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Video: Warum die Mobbingprävention von Martin Dolle auch für Gewerkschaftsmitglieder nützlich ist.

Gewaltfrei glücklich

Text André Boße – Fotos Sofia Brandes

Als Fachkraft für Gewaltprävention und Fachcoach für Mobbingprävention/Intervention hat IGBCE-Mitglied Martin Dolle eine zweite Berufung gefunden. Sein Ziel: es gar nicht erst zur Eskalation kommen lassen. In seinen Kursen vermittelt er dafür Strategien und Methoden – bald auch in Seminaren für andere IGBCE-Mitglieder.

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Dolle kommt einem Teilnehmer bedrohlich nah. Hier ist es nur gespielt. Im Kurs vermittelt er, wie sich solche Situationen vermeiden lassen.

Stopp!“ Der Schrei ist markerschütternd laut. Allen Anwesenden in der Halle des Trainingszentrums Mutig und Stark in Wuppertal stockt der Atem. Martin Dolle wartet ein paar Sekunden, um seinen Schrei wirken zu lassen. Dann sagt er, nun mit ruhiger Stimme: „Gut so.“ Dolle hat sein Ziel erreicht, nämlich die anderen in eine Schockstarre zu versetzen. Als diese sich langsam wieder löst, fragt er die Teilnehmenden des Gewaltpräventionskurses, was so ein lauter Schrei bezwecken könnte, wenn Gefahr droht. „Wäre ich eine Angreiferin, hätte ich mich tierisch erschrocken“, sagt Priscilla, 24 Jahre alt. „Jeder, der in der Nähe ist, bekommt mit, dass hier etwas im Gange ist“, ergänzt Dominik, 24. Der Kursleiter nickt: „Der Angreifende erstarrt, die Umstehenden sind alarmiert – besser geht’s nicht, denn dadurch wird eine Eskalation weniger wahrscheinlich. Und das ist das Ziel.“

Kampfsportler im Lockdown

Dolle arbeitet hauptberuflich als Feuerwehrmann und Rettungssanitäter im Chemiepark Marl; seit seiner Ausbildung ist er Mitglied der IGBCE. Der 49-Jährige ist ein geselliger Typ, betreibt Kampfsportarten wie Boxen, Kickboxen oder Krav Maga, ein in Israel entwickeltes System zur Selbstverteidigung. Als es im Zuge der Pandemie zu den Lockdowns kam, musste er viel Zeit zu Hause verbringen. „Ich hatte plötzlich sehr viel freie Zeit und merkte: Mir fehlt etwas. Etwas für mich. Aber auch etwas, das ich anderen Menschen geben kann.“

Ein paar Monate lang dachte er nach, dann reifte in ihm die Idee, seine Begeisterung für Kampfsport zu nutzen, um sich für das Thema Gewalt- und Mobbingprävention zu engagieren. Zu seinem Anlaufpunkt wurde das Trainingszentrum Mutig und Stark, beheimatet in einer umgebauten Industriehalle im Wuppertaler Stadtteil Oberbarmen. „Diese Einrichtung ist eine in Deutschland ziemlich einzigartige Mischung aus Begegnungszentrum und Fitnessstudio“, beschreibt Dolle das Konzept. „Ein Ort, an dem junge Menschen übers Training und über soziale Kontakte Selbstbewusstsein gewinnen.“

Anfang 2023 erhielt er die Gelegenheit, einen Ausbildungskurs für Gewaltprävention und Selbstverteidigung in einer ähnlichen Einrichtung in Stuttgart zu belegen, der ihm durch Mutig und Stark ermöglicht und finanziert wurde. „Ich war sofort Feuer und Flamme“, erinnert er sich an die ersten Einheiten.

Er absolvierte den Kurs mit großem Enthusiasmus, seit Ende 2023 ist er lizenzierte Fachkraft für Gewaltprävention. Und sein Weg ging noch weiter. „Ein häufiger Auslöser für Gewalt sind Mobbingerfahrungen, weshalb es sinnvoll war, mich auch in diesem Thema fortzubilden.“ Nach einer Schulung in Mülheim an der Ruhr ist Dolle zusätzlich Fachcoach für Mobbingprävention/Intervention. „Beide Schulungen haben mein Leben verändert“, sagt er. Seit 2024 gibt er Kurse für Gewalt- und Mobbingprävention (www.dollegp.de) – für Jugendliche und Lehrkräfte, in Unternehmen und bei Behörden. „Ich gehe in diesen Themen auf, empfinde meine Kurse als Erfüllung, die mich glücklich macht.“

Ich empfinde meine Kurse als Erfüllung.

