Kante zeigen
Anfang März starten die Betriebsratswahlen. Für die bayerischen Betriebe in den IGBCE-Branchen ist es die Chance, Mitbestimmung mit Leben zu füllen.
Leben Mitbestimmung: Petra Ziegler, Harald Merz, Tanja Ippenberger (v.l.).
Seit 1. März sind Beschäftigte in den Unternehmen aufgerufen, ihre Interessenvertretung zu wählen – oder selbst zu kandidieren. Für die bayerischen Betriebe in den IGBCE-Branchen ist dieses demokratische Kernmoment eine Chance: Betriebsräte sind das Rückgrat gelebter Demokratie im Betrieb. Sie hören zu, wissen, wo der Schuh drückt, und sorgen dafür, dass Beschäftigte bei wichtigen Entscheidungen mitreden können – bei Arbeitszeiten, Gesundheitsschutz, Qualifizierung oder Umstrukturierungen. Ohne Betriebsrat gäbe es keine verlässliche Stimme der Belegschaft und kein Gegengewicht zur Arbeitgeberseite.
Mitbestimmung macht den Unterschied: Für Harald Merz ist das keine abstrakte Formel, sondern Alltag. Seit 1994 engagiert er sich im Betriebsrat bei Gerresheimer Lohr, seit 2017 als freigestellter Betriebsratsvorsitzender. Gerade in einer Zeit voller Umbrüche sei es wichtiger denn je, im Sinne der Kolleginnen und Kollegen Einfluss zu nehmen. Sein Credo: „Nicht nur meckern, sondern Verantwortung übernehmen.“ Als Betriebsrat sei man die erste Anlaufstelle bei Problemen, bündele Interessen und vertrete sie gegenüber der Geschäftsleitung – im Team und mit klarer Haltung.
Mitbestimmung fällt nicht vom Himmel.
Harald Merz,
Betriebsratsvorsitzender Gerresheimer Lohr
Auch persönlich habe ihn das Amt geprägt. „Man entwickelt sich weiter, lernt, auf Augenhöhe zu verhandeln, und baut Netzwerke auf, die im Zweifel helfen“, sagt Merz, der sich seit mehr als 35 Jahren im IGBCE-Bezirk Mainfranken engagiert. Die Unterstützung „seiner“ IGBCE sei dabei unverzichtbar: Schulungen, Leitfäden und rechtliche Beratung machten Betriebsratsarbeit erst möglich, bei der Wahl ebenso wie im Alltag.
Mitbestimmung attraktiv für Junge
Wie stark Mitbestimmung gerade für Jüngere an Bedeutung gewinnt, zeigt das Beispiel von Tanja Ippenberger. Sie wurde bei der Betriebsratswahl 2022 bei der Schott AG am Standort Landshut direkt vom Amt der Vorsitzenden der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) zur stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden gewählt und erhält von der IGBCE große Unterstützung. Möglichkeiten und Einfluss der Mitbestimmung durch den Betriebsrat seien im Vergleich zur JAV noch einmal deutlich intensiver gewesen als gedacht.
„Ich kann mich intensiv den Anliegen widmen, die meine Kolleginnen und Kollegen beschäftigen, und sie noch gezielter unterstützen“, sagt sie. Gleichzeitig verschweigt Tanja Ippenberger die Herausforderungen des Amts nicht: „Die Erwartungen sind mitunter sehr hoch. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass es trotz größtem Engagement nicht möglich ist, jeden Wunsch zu erfüllen.“
Mut ist wichtig
Auch Petra Ziegler, Betriebsratsvorsitzende bei Nephrocare Augsburg, kennt dieses Spannungsfeld. Sie hat den Betriebsrat dort nach dem Aufkauf durch Fresenius Medical Care 2018 mit aufgebaut und übt ihr Ehrenamt seither neben dem Job als medizinische Fachangestellte aus. Betriebsratsarbeit bedeutet für sie, Mitsprache einzufordern – etwa bei neuen Schichtmodellen –, damit Veränderungen tatsächlich zur Zufriedenheit der Beschäftigten beitragen.
„Man braucht ein dickes Fell, Durchhaltevermögen und einen langen Atem“, unterstreicht Petra Ziegler. Gleichzeitig dürfe man das Ziel nie aus den Augen verlieren: faire Arbeitsbedingungen und Respekt gegenüber den Menschen, die den Betrieb am Laufen halten. Gerade im Pflege- und Sozialbereich sei es wichtig, Kante zu zeigen und sich zu trauen, Forderungen klar zu formulieren. „Wenn man ruhig bleibt, kann sich nichts verändern.“
„Gute Arbeitsbedingungen fallen nicht vom Himmel. Man muss sich trauen, Dinge anzusprechen und gemeinsam aufzustehen“, ermutigt Ziegler. Die IGBCE sei dabei ein starker Partner: „Wir haben bei null angefangen. Zu wissen, dass wir von der IGBCE das nötige Rüstzeug bekommen, um die Anliegen der Kolleginnen und Kollegen kompetent beantworten zu können, und zu wissen, dass unsere Aussagen rechtlich haltbar sind, gibt Sicherheit.“
Entscheidend für die Zukunft
Die Betriebsratswahlen sind deshalb mehr als Routine. Sie entscheiden darüber, wie stark Mitbestimmung in den kommenden Jahren ist und wie sehr Beschäftigte ihre Arbeitswelt gestalten können. Wer kandidiert, investiert Zeit und Energie. Lohnend ist das Engagement in jedem Fall: Der Betriebsrat kann die Zukunft Guter Arbeit entscheidend mitprägen.