Video: Geschichten über Parfümfläschchen von Handwerk bis Glamour.
Das Kleid der Düfte
Im oberfränkischen Kleintettau wird seit mehr als 400 Jahren Glas hergestellt. Das Europäische Flakonglasmuseum erinnert daran – und ist doch mehr als ein Bewahrer. IGBCE-Mitglied Torsten Fiedler führt durch eine Ausstellung, in der persönliche Geschichten, Kunst, Macht und Reichtum ineinanderfließen.
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Vom geschmolzenen Glas zur Massenware: Mit Druckluft am Halbautomaten formen Glasmacher einen Flakon in Sekunden.
Auf dem Weg ins Europäische Flakonglasmuseum werden die Straßen schmaler, die Wälder dichter und die Häuser dunkler. Das Museum liegt in Kleintettau mitten im Frankenwald, am Rande des Schiefergebirges. Das schwarze Gestein verkleidet hier fast alle Dächer und Fassaden. Bekannt ist die Region nicht nur für Schiefer und den angrenzenden Fernwanderweg Rennsteig, sondern auch für eine jahrhundertealte Glastradition. Wenige Meter vom Ortseingang entfernt wird diese Tradition lebendig.
Eine gelbe Parfümflasche umrahmt den Eingang des Flakonglasmuseums, drinnen öffnet Torsten Fiedler die Tür in ein anderes Jahrhundert: An einer eisernen Werkbank, dem Halbautomaten, sind zwei Männer in blau-weißen Hemden beschäftigt. Ein Dritter arbeitet an einem Ofen aus Stein, in dem Glas bei mehr als 1.200 Grad Celsius zu einer honigartigen Konsistenz geschmolzen wird. Das Gesicht des Glasmachers glänzt, in seinen Augen spiegelt sich das Feuer. Er hält einen mannshohen Stab in den Ofen. Schnell dreht er das Eisen mit den Händen und zieht es heraus. An der Spitze glüht eine Kugel, so groß wie ein Tischtennisball. Eine zähe, rot leuchtende Träne löst sich. Sein Arbeitskollege am Halbautomaten schneidet den Glastropfen ab und lässt ihn in eine Metallform gleiten. Jetzt geht es schnell: ein Hebel, ein Klacken. Ein Pedal, ein Zischen. Fertig. Aus der Glasmasse entsteht in Sekunden ein Glasflakon.
„Soviel wir wissen, sind wir in Europa die einzigen, die eine Vorführung am Halbautomaten bieten“, sagt Torsten Fiedler. Die Maschine ersetzte ab den 1920er-Jahren das Mundblasen durch Druckluft.
Nostalgie mit Kölnisch Wasser
Fiedler ist einer von drei Angestellten des Museums. Die Glasmacher am Halbautomaten und das Personal für die Führungen sind ehrenamtlich tätig. Der 42-Jährige ist für die Gästebetreuung zuständig. Er organisiert die Vorführungen am Halbautomaten und Besichtigungen für Gruppen: Fachbesuche, Stippvisiten, Rundgänge mit einem verkleideten Parfümeur. Etwa 7.000 Menschen kommen wegen des Flakons jedes Jahr nach Kleintettau.
Das Wort stammt aus dem Französischen und heißt wörtlich übersetzt Fläschchen. Dabei ist der Flakon weit mehr als ein Gefäß. „Manche Gäste werden richtig nostalgisch, wenn sie eine 4711-Flasche in unserer Ausstellung sehen. Und auch ich habe sofort den Duft meiner Oma in der Nase“, sagt Fiedler.
Das Museum zeigt das berühmte Kölnisch Wasser mit rotem Deckel und goldenem Emblem in all seinen Facetten – in Fingerhutgröße, im Geschenkkarton, als Dekorationsflasche. Einzelne Vitrinen widmen sich Chanel No 5 und dem Duft von Königin Elisabeth II.: Joy von Jean Patou. Es galt einst als das teuerste Parfüm der Welt. In anderen Schaukästen stehen Ölfläschchen aus dem ersten Jahrhundert und Flakonschöpfungen des Künstlers Salvador Dalí. Mehr als 3.000 Ausstellungsstücke verteilen sich auf zwei Etagen – neben Flakons auch Prospekte, Verpackungen und andere Raritäten berühmter Parfümmarken.
Eines der ältesten Ausstellungsstücke: Gefäß aus dem 1. bis 5. Jahrhundert.
Was macht den Glasflakon besonders? Seine Herstellung, sein Design, sein Inhalt. Das Flakonglasmuseum vereint alle drei Facetten auf 600 Quadratmetern.
Erst Porzellanmaler und Restaurator, jetzt Museumsleiter: Sandro Welsch.
Fiedler arbeitet seit 2022 für das Museum. Er sammelt auch privat Duftflakons. Mehr als dreißig Stück hat er bereits. Sein Badschrank zu Hause ist voll. Weitere stehen im Büro. Das teilt er sich mit seinem Chef, Museumsleiter Sandro Welsch.
Beide wuchsen in der Gegend um Kleintettau auf – in einer Region, und doch in unterschiedlichen Welten. Die Gegend liegt in Bayern und in Thüringen. „Wir hatten vor unserem Wohnzimmerfenster die Grenze“, sagt Welsch. Er wuchs in der damaligen DDR auf, Fiedler in der BRD.