Martin Dolle,
Gewalt- und Mobbingprävention/Intervention

Selbst ein Betroffener

Sein enormes Interesse an Mobbing und Gewalt hat auch etwas mit persönlichen Erfahrungen zu tun, die Dolle als Kind erleiden musste. „In der Schule hat mich ein älterer Schüler so sehr drangsaliert, seelisch wie körperlich, dass ich wirklich Todesangst hatte.“ Niemand schien sich damals für seine Not zu interessieren. Nicht die Lehrkräfte. Nicht seine Eltern. „Beide waren liebevolle Menschen, aber bei pädagogischen Fragen waren sie hilflos. Es gab keinen Menschen, den ich hätte ansprechen können.“ Ein solcher Mensch will Dolle nun selbst sein. Jemand, der anderen Auswege aus Gewaltsituationen vermittelt. „Ich sehe mich als Beschützertyp. Als jemand, der anderen dabei hilft, kein Opfer zu werden.“

Zurück in die Industriehalle von Mutig und Stark, wo Dolle eine neue Übung vorbereitet. Der Kurs ist bunt gemischt, mit sechs Teilnehmenden zwischen 17 und 62 Jahren. Der Coach lässt die Gruppe einen Kreis bilden, er stellt sich in die Mitte und warnt: „Jetzt wird’s unangenehm.“ Er schüttelt sich kurz, dann setzt er einen bedrohlichen Blick auf und stellt sich ganz dicht vor Kursteilnehmer Stephan, 51. Dolle kommt ihm unerträglich nah. Eine echte Konfrontation. Die beiden Männer stehen Nase an Nase, und man merkt Stephan an, wie unbehaglich diese Situation für ihn ist. Obwohl er weiß, dass dies eine Übung ist – und Martin Dolle ein netter Typ.

Der Coach macht nun die Runde, baut sich auch vor den anderen Teilnehmenden auf. Alle reagieren. Einige weichen zurück. Andere lachen, aber eher gequält und unsicher. Nur Priscilla bleibt ruhig, erwidert bemerkenswert stoisch den Blick. „So cool zu bleiben, hat mich wahnsinnig viel Kraft gekostet“, gesteht sie hinterher. Allen Teilnehmenden wird klar, dass man so eine Nähe im besten Falle gar nicht erst zulassen darf.

Droht die Gewalt zu eskalieren, kann es notwendig sein, sich dem potenziellen Täter mit aller Kraft entgegenzustellen.

Sieben Positionen, die schützen

Sinn der Übung ist es, zu zeigen, dass Gewalt keinen direkten Körperkontakt, keine Worte und keine Waffen braucht. „Viele denken, dass Kommunikation hauptsächlich vom Inhalt gesprochener Worte bestimmt wird, aber das stimmt nicht“, erklärt Dolle und bringt die 7-38-55-Regel ins Spiel: „Danach liegt der Einfluss der Wortinhalte auf die Wirkung von Kommunikation bei nur sieben Prozent. Der paraverbale Teil, also mein Tonfall oder die Lautstärke, macht 38 Prozent aus. Der nonverbale Teil, also meine Mimik, Körperhaltung und Positionierung, 55 Prozent.“

Die Erkenntnis führt zur nächsten Übung. Martin Dolle zeigt sieben Positionen, die helfen können, Gewalt zu verhindern oder sich bestmöglich zu schützen.

Die Grundstellung, um abwehrbereit zu sein: Brust raus, Schultern gesenkt, Beine locker, Hände nach vorn. Motto: „Ich bin bereit, ohne zu provozieren.“

Der Boxerschritt: Ein Bein macht einen Schritt nach hinten, der Körper zeigt erhöhte Alarmbereitschaft, nimmt eine stabile und agile Haltung ein.

Die Boxerhaltung nun auch mit dem Oberkörper. Eine Hand wird aktiv nach vorn gestreckt, um zu signalisieren: „Bis hierhin und nicht weiter.“

Die Stimme als Waffe: Die Position wird beibehalten, es folgt ein sehr lauter, bestimmter „Stopp“-Schrei mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Das Wegstoßen: Den Angreifenden in der Notwehr wegschubsen, dabei die Verhältnismäßigkeit beachten und danach wieder Distanz wahren.

Flucht als Waffe: Eine Hand in den Nacken, die Arme vor dem Kopf verschränken, das Gesicht schützen – und wie ein Rammbock die Flucht ergreifen.

