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Arbeitgebercheck

Foto: Picture Alliance/dpa | Daniel Karmann

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Fairplay geht anders

Text Jens Heitmann

Adidas zählt zu den bekanntesten Sportartikelherstellern die Marke mit den drei Streifen ist hinter dem US-Konzern Nike weltweit die Nummer zwei. Der Markt wächst dynamisch, Umsatz und Gewinn sind zuletzt deutlich gestiegen. Dennoch will Adidas beim Personal sparen und aus der Tarifbindung ausscheren. Was heißt das für die deutschen Standorte?

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Adidas

Adidas ist die Folge einer Familienfehde: Weil sich Adolf „Adi“ Dassler mit seinem Bruder Rudolf zerstritt, gaben sie ihre gemeinsame Firma auf und gründeten jeweils ihre eigene – Puma 1948 und ein Jahr später Adidas, beide mit Sitz in Herzogenaurach. Aus der fränkischen Heimat steuert der Konzern seine Geschäfte auch heute noch; die Produktion aber wurde – bis auf die Fertigung spezieller Fußballschuhe – nach Asien ausgelagert. Adidas zählt weltweit rund 62.000 Beschäftigte, davon rund 7.700 in Deutschland. Seit die Erben aus der Familie ihre Anteile verkauft haben, hat der Konzern einen breiten Aktionärskreis, die größten Anteilseigner sind institutionelle Investoren, vor allem aus Nordamerika.

Gründung 1949

Rechtsform Aktiengesellschaft (80 Prozent der Aktien im Besitz von institutionellen Investoren, 19 Prozent Privatanleger*innen, 1 Prozent Adidas AG)

Börsengang 1995 (seit 1998 im Dax)

Sitz Herzogenaurach

Umsatz 23,7 Milliarden Euro (2024)

Gewinn 832 Millionen Euro

Beschäftigte 62.000 (davon 7.700 in Deutschland)

Produkte Sportartikel

Arbeitsumgebung

Für eine Kleinstadt wie Herzogenaurach mit 26.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist die Konzerndichte ungewöhnlich hoch: Neben Adidas und Puma hat dort auch der Autozulieferer Schaeffler seinen Sitz. In der Zentrale rund 30 Kilometer nördlich von Nürnberg beschäftigt Adidas etwa 6.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, im Logistikzentrum in Uffenheim sind es rund 350 und in Scheinfeld mit der Schuhproduktion und zwei Logistikzentren etwa 500. Der Logistikstandort Rieste bei Osnabrück zählt etwa 1.300 Beschäftigte. Hinzu kommen die Mitarbeitenden in den Filialen.
Wegen des starken Wettbewerbs um Fachkräfte im wirtschaftsstarken Großraum Nürnberg/Erlangen bietet Adidas etliche Extras – auf dem Campus neben der Zentrale gibt es viele Sportmöglichkeiten, die Mitgliedschaft im firmeneigenen Fitnessstudio kostet nur 25 Euro monatlich. Mineralwasser und Tee gibt es kostenlos, die Kantine hat faire Preise. Zwei Tage je Woche dürfen die Beschäftigten in Herzogenaurach zu Hause arbeiten, für die Standorte Uffenheim und Scheinfeld gilt das größtenteils nicht. Adidas will die Karriere von Frauen fördern und bietet eigene Programme, rund 40 Prozent der Führungspositionen sind weiblich besetzt. Die Arbeitszeit für tariflich Beschäftigte beträgt 39 Stunden pro Woche, Überstunden werden ausgeglichen. In Scheinfeld und Uffenheim wird die 40. Wochenstunde als tarifliche Leistung separat ausgewiesen und vergütet.

