werden. In bestimmten Branchen sind sogar Fragen nach Vorstrafen erlaubt. „Wer sich zum Beispiel als Kassierer oder Kassiererin bewirbt, muss hier ehrlich antworten“, erklärt Voigt. Auch eine anzutretende Haftstrafe müsse gegenüber dem potenziellen Arbeitgeber mitgeteilt werden, ebenso wie der „Verlust“ des Führerscheins, wenn die Fahrtätigkeit zum Beruf gehört.
Zurück zu den Tabuthemen: Was also tun, wenn im Vorstellungsgespräch unangemessene Fragen gestellt werden und sich der potenzielle Arbeitgeber beispielsweise nach dem Kinderwunsch oder der Parteizugehörigkeit erkundigt? „Zu schweigen oder mit einer schroffen Bemerkung zu reagieren, ist nicht ratsam“, meint der Jurist. „Wenn du glaubst, dass du durch eine ehrliche Antwort Nachteile bei der Bewerbung haben wirst, darfst du getrost die Unwahrheit sagen. Selbst wenn der Chef davon später erfahren sollte, wird es keine rechtlichen Konsequenzen geben.“ Manchmal handle es sich lediglich um eine Art Stresstest – der Arbeitgeber wolle sehen, wie der Kandidat beziehungsweise die Kandidatin auf Druck reagiert.
Nachgefragt bei Peter Voigt
Eigeninitiative zeigen
Eine mögliche Reaktion könnte auch eine Gegenfrage sein. „Ein Vorstellungsgespräch muss keine Einbahnstraße sein“, sagt Bastian Hughes, Gründer der Firma Berufsoptimierer und Moderator des gleichnamigen Podcasts. Bewerberinnen und Bewerber sollten das Gespräch nutzen, um abzuklopfen, ob der Betrieb, die Arbeit und das Umfeld passen würden.
„Selbst Fragen zu stellen, das signalisiert dem Arbeitgeber, dass du dich vorbereitet hast oder dass du dir schon Gedanken darüber gemacht hast, wie du dein Wissen einbringen könntest. Außerdem gibt dir das die Gelegenheit, mehr über den Job, das Unternehmen, die Aufgaben und das Team zu erfahren“, erklärt Hughes.
Zudem könne es Missverständnisse ausräumen. „Steht in der Stellenbeschreibung ,Verantwortung übernehmen und selbst gestalten‘, klingt das zwar gut, bleibt aber unklar. Hier lohnt es sich, die konkreten Aufgaben, Zuständigkeiten, Zeitpläne und Ziele zu thematisieren“, meint der Karrierecoach und rät, unbedingt nach den Erwartungen zu fragen: „Was wird konkret verlangt?“ Hughes weiter: „Wenn es dazu keine genauen Informationen gibt, kannst du davon ausgehen, dass auch die Arbeitsbedingungen im Unternehmen wenig Struktur haben.“
Und was steckt hinter der Formulierung, dass im Betrieb eine „familiäre Atmosphäre“ herrscht? „Du solltest herausfinden, was das bedeutet“, meint der Karrierecoach. „Vielleicht heißt das: Mittags gehen alle gemeinsam essen. Vielleicht aber auch: Überstunden sind bei uns selbstverständlich.“
Weitere Rückfragen, könnten auch sein:
- Wie sieht meine Einarbeitung konkret aus?
- Wie lässt sich ein typischer Arbeitstag in dieser Position beschreiben?
- Mit welchen Herausforderungen muss ich in den ersten drei Monaten rechnen?
- Wie groß ist die Abteilung, in der ich arbeiten werde?
- Wie setzt sich das Team strukturell und fachlich zusammen?
- Welche Projekte stehen aktuell im Fokus der Abteilung?
- Wie würden Sie die Kultur im Unternehmen beschreiben?
Wichtig ist auf jeden Fall, dass du dich auf ein Vorstellungsgespräch gut vorbereitest. Je besser, desto leichter lassen sich die Warnsignale deuten.
Bastian Hughes,
Gründer der Firma Berufsoptimierer
Unseriöse Spielchen
Die Alarmglocken sollten allerdings schrillen, wenn das Vorstellungsgespräch in Spielchen ausartet, beispielsweise mit Fragen wie: Wenn Sie ein Verkehrszeichen wären, welches würden Sie sein? „Hier solltest du überlegen, ob das nicht schon ein Wink ist, sich anderweitig umzusehen“, sagt der ehemalige Personaler, der in seiner Coaching-Arbeit von immer absurderen Tests gehört hat. „Auch wenn du schon im Vorstellungsgespräch überzeugt bist, dass der Job nichts für dich ist, solltest du dich professionell verhalten – nicht einfach aufstehen und die Tür zuknallen“, rät Hughes. Am besten, man reflektiere alles später in Ruhe und mit ein wenig Abstand.
„Wichtig ist auf jeden Fall, dass du dich auf ein Vorstellungsgespräch gut vorbereitest. Je besser, desto leichter lassen sich die Warnsignale deuten“, sagt der Experte. Dabei könne es auch helfen, auf den einschlägigen Bewertungsportalen zu schauen, welche Erfahrungen andere gemacht haben. „Auch wenn das natürlich immer nur eine subjektive Sicht ist.“