Auf dem Boden: Kommt es zum Sturz, die Hände vors Gesicht, ein Fuß als Hebel auf dem Boden, der andere tritt, der Körper bewegt sich, weicht aus.

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Es beginnt mit einer Präventionsstellung: Brust raus, Beine locker, Hände nach vorn. „Wisst ihr, wann ihr diese Positionierung im Alltag sehen könnt? Sobald ihr eine Polizistin oder einen Polizisten ansprecht. Die müssen immer wach sein, und genau das signalisiert diese Position.“ Generell sei Wachsamkeit ein zentrales Rezept der Gewaltprävention. „Das bedeutet auch“, sagt Dolle, „wenn ich durch eine dunkle und unübersichtliche Gegend laufe, dann bitte das Handy in die Tasche und keine In-Ear-Kopfhörer in den Ohren.“

Bei der nächsten der sieben Körperpositionen zeigt Dolle den Boxerschritt, später das wirksame Wegschubsen aus Notwehr. Bei der siebten und letzten Position legt er sich hin, ein Bein bleibt am Boden, eines geht nach oben, wie auch die Hände, „dazu unbedingt in Bewegung bleiben“. Im Falle eines Angriffs kann diese Position vor schweren Verletzungen schützen. Was den Teilnehmenden nach der Übung auffällt: Keine der sieben Positionen war aggressiv oder angriffslustig. „Das ist eine extrem wichtige Lektion, denn die beiden wichtigsten Waffen zur Gewaltprävention sind die Stimme und die Flucht“, sagt Dolle. So gern er Kampfsport betreibe: „Auf der Straße habe ich auf Kämpfe überhaupt keinen Bock, denn wer mich dort angreift, hält sich nicht an Regeln.“

Mobbing macht nicht vor dem Werkstor halt.

Martin Dolle,
Gewalt- und Mobbingprävention/Intervention

Hilfe bei Mobbing

Wer von Mobbing betroffen ist, kann sich Hilfe suchen: Erste Anlaufstelle im Betrieb sind der Betriebsrat oder die Vertrauensleute. Zudem bietet eine Reihe von Organisationen Hilfe-Hotlines und Onlineberatungen an.

Seminare für die IGBCE

Nach der Einheit legt der Coach eine kurze Pause ein. Die Teilnehmenden tauschen sich über Momente aus, in denen sie Bedrohungen erlebt haben. Der Tenor: Solche Situationen kommen häufiger vor, als man denkt. Dolle erzählt von seinen Zielen als Fachcoach. Seinem Hauptberuf im Chemiepark Marl werde er treu bleiben, jedoch sei die Auftragslage als Coach so gut, dass er ein Nebengewerbe angemeldet habe. Lag der Schwerpunkt seiner Trainings zunächst bei Besuchen in Schulklassen, richtet sich sein Angebot nun verstärkt an Lehrkräfte oder pädagogische Beschäftigte. An Multiplikatorinnen und Multiplikatoren also „mit der Idee, dass diese ihr Wissen an die Kinder und Jugendlichen weitergeben“.

Der nächste Schritt ist in Vorbereitung: Ab Anfang 2026 besucht Dolle die notwendigen Seminare beim IGBCE-Bildungsanbieter BWS, um im Verlauf des Jahres als Referent für Mitglieder der IGBCE tätig sein zu können. „Mobbing macht nicht vor dem Werkstor halt“, sagt er. Ob Azubis, die im Betrieb nach Orientierung suchen, oder erfahrene Fachkräfte, die sich plötzlich ausgegrenzt fühlen – „das Thema ist in den Betrieben gegenwärtiger, als man denkt“. Laut Mobbing-Report des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales haben 6,5 Prozent der abhängig Erwerbstätigen in Deutschland Erfahrungen mit Mobbing durch Vorgesetzte und/oder Kolleginnen und Kollegen gemacht. Besonders betroffen sind jüngere Beschäftigte zwischen 18 und 29 Jahren. Dabei wäre es falsch, zu glauben, dass es in einem Betrieb zwar im Einzelfall zu Mobbing kommen könne, aber sicher nicht zu Gewalt. „Mobbing ist psychologische Gewalt“, sagt Dolle. „Die seelischen Verletzungen, die einem Menschen dadurch zugefügt werden, sind so gefährlich wie die körperlichen.“ Vielleicht sogar gefährlicher. „Weil sie oft schwerer heilen als Knochenbrüche.“