Welsch ist ausgebildeter Porzellanmaler und -designer sowie studierter Restaurator für Glas und Keramik. Der 49-Jährige trägt Designerbrille, darunter einen grau melierten Bart. Fiedler ist zwei Köpfe größer. Kräftiger Händedruck, immer auf der Suche nach einem witzigen Spruch. Beide verbindet die Liebe zum Parfüm. „Ich habe eine feine Nase: Es passiert häufiger, dass ich in einen Raum komme und genau weiß, welchen Duft jemand trägt“, sagt Fiedler. „Ein Naturtalent“, sagt Welsch.
Erst sieht man den Flakon. Dann kommt der Duft.
Torsten Fiedler,
Gästebetreuer und IGBCE-Mitglied
Die beiden stehen vor einer schwarzen Damast-Tapete mit großen Blumenornamenten. Kupferfarben reflektiert sie das Licht des Kronleuchters an der Decke des Ausstellungsraums. In der Wand eingelassen sind drei rechteckige Vitrinen. Darin leuchten übergroße Parfümflakons in gelben, blauen und roten Farben und Designs. „Das sind unsere Großfacticen. Einfach schön“, sagt Fiedler.
Sind es also nicht die Düfte, die uns betören, sondern ihre Hülle? Ihr Kleid? Beides gehöre zusammen, sind sich Fiedler und Welsch einig. „Zuerst sieht man den Flakon. Dann kommt der Duft. Beides ist untrennbar miteinander verbunden“, sagt Fiedler.
Damit ein Flakon in die Ausstellung kommt, muss er vor allem eines sein: ein Hingucker. Daneben zählt der Hersteller, die Veredelung und der historische Bezug. „Es ist nicht Sinn der Sache, dass das Museum aussieht, als laufe man durch eine Parfümerie“, sagt Welsch. „Unser Fokus liegt auf Kosmetik- und Medizinalflakons, denn lange war Parfum auch Medizin und wurde getrunken.“
„La Bouche“: vom Entwurf zum Flakon
Asche bewahren, Feuer schüren
Das Museum hat einen Bestand von 15.000 Objekten. Um möglichst viele zeigen zu können, gibt es jährlich wechselnde Sonderausstellungen. Außerdem ist eine dauerhafte Präsentation zum Thema Parfümerie- und Kosmetikkultur der DDR geplant. Das Museum erhält dafür zwei neue Räume.
Motor der Entwicklung ist Carl-August Heinz, einstiger Geschäftsführer des Familienunternehmens Heinz-Glas und Vorsitzender der Glasbewahrer am Rennsteig. Dieser Verein eröffnete 2008 das Europäische Flakonglasmuseum und ist bis heute dessen Träger.
Die Pläne, vor Ort ein Glasmuseum zu errichten, nahmen nach der Wende Gestalt an. Die Herausforderung: eine klare Unterscheidung zum Glaskunstmuseum im nahe gelegenen Lauscha. Deswegen der Fokus auf den Flakon. Den fertigt Heinz-Glas seit mehr als 400 Jahren in Kleintettau.
Produziert wird direkt neben dem Museum. Von einer Tribüne aus können Gäste die Herstellung der Glasflakons live erleben – inklusive Lautstärke und Hitze. „Wir sind eigenständig, profitieren aber von unserer engen Verbindung zu Heinz-Glas. Dadurch haben wir einen guten Draht zu großen und kleinen Parfüm- und Kosmetikherstellern“, sagt Museumsleiter Welsch.
Geht es nach ihm, rücken Werk und Museum noch enger zusammen: Auszubildende sollen eine Station am Halbautomaten durchlaufen – und die Tradition bewahren.
Guide: Tettau und Umgebung
Europäisches Flakonglasmuseum
Weitere Information unter der Karte.
Tropenhaus Klein Eden
Weitere Information unter der Karte.
Höhenwanderweg Rennsteig
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Erlebniswelt Feengrotten
Weitere Information unter der Karte.
Hotelempfehlung
Benno der Wagen
Tiny House am Waldesrand etwas
außerhalb von Kleintettau.
95 bis 105 Euro (ohne Frühstück)
www.schlaf-im-wagen.de
Hotelempfehlung
Hotel Rennsteig
Rennsteigstraße 33
96361 Steinbach am Wald
DZ ab 98,00 Euro (mit Frühstück)
www.hotelrennsteig.de
Gastronomie
Anno Domin
Kartoffelrestaurant
www.facebook.com/AnnoHighland
Gastronomie
Wildbergcafé
Selbst gebackener Kuchen
www.wildbergcafe.de
Europäisches Flakonglasmuseum
Glashüttenplatz 1–7
96355 Kleintettau
Aktuelle Öffnungszeiten und Eintrittspreise unter:
www.glasbewahrer.de
Tropenhaus Klein Eden
Papayas aus Bayern? In Klein Eden, dem Tropenhaus in Tettau, wachsen sie. Daneben gibt es Avocados, Kakao, Maracujas und weitere tropische Früchte. Beheizt wird das Tropenhaus mit der Abwärme aus der Heinz-Glas-Produktion.
www.tropenhaus-am-rennsteig.de
Höhenwanderweg Rennsteig
Zwei Kilometer vom Museum entfernt verläuft der Rennsteig. Deutschlands ältester Höhenwanderweg führt in acht Etappen quer durch den Thüringer Wald bis in den Frankenwald. Die Strecke kann zu Fuß, mit dem Fahrrad und auf Skiern bewältigt werden.
www.rennsteig.de
Erlebniswelt Feengrotten
In der Erlebniswelt Feengrotten in Saalfeld kann man Tropfsteine unter Tage bestaunen, während über Tage ein Erlebnismuseum und ein Abenteuerwald warten.
www.feengrotten.de