Betriebsklima

Grundsätzlich sieht die Belegschaft Adidas als fairen Arbeitgeber. Die starke Marke und das internationale Flair – in Herzogenaurach arbeiten Menschen aus mehr als 100 Nationen – machen die Jobs in der Konzernzentrale insbesondere für Jüngere attraktiv. Wer schon etwas länger dabei ist, sieht auch die Schattenseite: Selbst konstruktive Kritik an Vorgaben aus dem oberen Management wird oft nicht gern gehört, Beurteilungen können schnell ins Negative kippen – wer nicht länger als „relevant“ gilt, kann sich im Abseits oder auch direkt vor der Tür wiederfinden. Auch sonst hat das Sicherheitsgefühl nachgelassen: Adidas hat im vergangenen Jahr in der Zentrale mehr als 500 Stellen gestrichen.
Diese Sorgen haben die Beschäftigten in Scheinfeld nicht: Dort wird seit 1979 der Copa Mundial gefertigt, der angeblich meistverkaufte Fußballschuh der Welt. Die Produktion läuft weitgehend automatisiert. Gleichzeitig fertigt das Team in Scheinfeld maßgeschneiderte Fußballschuhe für Profikicker. Die Betriebszugehörigkeit liegt bei rund einem Dutzend Jahren. In Uffenheim sind die Sorgen größer, weil Adidas mit seiner Logistik dort nur als Mieter auftritt. Zuletzt wurden die Verträge bis 2029 verlängert, Garantien für eine Fortführung darüber hinaus gibt es nicht. In den Filialen fühlen sich viele Beschäftigte angesichts der hohen Arbeitsbelastung schlecht bezahlt. Die Fluktuation ist hier besonders hoch.

Mitbestimmung

Die innerbetriebliche Demokratie ist bei Adidas intakt – bisher zumindest. An den Standorten Herzogenaurach, Uffenheim, Scheinfeld und Rieste gibt es jeweils eigene Betriebsräte die Interessen aller Beschäftigten werden von einem Gesamtbetriebsrat gebündelt.
Das vertraute Zusammenspiel zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der Belegschaft und dem Management könnte sich in Zukunft jedoch ändern: Durch die Aufkündigung der Tarifbindung seitens des Konzerns wird das bisher gute Verhältnis auf die Probe gestellt. Die Tonlage zwischen Teilen der Arbeitnehmervertretungen und dem Vorstand ist bereits rauer geworden, auch unter den Beschäftigten zeichnen sich Interessenunterschiede ab: In der Konzernzentrale nehmen viele den Ausstieg aus dem Flächentarifvertrag eher achselzuckend zur Kenntnis, auch weil in Herzogenaurach viele ausländische Beschäftigte mit dem deutschen Tarifrecht nicht vertraut sind; Ähnliches gilt für Rieste. In Scheinfeld und Uffenheim dagegen ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad vergleichsweise hoch. Somit herrschen dort bessere Voraussetzungen für einen erfolgreichen Arbeitskampf um einen Haustarifvertrag, wie ihn die IGBCE anstrebt. Gleichzeitig gibt es eine hohe Verbundenheit der Beschäftigten mit „ihrem“ Unternehmen. Das weiß auch das Management und bemüht sich um eine gemeinsame Front gegen die Forderung der IGBCE.

Tarifbindung

Bis August durften sich die Adidas-­Beschäftigten als privilegiert fühlen: Für den Konzern galt eine eigene tarifliche Entgelttabelle, die 10 Prozent höhere Vergütungen garantierte als der Flächentarifvertrag für die Schuhindustrie. Zum 1. September 2025 hat der Konzern jedoch seine Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband der Branche von einer ordentlichen zu einer ohne Tarifbindung geändert. Adidas begründet das mit dem Wunsch nach Flexibilität und will damit die Forderung der IGBCE abwehren, Entgeltgruppen für Höherqualifizierte auszuweiten, die bisher außertariflich bezahlt werden. Diese Beschäftigten, die in der Zentrale die Mehrheit stellen, würden im internationalen Wettbewerb zu teuer, so die Begründung.
Das Unternehmen wird Lohnerhöhungen aus der jüngsten Tarifrunde an die 4.600 tariflich Beschäftigten weitergeben. Verpflichtet ist es dazu jedoch nicht mehr. Die Hürde für den Erhalt eines AT-Vertrages liegt bei Adidas vergleichsweise niedrig: Schon ab einem Bruttojahresgehalt von rund 75.000 Euro fallen Beschäftigte aus dem Tarifvertrag – und bekommen dann beispielsweise Überstunden nicht mehr extra vergütet. Die IGBCE hat Adidas zu Haustarifverhandlungen für die Standorte Scheinfeld und Uffenheim aufgefordert. Sie fordert unter anderem eine Tariferhöhung von sieben Prozent, mindestens aber 200 Euro mehr in der Entgelttabelle. Der Konzern lehnt Verhandlungen bislang ab.

Zukunftsfähigkeit

Im Vergleich zu den Konkurrenten Nike und Puma steht Adidas aktuell gut da: Während der US-Konzern zuletzt bei Umsatz und Gewinn schwächelte und der Nachbar aus Herzogenaurach sogar schon als Übernahmekandidat gehandelt wird, sieht sich der Drei-Streifen-Konzern gut unterwegs auf dem Weg zu einer „gesunden Firma“. Diesen Status hat Vorstandschef Bjørn Gulden vor drei Jahren bei seinem Amtsantritt – nach seinem Wechsel von Puma – als Ziel für 2026 ausgerufen. Zuvor war Adidas wegen des Rückzugs aus Russland, der Corona-Lockdowns in China und Fehlern des alten Managements in die Krise gerutscht. Inzwischen haben sich die Geschäfte dank einer Neuausrichtung der Marke und der wiederentdeckten Wertschätzung für den Fachhandel stabilisiert.
An der Börse hält sich der Optimismus gleichwohl in Grenzen: Der Kurs der Adidas-Aktie liegt noch weit unter dem Niveau vor der Pandemie. Für den Konzern stehen die Zeichen trotz der gestiegenen Zölle in den USA auf Expansion, er hat seine Prognosen nach oben geschraubt – auch weil 2026 mit den Olympischen Winterspielen und der Fußball-Weltmeisterschaft gleich zwei sportliche Großereignisse im Kalender stehen. Wachstumschancen sieht man auch im Mode- und Lifestyle-Segment: Adidas sieht sich als Unternehmen, „das Sport und Street-Culture ­verbindet“.

Das sagt Adidas

Das Unternehmen lehnte eine Stellungnahme ab und wollte die von uns gestellten Fragen nicht beantworten.

Unser Fazit

Anders als die größten Wettbewerber scheint Adidas wieder auf Kurs zu sein. Bisher erfüllt der Konzern die Erwartungen, die das Management geweckt hat. Die Marke gilt als sehr robust – selbst die abrupte Trennung vom Skandal-Rapper Kanye West und dessen Modemarke Yeezy konnte dem eigenen Image nicht viel anhaben. Die Brutto­marge erreichte unlängst 50 Prozent. Trotzdem werden die Beschäftigten unter Wert bezahlt, ist Adidas unlängst aus dem Flächentarif ausgeschert und verweigert sich bislang Verhandlungen über einen Haustarifvertrag. Die Belegschaft ist damit bei Entgelt und Arbeitsbedingungen der Willkür des Managements ausgesetzt. Das wird die IGBCE nicht akzeptieren: Das Adidas-Team verdient ein Entgeltsystem mit ChampionsLeague-Anspruch – und nicht zweite Liga.

Quellenhinweis: Dieser Arbeitgebercheck basiert auf Recherchen bei Beschäftigten, Betriebsräten, Vertrauensleuten sowie Betriebsbetreuerinnen und -betreuern der IGBCE. Die zusammen­getragenen Informationen sind aus Gründen des Quellenschutzes bewusst anonymisiert. Jede Angabe kann jedoch konkret bestimmten Quellen zugeordnet werden. Zudem wurden öffentlich zugängliche Quellen einschließlich der Angaben des Unternehmens selbst genutzt.